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WIEN / Albertina: DIE KAMMERMALER ERZHERZOG JOHANNS

25.02.2015 | Ausstellungen, KRITIKEN

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Fotos: Heiner Wesemann

WIEN / Albertina / Prosper Homines Halle: 
VON DER SCHÖNHEIT DER NATUR
DIE KAMMERMALER ERZHERZOG JOHANNS
Vom 27. Februar 2015 bis zum 31. Mai 2015   

Gott sei Dank gab’s

noch keine Fotografie!

Heute wird millionenmal, milliardenmal täglich geclickt, Fotos kommen auf Websites, gehen in der Masse unter. Wenn in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Auftrag von Erzherzog Johann so inflationär wie heute Fotografien der Steiermark gemacht worden wären – was hätten wir noch davon? Aber die Entwicklung war noch nicht so weit. Maler mussten die Wirklichkeit gewissenhaft skizzieren und zu Bildern gestalten. Sie taten es nicht nur als freie Künstler, sondern auch im Auftrag großer Herren. Und die Nachwelt kann angesichts der vorhandenen Schätze nicht genug staunen. Wie nun in der Albertina, wenn unter dem Titel „Von der Schönheit der Natur“ die als Künstler an sich fast vergessenen  „Kammermaler Erzherzog Johanns“ in das ihnen gebührende Rampenlicht gerückt werden.

Von Heiner Wesemann

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Kupelwieser: Erzherzog Johann (Joanneum)

Erzherzog Johann     Unter den vielen Brüdern von Kaiser Franz I. nimmt Erzherzog Johann eine Sonderstellung ein. Über den Geschichtsunterricht hinaus wurde er legendär, weil er in Anstand und Entschlossenheit die Ehe mit einer jungen Frau aus dem Volke, der Postmeisters-Tochter Anna Plochl, durchsetzte. Aber der „Romantiker“ war auch ein Aufklärer und ein Politiker. Zuerst hatte der 1872 in Florenz Geborene sein Interesse Tirol zugewandt, sich allerdings politisch zu stark im Freiheitskampf des Landes gegen Napoleon engagiert. Da musste sogar ein kaiserlicher Bruder weichen – und die Steiermark war die Gewinnerin. Aus Tirol verbannt, ließ er sich 1810 in dem Land nieder, das er schon 1802 erstmals besucht hatte, wobei sich sein Interesse unter anderem gleich der Eisenindustrie zuwandte. Der Erbe der Aufklärung setzte seinen Ehrgeiz darein, das Leben in der Steiermark für die Menschen entschieden besser zu machen – die Ausstellung in der Albertina bietet zahlreiche kleine Modelle von damals „fortschrittlichen“ Geräten für den Ackerbau, mit denen Methoden und Erträgnisse verbessert werden sollten. Das fast ausschließliche Interesse, das er knapp 40 Jahre lang dem Land widmete, erfuhr 1848 eine Unterbrechung, als er besondere politische  Funktionen erhielt – in Vertretung des nunmehrigen Kaisers Ferdinand, seines Neffen, eröffnete er in Frankfurt den Reichstag und wurde anschließend zum „Reichsverweser“ ernannt. Er kehrte allerdings bald in die Steiermark zurück, wo er 1859 starb. Die Spuren, die er in Kultur, Land- und Forstwirtschaft, Bergbau und Industrie hinterlassen hat, zählen noch heute zu den hohen Gütern der Steiermark. Das von ihm gegründete Joanneum, das bedeutende Museum in Graz, hat für die Ausstellung in der Albertina das Porträt des  Erzherzogs von Leopold Kupelwieser beigesteuert, mit dem der einstige Landesherr die Besucher gleich zu Beginn „begrüßt“.

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Englischer Heuwender, Modell

Die Kammermaler     Die Aufklärer waren wissenschaftliche Köpfe, und sie wussten, dass man Bedingungen erst einmal dokumentieren muss, bevor man an ihre Verbesserung gehen kann. Die „Kammermaler“ waren Angestellte des Erzherzogs, die nicht in persönlicher Freiheit, sondern nach den vorgegebenen Regeln abbilden sollten, was sie vorfanden. Fünf Künstler – zu denen der Erzherzog teilweise ein herzliches Verhältnis pflegte –  wurden im Lauf der Jahre und Jahrzehnte verpflichtet, bei guter Bezahlung, allerdings ohne äußeren Ruhm zu arbeiten. Die Bilder blieben in der Familie – der Sohn von Erzherzog Johann und Anna Plochl, der 1839 geborene Franz, bekam von Kaiser Ferdinand 1845 den Titel eines „Grafen von Meran“, seine Nachkommen waren und sind zahlreich (unter ihnen ist Nikolaus Harnoncourt), und sie hüteten den Familienschatz an Bildern vorbildlich. Walter Koschatzky, früher einer der (berühmtesten) Direktoren der Albertina, hat das Thema der Kammermaler vielfach bearbeitet, in Ausstellungen und Büchern. Nun hat sich die Albertina nach langer Pause diesem Thema erneut zugewandt: Kuratorin Maria Luise Sternath durfte aus den 1400 bis 1500 Blättern, die sich in Familienbesitz befinden, 150 auswählen, die nun nach Themenschwerpunkten in der Prosper Homines Halle ausgestellt werden.

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Ruß: Bauernpaar aus dem Sanntal

Von Kniep bis Gauermann    Der erste von Erzherzog Johann verpflichtete Maler war  Johann Kniep, der schon ab 1802 Steiermark-Ansichten malte (damals war Johann an sich noch fest in  Tirol verankert!). aber schon 1809 starb. Ab 1810 war Karl Ruß der Begleiter des Erzherzogs auf vielen Reisen durch das Land. Die Ausstellung zeigt mehrere seiner bemerkenswerten Trachten-Darstellungen, deren stilistische Nähe zu den „Wiener Kaufrufen“ evident ist. Vor allem aber herrscht die Tendenz vor, die Dinge möglichst schön und spektakulär zu gestalten. Jakob Gauermann schließlich (sein Sohn Friedrich Gauermann wurde später einer der berühmtesten Maler des Biedermeier) bezog in seine Landschaften immer wieder auch Industrieanlagen ein, wobei natürlich der Steirische Erzberg (Erzherzog Johann betrieb ab 1822 einen Hochofen in Vordernberg) einen wichtigen Platz einnahm, auch dann bei seinem Nachfolger Loder. Von Gauermann gibt es übrigens auch kraftvolle Skizzen, und dass Kammermaler an der Huldigung ihres Auftraggebers nicht vorbeigehen, zeigt etwa ein Bild, das Erzherzog Johann auf der Spitze des Hochgolling zeigt – der Fürst, auch ein Bergsteiger offenbar, blickt über sein Land…

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Loder: Der Wasserfall von Gastein

Matthäus Loder    Matthäus Loder (1781-1828) ist jener Künstler, dessen Klarheit und Reinheit der Darstellung Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder gar nicht genug bewundern kann: Er kam von Marie Louise (er war ihr Zeichenlehrer, eine zeitlang auch während ihres Aufenthalts in Parma), und auch er hat dann ab 1816 im Dienst von Erzherzog Johann Beispiele für Industrie, Gewerbe und arbeitende Menschen in die Landschaft gestellt. Die seltsame „Kühle“, die Loders Bilder auch in ihren sehr gedämpften Farben ausstrahlen, verhindern völlig, dass sie je „lieblich“ werden können. Nicht einmal, wenn es völlig ins Private geht: Loder ist es, der die Beziehung des kaiserlichen Prinzen zum einfachen Mädel schlicht und schön dargestellt, dann noch zusätzlich als kostbare Miniaturen für Anna Plochls Stammbuch –  Vignetten, Billets, Allegorien, von Meisterhand gestaltet. Auch hier gibt es schon ein Bild des Brandhofes, wie Loder überhaupt die verschiedenen Anwesen des Erzherzogs verewigte. Bemerkenswert sind auch die Winterbilder mit ihrem besonderen (dabei immer „kühlen“) Stimmungsgehalt: Man ist auch schon mal auf den zusammen gefalteten Lodenmänteln vom Berg gerutscht… Spektakuläres gibt es auch bei dem zurückhaltenden Loder – der Wasserfall bei Gastein könnte wohl nicht „undramatisch“ gestaltet werden.

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 Ender: Jägerzimmer im Brandhof

Thomas Ender   Thomas Ender (1783-1875), ein bereits geschätzter, erfolgreicher Künstler (der u.a. mit Erzherzogin Leopoldine nach Brasilien gereist war) kam nach Loders Tod in Johanns Dienste und konnte vielfältig für ihn tätig sein. Bilder der Pasterze am Großglockner, seine Ansichten auch von Salzburg und später wieder in erhöhtem Ausmaß von Tirol zeigen, dass sein Auftraggeber den Blick weitete. Er wurde enger, wenn Ender etwa im Stil des „Schöner Wohnen“ von anno dazumal genaue Interieurs des Bandhofes malte, eine Mischung von bäuerlichem Luxus-Anwesen (Wände und Decken ganz in Holz getäfelt), aber auch mit imperialem Anspruch einzelner Räumlichkeiten.
1837 erreichte Ender ein Ruf von Erzherzog Johann, sich schleunigst nach Odessa zu begeben und ihn auf seiner Krim-Reise zu begleiten, die reiche Früchte trug (und auch in der Ausstellung in vielen Beispielen dargeboten wird): Ob Jalta, ob orientalischer Palast, romantische Schluchten und schroffe Bergmassive, ob der Seesturm, der die Reisegesellschaft auf dem Schiff „Marianne“ in Seenot und Lebensgefahr brachte (vermutlich aus dem Gedächtnis gemalt, angesichts der Gewalt der Wogen), ob in der Folge Konstantinopel oder die Ruinen von Athen, Ender hat bis zur Heimkehr in Triest reiche künstlerische Ernte eingebracht.

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Ender: Jalta, anno dazumal

Alles Johann – oder was?      Erzherzog Johann war, so Klaus Albrecht Schröder, im Guten, aber auch im Schlechten das Schicksal seiner Kammermaler. Sie bekamen Möglichkeiten und Bezahlung, aber ihr Werk, in seinem Dienst geschaffen, stand im Schatten von Johanns Persönlichkeit. Als wären die Bilder, die er malen ließ, sein persönlicher Nachlaß an die Welt. Und so ist es ja eigentlich auch. Aber man sollte nicht die Männer vergessen, die sie mit Talent, Fleiß und bewundernswerter Akribie, mit Kunstsinn und doch jeder mit seiner eigenen Handschrift unverwechselbar geschaffen haben.
Wieder einmal ist es der Katalog, der die genaue „Nachbereitung“ für den Besucher sichert. Niemand kann an Ort und Stelle jedem der 150 Blätter Gerechtigkeit widerfahren lassen. Aber zuhause, unter Umständen mit Hilfe des Vergrößerungsglases, kann man so intensiv und ausführlich schauen wie nur möglich. (Hirmer Verlag)

Bis 31. Mai 2015, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

 

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