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HONORÉ DAUMIER
Spiegel der Gesellschaft
Vom 6. Februar 2026 bis zum 25. Mai 2026
Mit Humor und recht viel Gift
Er war keiner, der seine Mitmenschen liebevoll betrachtet hätte: Honore Daumier war als Satiriker zu begabt, um nicht hinter die Fassaden zu sehen und das Erkamnte darzustellen. Das Frankreich des 19. Jahrhundert muss ihn zu seinen größten Kritikern zählen. Und wenn die Albertina in ihrem großen Jubiläumsjahr (250 Jahre immerhin) nun die erste Ausstellung diesem Künstler widmet, tut sie es auch, weil sein Blick ins Gestern eine Menge Erkenntnispotential für heute bringt.
Von Renate Wagner

Honore Daumier Daumier wurde am 26. Februar 1808 in Marseille in eine Familie hinein geboren, die so arm war, dass er nach deren Übersiedlung nach Paris schon als 13jähriger als Laufbursche (Kinderarbeit!) zum gemeinsamen Unterhalt beitragen musste. Die Hilfsarbeit bei einem Buchhändler erweiterte seinen Horizont, und nach kurzem Studium schuf er schon die ersten Lithographien, die damals neue Technik, bei welcher direkt auf Stein gezeichnet wurde. Im Lauf seines Lebens schuf er an die 4000 Werke dieses Genres, dazu an die 1000 Holzschnitte und (vergleichsweise viel weniger) Gemälde. Mit seinen Karikaturen zeitgenössischer Ereignisse und der Gesellschaft, die er vordringlich für die Zeitschriften „La Caricature“ und „Le Charivari“ schuf, geriet er auch in Konflikt mit der Zensur – wie Nestroy in Österreich. Nur dass sich dessen Gefängnisaufenthalte auf ein paar Nächte beschränkten, während Daumier für seine unbotmäßigen Darstellungen der Herrschenden (der „Bürgerkönig“ als „Birne“) Monate absitzen musste. Im Herzen Republikaner und ewig kritisch, begleitete er sein Jahrhundert bis zu seinem Tod am 10. Februar 1879, der ihn tragischerweise erblindet und verarmt fand.

Frankreichs 19. Jahrhundert Die Napoleonischen Kriege hatten ganz Europa im Chaos hinterlassen, das man mit dem Wiener Kongress 1814/15 einigermaßen zu lösen versuchte. Während es in der Habsburger Monarchie (die auch von den Revolutionen betroffen war) durch die geregelte Abfolge der Herrscherpersönlichkeiten aus der Familie einigermaßen ruhiger zuging, versankt Frankreich im Chaos. Die Rückkehr der Bourbonen scheiterte, der „Bürgerkönig“ Louis Philippe (aus einer Nebenlinie der Bourbonen stammend) erwies sich als gnadenloser Autokrat, den Daumier treffend als „Gargantua“ (das gefräßige Monster von Rabelais, ein jedem bekanntes Scheusal der französischen Literatur) darstellte. Und die Welt um ihn gebärdete sich entsprechend…

Als es mit den Bourbonen nicht geklappt hatte, schaffte es ein Neffe Napoleons als Napoleon III. das so genannte „Zweite Kaiserreich“ zu errichten, das dann endlich 1870 in die Republik überging. Es war eine Epoche ununterbrochener Aufstände, Umstürze, Revolutionen, Kriege, politischer Verwerfungen, und man müsste schon ein intimer Kenner aller Details von Frankreichs Geschichte sein, um alle sozialkritischen Karikaturen von Daumier dem realen Ereignis, aus dem sie entstanden, zuordnen zu können. Doch hat die Loslösung von der jeweiligen Situation für den Betrachter heute auch den Vorteil, dass man die Werke auf ihre Grundsätzlichkeit hin betrachten kann – und da wird man im reichsten Maße fündig.

Von der Allegorie zur Brutal-Satire Die Albertina hat als Signet-Werk ihrer Ausstellung die Lithographie „Das europäische Gleichgewicht“ gewählt – da balanciert eine Dame, die man auf gut Wienerisch als „zernepft“ bezeichnen könnte, höchst unsicher scheinbar auf einem Ball, der sich bei näherer Betrachtung nicht als Erdkugel, sondern als Kanonenkugel herausstellt. Hätte die Europäische Union Humor und Selbsterkenntnis, sie könnte diese Dame durchaus als ihr Wahrzeichen anerkennen. Und auch wie das Budget „gestemmt“ wird (wenngleich der Sack dicker scheint als die heutigen Bestände), mutet vertraut an. Ebenso wie die Politiker und die Juristen, die Daumier grenzenlos aufs Korn nahm, heute auch nicht schöner sind als damals (und man ihnen ihre charakterliche Fadenscheinigkeit ansieht). Um diese Herrschaften auch immer vor Augen zu haben, modellierte Daumier sie in kleinen Porträtplastiken, von denen die Ausstellung zahlreiche zeigt.

Erkenne Dich selbst Vielleicht war der Vergleich mit Loriot, den Albertina-Direktor Ralph Gleis fand, nicht der glücklichste. Zwar sind Loriots Männchen skurril und dümmlich genug und auch nicht so harmlos, wie sie aussehen, aber sie wären nicht so beliebt, hätte er denselben gnadenlosen Blick auf die Normalmenschen geworfen wie Daumier. Bei diesem kommen alle Schichten der Gesellschaft an die Reihe, und dabei gibt es geradezu entsetzliche Fratzen zu sehen – Bosch oder auch Goya sind die manchmal gar nicht weit entfernt. Besonders lächerlich ist ihm der „Bürger“ wenn er sich als Kunstkenner gibt – da hat sich die Ausstellung einen Trick ausgedacht, in eine Reihe von Bildern diese Genres zwei Spiegel einzufügen. Da kann man sich fragen, ob man selbst vielleicht genau so töricht aussieht?

Nicht nur die Zeichnungen Die von Laura Ritter kuratierte Wiener Ausstellung konnte zwar rund ein Viertel des knapp 200 Werke umfassenden Schau aus den eigenen Albertina-Beständen holen, beruht aber mit gut 120 Leihgaben auf der Sammlung des Frankfurter Anwalts Hans-Jürgen Hellwig, der buchstäblich tausende Werke von Daumier zusammen getragen und vor zwei Jahren dem Frankfurter Städel Museum geschenkt hat, das bereits eine Ausstellung veranstaltet und die Werke nach Wien weiter geliehen hat.

Die Albertina hat die Auswahl vor allem um Ölgemälde ergänzt – schier unglaublich, wie sanft Daumier wurde, wenn er nicht auf Stein zeichnete, sondern sich vor die Staffelei stellte. Dann fügt sich sein Werk zu dem der großen Malerkollegen der Epoche, und Don Quijote und Sancho Pansa sind vor seiner Satire sicher…
Wenn die Figuren zu laufen beginnen Als quasi moderne Intervention hat die Albertina Ausstellung eine Ecke zu einem kleinen Filmsaal umgestaltet. Und die Idee, Daumiers Figuren, die ohnedies immer in Bewegung zu sein scheinen, hier „laufen“ zu lassen, eignet sich als heutiger Kommentar zu einem Werk, das seine Heutigkeit in der Albertina mühelos unter Beweis stellt,
Albertina
HONORÉ DAUMIER
Spiegel der Gesellschaft
Vom 6. Februar 2026 bis zum 25. Mai 2026
Täglich von 10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch und Freitag von 10.00 – 21.00 Uhr

