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WIEN / Albertina: FOTO.BUCH.KUNST

29.06.2019 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Albertina / Tietze Galleries:
FOTO.BUCH.KUNST
UMBRUCH UND NEUORIENTIERUNG IN DER BUCHGESTALTUNG. ÖSTERREICH 1840–1940
Vom 28. Juni 2019 bis zum 22. September 2019

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Ohne Fotos ist heute kein Buch mehr vorstellbar. Das war nicht immer so. Zum 20jährigen Jubiläum der von Direktor Klaus Albrecht Schröder gegründeten Fotosammlung der Albertina hat sich Kuratorin Monika Faber das Thema gestellt, „wie das Bild ins Buch“ (und aufs Buch) kam: Das war nämlich seinerzeit technisch nicht so einfach. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt aber auch, wie alles, was wir heute mit Bildern bewerkstelligen, schon lange in der Vergangenheit entdeckt wurde – von der Verschönerung über die Selbstdarstellung bis zur Propaganda…

Von Renate Wagner

Schröder und die Fotos   Als Klaus Albrecht Schröder (Jahrgang 1955) Kunstgeschichte studierte, schenkte noch niemand der Fotografie als Kunst die geringste Beachtung. Es gab zwar in Wien schon im 19. Jahrhundert Anstalten, ein Fotomuseum zu gründen, doch diese Idee verlief im Sande. Einzelne Institutionen wie die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt legte hausintern Fotosammlungen an. Schröder persönlich begann schon 1982 bei seiner Arbeit für die Länderbank (deren „Kunstforum“ er gründete) mit dem Aufbau einer kleinen, aber feinen Fotosammlung. Schon seine dritte Ausstellung im Kunstforum widmete er einem Fotografie-Thema. Als er 1999 Direktor der Albertina wurde, berief er sofort „die“ österreichische Fachfrau für das Thema, Monika Faber, an sein Haus. Seither hat die Albertina mehr als 30 Ausstellungen zum Thema Fotografie veranstaltet und zum Grundstock der Sammlung mehr als 100.000 Werke dazu gekauft. In Zusammenarbeit mit dem Photoinstitut Bonartes hat man die Fachbibliothek der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt (deren Bestände sich heute als Dauerleihgabe in der Albertina befinden), aufgearbeitet. Das Ergebnis ist nun in der Jubiläumsausstellung zu sehen.

Das Abbild der Wirklichkeit     Bis zur Fotografie gab es „alle“ bildenden Künste, aber nur eine Möglichkeit, Ölgemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Porträts auch zu vervielfältigen: Die Graphik, vor allem der Holzschnitt, mussten herangezogen werden, damit in einem Buch auch „Bildliches“ zum gedruckten Wort zu sehen war. Und all das war immer noch „Kunst“, also die durch den Künstler gebrochene Wirklichkeit. Die Fotografie, die 1839 aufgekommen war, versprach hingegen die reine, unverfälschte Wahrheit. Alle Hoffnungen stürzten sich darauf, nun in Büchern die „authentische“ Realität vermitteln zu können.

Der lange Weg zum bebilderten Buch   Es bedurfte allerdings langer technischer Entwicklungen, bevor das Bild (wie heute selbstverständlich) ein integraler Bestandteil eines Buches wurde. In den Anfängen ab den späten fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts klebte man in jedes Buch jedes Bild einzeln ein. Das war zeitaufwendig und teuer, da konnte man nur am Subskriptionsweg vergleichsweise wenige Exemplare herstellen. Aber wenn man sich eine bebilderte Aufstellung der Ambraser Sammlung vornahm, zählte natürlich auch der Kaiser zu den Subskribenten. Aber man musste kreativ und innovativ werden, um die Fotografie zum leicht zugänglichen Teil des Buches zu machen. Es entwickelten sich neue Formen des Drucks, die das nach und nach möglich machten. Es gab dann auch Verlage, die sich darauf spezialisierten.

Das Buch als Information und Kunst  Es waren Forscher, die jubelten, die Ergebnisse ihrer Reisen nun auch in großen Bildbänden zeigen zu können. Durch den realen Augenschein erschlossen sich neue Welten, vertiefte sich Wissen, wobei auch etwa große, informative Bände über Tiere beliebt waren. Und die Künstler des Jugendstils und der Wiener Werkstätte stürzten sich geradezu auf die neuen Möglichkeiten der Buchkunst, kombinierten abenteuerliche Schriften mit Ornamenten und Bildern zu höchst kunstvoller Gestaltung.

 

Von der Propaganda zur Selbstdarstellung   Da ein Bild mehr sagt tausend Worte, war es klar, dass man bald die propagandistischen Aspekte eindrucksvoller Bilder erkannte – auch wenn man sie so negativ einsetzte wie bei „Österreich-Ungarn in Waffen“, was im Ersten Weltkrieg seine Wirkung tun sollte. Aber auch die andere Seite machte von „Agitprop“ Gebrauch, zumal man nun auch schon „billigere“ Bücher mit Bildern herstellen konnte: Da zeigte der Journalist Bruno Frei dann auch „Das Elend Wiens“… Und Alice Schalek (jene Journalistin, deren Ruf Karl Kraus in „Die letzten Tage der Menschheit“ so nachdrücklich zerstört hat), die mit einer kleinen Fotokamera durch die Welt reiste, konnte ihre Reiseberichte in einfachen Büchern und großer Auflage verkaufen.

Von der Manipulation zur Massenproduktion   Was heute jedermann am Computer mittels „Photoshop“ mühelos erledigt, nämlich das Bearbeiten und „Verschönern“ von Bildern, ist keine neue Erfindung. Dem Forscher Hugo Bernatzik, der mit den bebilderten Büchern seiner Afrika- und Südsee-Reisen sagenhafte Auflagen erzielte, sagte man nach, er habe die barbusigen schwarzhäutigen Damen seiner Fotos so nachbearbeitet, dass sie dem europäischen Schönheitsgeschmack entsprachen – die Kombination von Erotik und Völkerkunde ist sicher ein Teil seines Erfolgs gewesen und nur durch Fotos möglich geworden. Mit solchen Büchern rückten Forscher, die auch fotografierten, sich selbst in den Mittelpunkt. Das war aber auch schon früher geschehen, als Fotobücher – wie sie heute jeder Reisende herstellen lassen kann – noch ein wahrer Luxus waren: Aber reisende Fürsten, die von ihren Abenteuern berichten wollten („Wir waren bei den Menschenfressern“), ließen schon damals teure Einzelexemplare herstellen. Das „Selfie“ hat seine Vorläufer.

Die Werbung im und am Buch   Früh wurden große Bildbände vor allem hergestellt, um große Firmen zu präsentieren. Aber auch das Wien des Karl Lueger sorgte dafür, dass alle Innovationen der Stadt, die durch diesen Bürgermeister anstanden, solcherart in Wort und Bild repräsentativ präsentiert wurden (und solcherart als Dokumente der Nachwelt erhalten sind). Längst war es auch schon möglich, den Büchern bebilderte Schutzumschläge zu geben, die als Lockmittel und Werbung für den Inhalt eingesetzt wurden. Mit rund 300 Exponaten aus den Jahren von 1840 bis 1940 kann die Ausstellung der Albertina all das plastisch-bildlich vermitteln…

Albertina: Foto.Buch.Kunst
Bis 22. September 2019
Täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch und Freitag bis 21 Uhr

 

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