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WIEN / Albertina: FACES

11.02.2021 | Ausstellungen, KRITIKEN

Albertina Faces Eingang X~1

WIEN / Albertina / Tietze Galleries:
FACES
MACHT DES GESICHTS
Vom 12. Februar 2021 bis zum 24. Mai 2021

So ist es, ist es so?

Mit dem Ersten Weltkrieg war vieles vorbei, auch das Verständnis des Porträts als getreues und möglichst schönes Abbild des gezeigten Menschen, ob gemalt oder fotografiert. Gerade Deutschland, gerade die Weimarer Republik waren Versuchslabore für Neues – und die Künstler stürzten sich mit Begeisterung darauf, alles anders und neu zu machen. Nun hatten sie die Fotografie anstelle der Malerei, und sie hatten den Film dazu, dessen Ideologie und Technik sie übernahmen. Was kann ich mit dem Licht erreichen? Was sagt ein Gesicht und wie kann ich es manipulieren? Warum spiele ich nicht mit der Welt? Was dabei heraus kam, zeigt die neue Foto-Ausstellung der Albertina, „Faces“.

Von Renate Wagner

Helmar Lerski   Ausgangs- und Endpunkt der Ausstellung ist das fotografische Werk von Helmar Lerski, das sich – sehr zum Bedauern von Kurator Walter Moser – nicht in den Beständen der Albertina selbst befindet, hier musste man beim Folkwang-Museum in Essen leihen. Aber die Sache will’s, denn Lerski ist geradezu eine Galionsfigur dafür, was hier gezeigt werden kann – die Mutation des Gesichts auf völlig neue Weise. Helmar Lerski (1871 – 1956), in jüdischer Familie in der Schweiz aufgewachsen, wollte Schauspieler werden, gelangte aber hinter die Kamera – und lernte, was er als gänzlich innovativer Fotograf zu einer eigenen Kunst machte. Er wusste, was der Umgang mit Licht vermag, woher es kommt, welche Schatten und Konturen es setzt, wie ein- und dasselbe Gesicht immer anders erscheint. Man erlebt es an der Serie „Metamorphosis“ („Verwandlungen durch Licht“, 1935 und 1936 in Tel Aviv entstanden),, in der quasi die Möglichkeiten der Fotografie per se gefeiert werden.

Albertina Faces Serie X~1

Leihgeber der Fotos: Lotte Äuge und Kurt Kranz

Am Ende der Ausstellung steht dann wieder Lerski. Bevor er nach dem Krieg wieder in die Schweiz zurückgekehrt war, hatte er lange in Palästina gelebt und auch dort seine Porträtaufnahmen gemacht – aber nicht nur von Juden, sondern auch von den dort lebenden Arabern. Dass er in diesem finalen Raum der Ausstellung jenen Fotografen gegenüber gestellt ist, die den Nazis dienten und deren Propaganda fütterten, ist Konzept.

Spielen mit Rollen   Die Fotografie der Zwanziger Jahre wäre gar nicht denkbar ohne den hohen Anteil der Frauen, die hier ein künstlerisches Betätigungsfeld fanden. Wenn sie sich selbst vor die Kamera begaben, oft „verkleidet“, mögliche weibliche Rollen mit Accessoires phantasievoll ausprobierend, dann ließen sie – wenn sie ein Atelier oder Helfer hatten – die Assistenten auf den Knopf drücken, konnten aber auch sehr phantasievoll mit dem Selbstauslöser umgehen, indem sie ihn mit einer Schnur betätigten… Vielfach sucht das neue fotografische Gesicht auch das Groteske, Hässliche, den Schockeffekt, oft stehen die Fotos da wie Werke, die dazu geschaffen sind, Rätsel aufzugeben. Fotografie war nicht mehr das „Knipsen“ des Alltags, das war bewusste und extrem gestaltete Kunst.

Albertina Faces Lotte Ganz~1  Albertina Faces Lotte Auge~1

Spielen mit dem Ausschnitt   Kaum je, dass die Fotos dieser Zeit das menschliche Gesicht in einen „Rahmen“ ringsum stellen, vielmehr sind die meisten „angeschnitten“, schräg gestellt, rückt man ihnen „auf den Leib“. Oder man wählt einen Ausschnitt: Den verblüffendsten Effekt erzielte dabei Max Burchartz mit einem Bild seiner Tochter Lotte. Wenn er sie „ganz“ zeigt, ist nichts daran bemerkenswert. Wenn er eine Gesichtshälfte mit dem dominierenden Auge herausschneidet, ergibt sich ein verblüffender Effekt – und man würde das Original darin nicht mehr erkennen. Es ist auch eine Kunst des „Schneidens“. Ebenso, wenn man alle nur möglichen Variationen von Augen montierte (Kurt Kranz) oder Ausschnitte von Körperteilen zeigt, die man nicht erkennen könnte, wüsste man nicht, dass es ein Ohr darstellt (Ilse Salberg).

Albertina Faces Gesichter~1

Albertina Faces Peter Lorre X~1

Spielen mit Mensch und Typus   Es gibt ganz wenige Fotos bekannter Menschen hier, und auch jenes von Peter Lorre, der damals als Mörder in dem Film „M“ berühmt wurde, wirkt nicht wie ein Starfoto (Lotte Jacobi). Fotografen wie August Sander suchten in den Fotos der Menschen den Typus – jeder steht für das, was er verkörpert, die Ent-Individualisierung ist ein bewusst eingesetzter Kunstgriff. Diese Fotokunst zieht dem Betrachter vielfach den Boden unter den Füßen weg und wirft ihn auf die Pirandello-Frage: „So ist es – ist es so?“ zurück.

Leni Riefenstahl und die anderen     Als die Nationalsozialisten daran gingen, die Juden und die „Moderne“ wegzufegen, bedeutete nicht, dass sie sich nicht der Errungenschaften der anderen bedient hätten. So wusste Leni Riefenstahl sehr gut, wessen Fähigkeiten sie für ihre Filme einsetzen konnte (es gibt übrigens viele Video-Portale in der Ausstellung, die die Nähe von Stummfilm und Fotografie in dieser Zeit sichtbar machen). Willy Zielke beispielsweise zählte zu jenen, die benützt und dann weggeworfen wurden. Dass Film und Fotografie Politik wurden, nachdem sie von den Künstlern der Weimarer Republik längst als Ideologie eingesetzt worden waren, das ist die Ultima Ratio dieser Ausstellung.

Leihgeber: Lotte Äuge (ganzer Ausschnitt) und (Kurt Kranz)

Albertina / Tietze Galleries:
FACES. DIE MACHT DES GESICHTS
Vom 12. Februar 2021 bis zum 24. Mai 2021,
täglich 10 bis 18 Uhr

 

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