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WIEN / Albertina: ALBRECHT DÜRER

20.09.2019 | Ausstellungen, KRITIKEN

 

WIEN / Albertina / Propter Homines Halle:
ALBRECHT DÜRER
Vom 20. September bis zum 6. Jänner 2020

Spaziergang durch
ein Künstlerleben

Die Pointe zuerst, das darf sein: Warum bringt die Albertina zwei Jahre vor dem nächsten runden Jahrestag eine Dürer-Ausstellung? Klaus Albrecht Schröder bekennt freimütig ganz persönliche Gründe. Einst hat er Dürer 2003 in einer ebenso sensationellen wie sensationell angenommenen Ausstellung an den Beginn seiner Tätigkeit als Albertina-Direktor gestellt. Nun, da er das Ende seiner Amtszeit nahen fühlte, hat er wieder Dürer ins Visier genommen – notgdrungen verfrüht, ungeachtet dessen, dass dieser (1471-1528) erst in zwei Jahren seinen „Fünfhundertfünfziger“ feiert. Mittlerweile ist bekanntlich alles anders, Schröders Vertrag wurde um fünf Jahre verlängert, und da er mit der „Albertina Modern“ außerdem ein Großprojekt auf die Spur bringt, wird er vermutlich zehn Jahre brauchen, um alles annähernd so zu erledigen, wie er sich vorstellt… am Ende ist dann noch ein Dürer drinnen. Dieser jedenfalls unterscheidet sich von der Ausstellung vor 16 Jahren und setzt großartige Schwerpunkte.

Von Renate Wagner

 

Albrecht Dürer       Immer wieder wird das Glück betont, das Albrecht Dürer hatte, 1471 in die kultur-brodelnde freie Reichsstadt Nürnberg hinein geboren worden zu sein, die er mit Ausnahme einiger Reisen nie verlassen hat und wo er auch gestorben ist. Noch dazu stammte er aus einer Künstlerfamilie, der Vater Goldschmied, selbst begabter Zeichner, der das Talent des Sohnes förderte. Nürnberg war auch der Boden, wo man von der Druckkunst – dem Holzschnitt, dem Kupferstich – , denen sich Dürer in eigener Werkstatt widmete, ausgezeichnet leben konnte. Dennoch hat er sein Talent nie engstirnig verwaltet, im Gegenteil: Er reiste mehrfach nach Italien, wo er den Anregungen und Aufträgen nachkam, auch als Maler zu arbeiten, er reiste in die Niederlande (wo er sich vermutlich jene Krankheit holte, die ihn 1528 im Alter von erst 57 Jahren abberief). Von seinen Auftraggebern der berühmteste war Kaiser Maximilian, der sich sein Selbstbild für die Nachwelt auch durch Dürer schaffen ließ.

Das eigene Gesicht und das ungeschminkte Ich     Die von Christof Metzger betreute Ausstellung der Albertina geht in vielen Räumen großzügig dem Leben des Künstlers nach, setzt aber immer wieder auch Schwerpunkte. So gleich zu Beginn, wo man im eigenen Haus (die Bestände von 140 Graphiken aus der Hand Dürers ist ein unikater Besitz) etwa das erste erhaltene Selbstporträt des Dreizehnjährigen besitzt (angeblich gab es noch ein verloren gegangenes, das er als Achtjähriger gezeichnet hat). Aber schon da hängt auch jenes sensationelle Aktbild, das er mit Ende 20 von sich mit Feder und Kreide auf grünem Papier schuf, mit einem Gesicht, das viel älter ist als seine damaligen Jahre. Beschönigungen gibt es bei Dürer so gut wie nie, nimmt man manches überirdische Madonnengesicht aus (das KHM lieh die ätherische Madonna mit der Birnenschnitte). Wunderbar auch, seiner Frau Agnes immer wieder zu begegnen, von der er 1794 die zärtliche Federzeichnung „Mein Agnes“ schuf und die ihn ihr Leben lang als Modell begleitete, noch als alte Frau Eingang in Heiligendarstellungen fand.

Der genaue Blick     Nach einer frühen Reise zum Oberrhein hat Dürer in Nürnberg seine eigene Werkstatt eröffnet. Auf die Goldschmiedetradition des Vaters griff er nur mit einigen Entwürfen für etwa Kelche zurück. Die Themen für die von ihm geschaffenen Druckvorlagen waren notgedrungen das Religiöse, wobei sein eigener Glaube ein großes Thema für sich ist, das auf anderer Ebene zu behandeln ist. Aber die große Meisterschaft in der Naturbeobachtung, schon in Stadt- und Landschaftsdarstellungen zu sehen, konzentriert sich dann auf die Naturstudien – und jene Höhepunkte, die er rund um 1500 in Deckfarbenaquarellen schuf.

Jedes Härchen, jeder Grashalm, jede Feder…  Wenn man den legendären „Feldhasen“ besitzt, der gewiß zu den Werken gehört, die in der Welt der Kunst den höchsten „Erkennungswert“ zu verzeichnen haben (wie Klimt = Kuß, so Dürer = Hase), dann tut man gut daran, ihn luftig an einer grünen Wand zu platzieren, flankiert von den beiden fast gleich berühmten Werken, dem „Großen Rasenstück“ und dem „Flügel einer Blauracke“. Wenn man als Besucher denn nahe genug heran kommt, um vor dem Original zu stehen und sich in die Bilder zu vertiefen, wird man jedes Hasenhärchen fühlen, könnte man jeden Grashalm einzeln zupfen, würde man jedes Federchen des Vogelflügels streicheln wollen… Dass Dürer genau so liebevoll ein Kuhmaul (nur dieses, ohne Kopf dazu) ins Auge gefasst hat, sieht man gleich an der Wand daneben. Allein dafür, dass die Albertina diese Schätze, die sie sonst in der Dunkelheit hütet, damit sie noch viele weitere Jahrhunderte erhalten bleiben, hervorholt, muss man schon in diese Ausstellung pilgern.

Hände und Kleidung      Die Ausstellung ist bestens geeignet, Dürer als Menschen wie Künstler auf die Spur zu kommen. Immer wieder ermisst man in seinen Studien eine Genialität im Detail, die verblüfft – besonders, was er aus der menschlichen Hand herausholte, mit den „Betenden Händen“ als weltberühmten Höhepunkt, ist unglaublich und wäre als persönliche Detailstudie des Betrachters einen eigenen Besuch wert.

(Dann fallen auch in einem Ölgemälde wie „Der zwölfjährige Jesus unter den Schriftgelehrten“, das aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza / Madrid, nach Wien kam, die wunderbaren Hand-Konstruktionen auf.) Oder das evidente Interesse Dürers an Damenkleidung und wie sie an den verschiedenen Orten (Nürnberg, Venedig, Niederlande) variierte. Und er versetzt dem Betrachter einen Schock, wenn man plötzlich den Tod erblickt, der einer schönen Dame als Schleppenträger dient…

Immer wieder: der Mensch     Grenzenlos ist Dürers Interesse am Menschen, an den Gesichtern, an den Körpern und Bewegungen, auch an den nackten Körpern, die er nicht nur in antikisierenden Themen (aus Italien mitgebracht) gestaltete, sondern auch in Alltagsdarstellungen: das Männerbad, das Frauenbad. Dürer zeichnete Köpfe, auch eines Afrikaners, Männer vom Jüngling bis zum Greis, und man weiß, dass all diese Lebendigkeit nicht nur aus künstlerischer Inspiration kommt, sondern dass er sich als Theoretiker auch genau mit der Proportionslehre auseinander gesetzt hat (ähnlich wie Leonardo).

 

Der Maler      Dürer hat zwar in seiner zweiten Lebenshälfte auch viel gemalt, aber man weiß, dass er es nicht wirklich gern tat. Es war viel aufwendiger als das Zeichnen, Skizzieren, Aquarellieren und Entwerfen für Holzschnitte und Kupferstiche, die dann von hochwertigen Handwerkern ausgeführt wurden. Die Wiener Ausstellung hat vergleichsweise wenige Ölbilder, keines seiner Selbstporträts, aber doch einige bemerkenswerte Meisterwerke, die man umso genauer ansieht, weil es sie nicht im Überfluß gibt. Dabei erfordert etwa ein so detailreiches, grausames Werk wie „Die Marter der zehntausend Christen” (aus dem Kunsthistorischen Museum), mit dem er in manchem Bruegel vorweg nahm, intensive Betrachtung, um sich auch nur annähernd in die handwerkliche Struktur und den komplexen Inhalt des Werks zu vertiefen. Anhand der Gemälde schreitet man an graphischen Höhepunkten wie der „Grünen Passion“ und den Kupferstiche-Hauptwerken wie „Ritter, Tod und Teufel“ vorbei bis zu einem Höhepunkt am Ende, bis zu jenem Heiligen Hieronymus, der aus Lissabon kam, und den die Albertina mit der Graphik des 93jährigen Mannes konfrontieren kann, der hier mit dem Gemälde in den Dialog tritt.

Eine Ecke für Kaiser Maximilian     Dürer und Maximilian ist eine Geschichte für sich, oft behandelt, die Albertina hat einst den Festzug ausführlich dokumentiert, den Dürer für den Kaiser mitgestaltet hat. Diesmal ist der meterhohe Entwurf für die Ehrenpforte (in mehreren Druckvorgängen zu erledigen) Höhepunkt der dieser wichtigen Beziehung gewidmeten Ecke. Bekanntlich ist das Wunderwerk ja Papier geblieben – die Ausführung konnte sich der Kaiser nicht leisten. Man erblickt ihn persönlich im Prunkwagen in seinem Triumphzug, und Dürer hat ihn auch in das monumentale „Rosenkranzfest“ eingebracht, wo Maria selbst ihm die Krone aufs Haupt setzt…

 

Albertina: Albrecht Dürer
Bis 6. Jänner 2020, täglich 10 bis18 Uhr, Mittwoch und Freitag, 10 bis 21 Uhr

 

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