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WIEN / Albertina: FEININGER – KUBIN

03.09.2015 | Ausstellungen, KRITIKEN

Albertina Kubin Feininger Plakat~1

WIEN / Albertina / Tietze Galleries for Prints and Drawings: 
FEININGER – KUBIN. EINE KÜNSTLERFREUNDSCHAFT
Vom 4. September 2015 bis zum 10. Jänner 2016 

 

Der Helle und der Dunkle

Normalerweise hätte man den Deutschen Lyonel Feininger und den Österreicher Alfred Kubin in keinerlei Zusammenhang gesehen. Wenn die Albertina sogar behauptet, zwischen den beiden habe eine „Künstlerfreundschaft“ bestanden, so relativierte Klaus Albrecht Schröder, der Direktor des Hauses, diese Aussage gleich bei der Pressekonferenz: Es handle sich hier weder um eine künstlerische Zusammenarbeit, wie man sie in der Kunstgeschichte immer wieder findet, noch um einen gegenseitigen Seilschaften-Unterstützungsverein. Tatsächlich sind Feininger und Kubin einander sogar nur zweimal persönlich begegnet. Aber ihr Briefwechsel, für diese Ausstellung erstmals im Katalog ediert, erzählt von gegenseitiger Hochschätzung und Übereinstimmung in der Weltanschauung. Die Ausstellung mit ihren hundert Werken zeigt Verwandtschaften, mehr aber noch Verschiedenheiten auf.

Von Renate Wagner

Die Vorgeschichte      Die Brief-Beziehung von Feininger und Kubin begann 1912, davor mochten sich ihre Wege mehr oder weniger bewusst in der „Szene“ gekreuzt haben, vor allem in Zeitschriften, wo man veröffentlichte. Die Ausstellung stellt die beiden im ersten Raum im Zeitraum vor ihrer Brief-Bekanntschaft vor. Lyonel Feininger (1871-1956), der in den USA geborene Sohn deutscher Eltern, machte in Europa eine nicht unbeträchtliche erste Karriere als Zeichner, vor allem als Karikaturist. Witzig, frech und leichtfüßig stehen die Arbeiten für diverse humoristische Zeitschriften da. Wenn er allerdings ohne Farbe, nur mit Tusche und Deckweiß arbeitete, scheint stilistisch sogar gelegentlich eine gewisse Ähnlichkeit mit Kubin aufzufallen. Alfred Kubin (1877-1959), in Böhmen geboren, in Österreich (zumal Oberösterreich) heimisch, ist vor allem Zeichner und Graphiker, der von Anfang an sein Thema fand, das er mit unzähligen Variationen umkreiste: die Ängste, die in den menschlichen Seelentiefen lauern.

Tiefe Gespräche in Briefen    Der Dialog der beiden Künstler, der mit einem Brief Kubins an Feininger 1912 anhob und bis 1919 in 37 Briefen währte, ist, wie gesagt, im Katalog nachzulesen. Hier haben sich zwei Künstler einander wahrlich geöffnet, hier geht es nicht um Banalitäten, sondern um letzte Dinge des Künstlerischen und des Menschlichen.

Karriere-Konzepte: nach außen und nach innen    Und dies, obwohl ihre Werke so grundverschieden waren wie auch ihre Karrieren: Während Feininger von der Graphik zur Malerei fand, zu einer köstlichen, wunderbar bunten, oft so komisch angehauchten Surrealität, blieb Kubin strikt seiner Technik und seiner Thematik treu, suchte auch nicht den Anschluß an große Vereinigungen, die Feininger (etwa mit dem Bauhaus) fand. Seltsamerweise wurde auch dessen Werk, das kaum Aggressives oder Verstörendes in sich trägt, von den Nazis zur „Entarteten Kunst“ gezählt – und der in den USA geborene Deutsche, kein Jude, starb denn auch in der Emigration in New York. Kubin blieb in der Zurückgezogenheit seines oberösterreichischen Anwesens, wandelte sich nicht, schuf dort zahllose zutiefst suggestive  Werke und hinterließ sie der Albertina (die an die 2000 Blätter von ihm besitzt) und dem Oberösterreichischen Landesmuseum.

Feininger Die Lokomotive mit dem großen Rad 1910~1
 Feininger Die Lokomotive mit dem großen Rad 1910  (Foto: Albertina)

Themenquerschnitte    Die Ausstellung kann zwar ein tiefes Verständnis der beiden Künstler für einander belegen, mit den Ähnlichkeiten tut man sich schon schwerer. Am ehesten findet man Verwandtschaft, wenn es beispielsweise um das Thema des Ersten Weltkriegs geht. Da haben beide ähnlich den Schrecken beschworen – Feiningers „Kriegsmaschinerie“ und Kubins Meisterstücke „Der Krieg“ oder „Anarchie“ sind Kinder eines Geistes.
Im übrigen haben die Ausstellungsgestalter (Ulrich Luckhardt, der die Schau in Ingelheim betreute, wo sie zuerst gezeigt wurde, und Dr. Eva Michel von der Albertina) hart arbeiten müssen, um die beiden Künstler zusammen zu bringen. Sie finden sich letztlich bei Themen wie „Stadt“ (Feiniger war ein faszinierter Leser von Kubins Roman „Die andere Seite“, der in der immer dämmerigen Traumstadt Perle spielt), sie finden sich sogar bei der „Eisenbahn“, nur dass diese für Feininger eine lebenslange, gewissermaßen heiter behandelte Faszination darstellte, während Kubin das ausrangierte Wrack einer Dampfmaschine zum Thema beizutragen hat… Zu Themen wie „Meer“ oder „Karneval“ wurde man bei Feininger stets in weit höherem Maße fündig als bei Kubin.

Kubin Der Krieg 1907 
Kubin Der Krieg (Foto: Albertina)

Der Helle und der Dunkle    Der Helle und der Dunkle, der Bunte und der Düstere verbinden sich in dieser Ausstellung nicht wirklich. Wer sich von Farbe verlocken lässt, wird von den vielen Gemälden Feiningers angezogen werden. Wer mystische Verbindung mit Bildern sucht, fällt vermutlich in Kubins faszinierend-grausige Vorstellungswelt. Den Konnex findet man dann im Katalog: ein Künstler-Briefwechsel, den zu lesen sich lohnt.

Bis 10. Jänner 2016, täglich von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

 

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