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WIEN / Albertina: HER STORY

Die aufregenden acht Prozent

30.10.2026 | Ausstellungen, KRITIKEN

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WIEN / Albertina:
HER STORY
Künstlerinnen der ALBERTINA
Vom 30. Oktober 2026 bis zum 14. Februar 2027

Die aufregenden acht Prozent

Es ist ein Charakteristikum der Direktion von Ralph Gleis, dass die Albertina nun die eigene Sammlung nach immer neuen Aspekten durchkämmt und befragt. Im Jubiläumsjahr des 250jährigen Bestehens gilt die letzte Großausstellung nun den Frauen. Künstlerinnen sind in der ganzen Geschichte der Kunst (die Gegenwart ausgenommen) numerisch unterrepräsentiert, und das aus vielen bekannten, vor allem gesellschaftspolitischen Gründen. So verwundert es auch nicht, dass von den Beständen der Albertina nur acht Prozent weiblichen Schöpferinnen zugeschrieben werden können. Allerdings – bei über einer Million Blätter ergeben diese acht Prozent das immer noch eine erkleckliche Anzahl bemerkenswerter Schöpfungen.

Von Renate Wagner

Die anstrengende Recherche       Gleich vier Kuratorinnen –  Elsy Lahner, Elisabeth Dutz, Katharina Hövelmann und Eva Michel – sind seit längerer Zeit mit der künstlerischen „Frauenfrage“ der Albertina-Bestände befasst, die in der Gegenwart einigermaßen übersichtlich sein mag, doch in der Vergangenheit keinesfalls. Erzherzogin Marie Christine und Prinz Albert haben nicht spezifisch Frauenkunst gesammelt, und ihre Archivare haben weibliche Künstler ebenso wenig spezifisch gekennzeichnet. Nachdem die Kuratorinnen die historischen Inventarbücher gesichtet hatten, konnten sie 199 neue Künstlerinnen finden, von denen man noch gar nichts gewusst hatte. Von der über eine Million Werke umfassenden Bestände im Bereich von Zeichnung und Druckgraphik sind gut 45.000 weiblichen Ursprungs. Am Ende hat man 250 Werke von 132 Frauen ausgewählt, viele bekannte Namen scheinen dabei auf, noch mehr unbekannte. Man nahm sich Mühe mit biographischen Angaben, der Katalog erzählt viel Neues. Als Signet-Bild der Präsentation wählte man übrigens das hintergründige „Jagd“-Bild von Marie-Louise von Motesiczky aus dem Jahr 1936,

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Von Marie Christine bis Valie Export    Die Ausstellung begrüßt den Zuschauer mit einer Wand, die 39 Selbstporträts (und auch weibliche Porträts aus anderer Hand) durch die Jahrhunderte erhält. Selbstorträts sind auch Selbstbehauptung, die Männer haben sich mit wenigen Ausnehmen (Klimt etwa) immer wieder konterfeit, und auch Künstlerinnen taten es. Erzherzogin Marie Christine hängt da neben Kiki Kogelnik. Und wenn man die Erzherzogin als „Hausherrin“ auch mit anderen Künstlerinnen im ersten Raum findet, so endet die Ausstellung im letzten Raum mit Valie Export, der erst heuer im Mai Verstorbenen. Dennoch hat man die Auswahl zwischen dem 16. Jahrhundert bis zu den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gespannt, wo speziell deklarierte Frauenkunst ihren eigenen festen Platz einnimmt.

Wie wird man Künstlerin?   Die Ausstellung wirft viele Fragen auf – voran die in Geschichte und Soziologie längst beantwortete, warum in einer männlich geprägten Kunstwelt der Anteil der Frauen lange Zeit gering war. Nun, die wenigsten Künstler sind Autodidakten. Bevor man seine individuelle Persönlichkeit entfalten, seinen Stil finden kann, gilt es, das Handwerk zu erlernen. Ab wann war das für Frauen möglich? Beispiele aus früheren Jahrhunderten zeigen, dass oft Künstler-Väter die Lehrer von Töchtern waren, deren Begabung sie erkannten. In den Kupferstich-Werkstätten wuchsen Töchter in das Handwerk der Familie hinein, und viele entwickelten sich zu begabten Stecherinnen von Vorlagen. Glück hatten manche Töchter aus kunstsinnigen Fürstenhäusern – Maria Theresia ließ ihre Kinder nicht nur profund in Musik, Tanz, Theaterspiel unterrichten, sondern auch in der Kunst. So kam es, dass Marie Christine nicht nur selbst begabt zeichnete, sondern auch das profunde Verständnis erwarb, das sie an der Seite ihres Gatten zur Sammlerin (und Begründerin der „Albertina“) werden ließ. Sie und ihre Schwestern Maria Anna (mit einer Radierung über eine Holzsammlerin!)   und Marie Antoinette (mit einem liebevollen Bildnis ihres Vaters) sind selbst mit Werken vertreten. Später haben sich Frauen, die alles erkämpfen mussten, auch den Zugang zu den Akademien (und, horribile dictu, den Aktmalereistunden vor nackten Männern) erobert.

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Ist Frauenkunst anders?   Die Fülle von Werken, die man durch die Jahrhunderte erblickt, lassen keine Entscheidung aufkommen, ob es spezielle „Frauenkunst“ gibt. Gewiß. Längere Zeit galten gewisse Genres als spezifisch weiblich, Miniaturmalerei oder vor allem Blumen (worin Damen woe Maria Sibylla Merian bis Betty Bogner anerkannte Meisterschaft erlangten). Aber sieht man die Ausstellung auf die Thematiken an, wobei natürlich die frühen Kupferstiche die vorgegebenen klassischen Themen reproduzierten, so wird man keine großen Unterschiede zur „Männerkunst“ finden. Auch Frauen malten Porträts, auch Frauen malten Frauen (die ja die Lieblingsmodelle von Männern waren), und je näher man er Moderne rückt, waren sie stilistisch und inhaltlich so kühn wie Männer. Und auch schon im 18. Jahrhundert wurden Frauen in der Kunstwelt international berühmt und machten hoch bezahlte Karrieren – Élisabeth Vigée Le Brun etwa mit Gemälden von Marie Antoinette als Königin von Frankreich, Angelika Kauffmann mit Bildnissen der Familie von deren Schwester, Königin Maria Carolina von Neapel-Sizilien.

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Wer wurde ausgewählt?   Die Kuratorinnen sprachen durchaus von ihrer Verpflichtung, vergessene Künstlerinnen hervor zu holen, aber der Betrachter hält sich eher an Überraschungen und bekannte Namen. Eine Überraschung ist es etwa, dass eine Dame, die als Marquise de Popmpadour am französischen Königshof eine ganz große Rolle spielte, aber eigentlich eine Jeanne-Antoinette Poisson war, sich auch künstlerisch betätigte, Das Wort „Dilettantismus“ greift hier nicht im heutigen negativen Sinn, sondern hat mit Liebhaberei im höheren Sinn zu tun, wenn man von seiner Kunst nicht leben musste. Was die Moderne betrifft, so schießt die Ausstellung dann über die Siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hinaus, etwa mit Florentina Pakosta, Kiki Kogelnik oder Maria Lassnig, die den letzten Saal mit einem großformatigen Gemälde dominiert, das den Titel „Woman Power“ trägt. So ist ja wohl die ganze Ausstellung gemeint.

HER STORY
Künstlerinnen der ALBERTINA
Vom 30. Oktober 2026 bis zum  14. Februar 2027 Täglich von 10.00 – 18.00 Uhr
Mittwoch und Freitag von 10.00 – 21.00 Uhr

 

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