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WIEN / Albertina: DEGAS CEZANNE SEURAT

31.01.2015 | Ausstellungen, KRITIKEN

Albertina Plaka xt~1 
Foto: Wesemann

WIEN / Albertina / Basteihalle: 
DEGAS  CEZANNE  SEURAT
Das ARCHIV DER TRÄUME aus dem Musée d’Orsay

Vom 30. Jänner 2015 bis zum 3. Mai 2015  

Im Schattenreich der Träume

Klaus Albrecht Schröder hat in seinen Jahren als Direktor der Albertina die Dinge nie als gegeben genommen. Er übernahm die größte Graphische Sammlung der Welt und machte aus ihr ein breit aufgestelltes Museum mit einer großen Gemäldesammlung und einem Ausstellungsbetrieb, der vom Blockbuster (zuletzt brachte der „Miro“ wiederum Rekorde mit mehr als 270.000 Besuchern) bis zum Kleinen, Feinen, Modernen, Österreichischen in den Nebenräumen reichte. Nun wurde für 2015 wiederum eine Trendwende angesagt: viel Fotografie – und noch mehr Graphik. Ein Blick zurück zu den gloriosen Anfängen, aber wie immer auch ein Blick über den Tellerrand: Das Pariser Musée d’Orsay hat daran erinnert, dass es 17.000 Zeichnungen besitzt. 130 davon finden sich unter dem Motto eines „Archivs der Träume“ in der tief gelegenen Basteihalle der Albertina zusammen.

Von Heiner Wesemann

Dieses reiche 19. Jahrhundert    Klaus Albrecht Schröder erinnert Kunstfreunde daran, was sie selbst noch erlebt haben: Dass man die Kunst des „19. Jahrhunderts in Paris“ lange mit dem Jeu de Paume gleichsetzte, jenem Museum, das die „Moderne von einst“ auf den Impressionismus reduzierte, farbenfroh, formenreich und wohl auch gefällig. Das Musée d’Orsay, das nun die französische Kunst der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts verwaltet, breitet Künstler, Themen, Stile, Werke weit breiter aus. Und man besitzt nicht nur Gemälde, sondern auch einen gewaltigen Schatz von Zeichnungen. Eine Auswahl wurde in Paris ausgestellt, und die Albertina durfte Werner Spies als Kurator aussenden, um eine Auswahl für Wien zu treffen. Man erkennt kein großes Konzept, wohl aber das impressionistische Hinwerfen, Anbieten der Kostbarkeiten. Wer viele bringt, wird fast alles streifen.

Träume in Räumen      Die riesige Basteihalle wurde kleinteilig  gemacht, die gezeigten Werke (Aquarelle, Pastelle, Kreide, Feder, Kohle und was es noch alles gibt) sind es auch. Dennoch hat kaum etwas Entwurf-Charakter, als sei es ein Probelauf für mehr: Spies wählte Werke, die in sich wie vollkommen, wie vollendet wirken. Zusammengestellt nach Künstlern, auch nach Themenschwerpunkten, alles in Halbdunkel, verschwebend, gedämpft, das Ambiente eines Schattenreichs. Eher weniger als mehr. Das Auge wird gefangen genommen, verweilt. Keine grell-spektakuläre Ausstellung, eine stille, die mit ihren Geheimnissen wuchert.

Degas  Cezanne 
Fotos: Albertina

Außen und innen    Wo Träume herrschen, ist der Blick nach innen gerichtet, aber es gibt auch genügend von der satten, bunten Oberfläche des Lebens. Es sind die großen Namen, die dafür sorgen – man kann keine „Pariser“ Ausstellung ohne die Tänzerinnen des Degas losschicken, ohne die Landschaften und Stillleben des Cezanne, ohne die Frauenporträts des Renoir. Es war auch die Welt, in der konservative „Salons“ noch das Kunstschaffen prägten, man sieht durchaus Konventionelles, Historistisches. Aber dort, wo sich der Blick des Künstlers wendet, von außen nach innen, dann wird es regelrecht spannend. Jede Ausstellung ist eine Entscheidung des Betrachters, was ihn besonders anspricht, aber es mag sein, dass Odilon Redon, dessen Vorbild so sichtbar Rembrandt war, sich in manches Bewusstsein frisst, manchmal an Kubin erinnernd, wissend, dass der Traum uns von der Realität befreit und düstere Phantasiegeschöpfe schickt, die wirklich zu erschrecken vermögen. Und natürlich auch Seurat, den man unter die zugkräftigen Namen des Titels nahm (weil „Archiv der Träume“ dann wohl doch zu theoretisch klingt, um ein breites Publikum anzulocken), der mit dünnen schwarzen Kreidestiften menschliche Vorwürfe so entfremdete, dass sie wie eine Frage an der Wand hängen… ähnlich wie auch Paul Signac. Die Psychoanalyse hätte eigentlich in Paris erfunden werden müssen, besieht man diese Graphiken.

Redlon  Tod Engel

Tod, Eros, Monster…    Der herrliche Engel, der dem Totengräber selbst erscheint, so wie Carlos Schwabe ihn gemalt hat, die nackten Frauen, nicht nur bei Degas, Traumwelten changieren zwischen Ängsten und Wünschen, und so wie das Schaurige Menschen immer (im Grunde in jeder Ästhetik und jeder künstlerischen Form, bis zum Kino) anzieht, so sind es auch die Monster und Chimären, die man mit lustvollem Interesse betrachtet, die ausschweifende Phantasie eines Gustave Moreau, die Schattengeschöpfe eines Felicien Rops, die auch von Tod erzählen, ebenso wie jene von Germain David-Nillet. Fast in die „Normalität“ zieht man ein, lässt man sich von Daumier in die vergleichsweise harmlose Welt der Satire einführen…

Katalog      Der Katalog bietet alle Werke, auch in der Zusammenstellung der Ausstellung. Darüber hinaus ist Werner Spies ein Coup gelungen – er holte sich Künstler von heute, nicht nur „Kollegen“, sondern auch Dichter, Regisseure, Filmemacher etc. und lud sie ein, Kommentare zu Künstlern der Ausstellung abzugeben. Das fällt natürlich von Fall zu Fall anders aus, jeweils komplett individuell im Zugang. Es macht den Katalog darüber hinaus zum Buch, das man lange noch am Nachtkasten liegen lassen kann, um dieses und jenes nachzulesen und nachzusehen. Und um zu schmunzeln: Wenn etwa Botero die anmutigen Nackten des Degas als sein persönlicher Kommentar so dick macht, wie die Damen es bei ihm immer sind…

Bis 3. Mai 2015, täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

 

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