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WIEN / Aktionismus Museum: OTTO MUEHL

Otto Muehl – ein Mienenfeld

10.09.2026 | Ausstellungen, KRITIKEN

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WIEN / Aktionismus Museum: 
OTTO MUEHL
Kunst am Abgrund
Vom 10. September 2026 bis zum 10. Jänner 2027

Otto Muehl – ein Minenfeld

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Der Wirbel vor dem Aktionismus Museum begann schon vor der Pressekonferenz zur Ausstellung über Otto Muehl. Eine Schar junger Frauen fand es offenbar gar nicht gut, einen verurteilten Straftäter und gesicherten Pädophilen eine Großausstellung zu widmen. Sie entfaltete große Transparente, auf denen sie auch aufforderten, Otto Muehl aus dem Kunstmarkt zu entfernen – tatsächlich sind seine Preise dort in letzter Zeit erheblich gestiegen. Im Inneren des Hauses fand sich Klaus Albrecht Schröder, Direktor des Museums und Gestalter der Ausstellung, von einigen Anwesenden heftig attackiert, was er – als einstiger Albertina-Chef nur an Lob gewöhnt – gar nicht leicht wegsteckte.  Ohne Erregung kann es bei Otto Muehl offenbar nicht abgehen.

Von Renate Wagner

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Otto Muehl     Geboren 1925 im Burgenland, musste Muehl 1943 noch zur Wehrmacht, danach schien sein Weg in ds Lehramt zu führen., doch er wurde ein Künstler, für den die Überwindung des Herkömmlichen Konzept war. Nachdem er zu den Gründern des Wiener Aktionismus gehört hatte, suchte er in Eigenregie eine alternative Lebensform und fand sie in der im Burgenland ins Leben gerufenen und Mitte der siebziger Jahre bezogenen Kommune „Friedrichshof“, die zeitweise bis zu 600 Mitglieder hatte, manche davon auch durch die postulierte freie Liebe angezogen. Angeblich therapeutisch an der Befreiung des Menschen arbeitend, mißrauchte Muehl seine Macht nicht nur gegenüber Kindern und zerstörte viele Leben durch den von ihm ausgeübten Psychoterror. Er kam vor Gericht, wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt und lebte den Rest seiner Tage bis zu seinem Tod  2013 in Portugal, wo er sich ähnliche Lebensverhältnisse schuf und wieder des Mißbrauchs überführt wurde.

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Schröder und das Minenfeld Muehl    Die Intention von Klaus Albrecht Schröder ist klar: Er will das Werk von Otto Muehl „retten“, von der Person des Schöpfers quasi abkoppeln. Doch das ist nicht so einfach. Schon als er vor Monaten ankündigte, sich mit dessen Person zu beschäftigen, kam es zu seiner Aussage, die sich ungefähr so anhörte: Schließlich hätten die Kinder und Teenager in der „Kommune“ nicht nur mit Muehl geschlafen, sondern auch miteinander und seien folglich Beteiligte. Eine Behauptung, die ihm immer nachhängen wird und den Verdacht aufkommen ließ, er wolle einen fraglos zu Recht verurteilten Straftäter rehabilitieren. Wenn Schröder die Kommune bis heute zwar nicht als „Sekte“ anerkennt, so hat er mittlerweile die Rolle vieler Beteiligter an der Kommune als „verführte Opfer“ anerkannt. Was allerdings nicht reicht. Muehl war pädophil, er hat nach seinem Gefängnisaufenthalt dann in Portugal wieder ein Kind mißbraucht – nach Schröder die Schuld der österreichischen Gerichte, die ihn in Stein unter „normalen“ Häftlingen internierten, statt ihm die entsprechende psychologische Behandlung zukommen zu lassen. Was wieder nach Entschuldigung klingt und nicht so gut ankommt. (Abgesehen davon, dass Muehl in seinen Gefängnisjahren immerhin noch Hunderte Werke schaffen konnte…)

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Die Trennung von Mensch und Werk    Fast alles, was Muehl schuf,  ist voll von Brutalität. Für Schröder eine Qualität – nämlich die radikale Aufarbeitung von Nazi-Deutschland. Schröder, Jahrgang 1955, ist nach eigener Aussage in Linz „unter lauter Nazis“ aufgewachsen, kann also in jeder Auseinandersetzung mit dem Grauen der Epoche nur Kunst sehen, wie abscheulich das Gezeigte auch sein mag. Zudem sei, und da wackelt seine Interpretation (die die „Freiheit der Kunst“ beschwört) wieder, derjenige, der Grauen zeige, nicht selbst ein grauenvoller Mensch, wofür er Bosch oder Goya als Beispiele anführte. Aber diese waren auch keine überführten und offenbar nicht heilbare, aktive Pädophile… Dennoch bleibt Schröders Forderung, er wolle in den Werken von Otto Muehl nicht die „forensischen Beweise“ für den Privattäter Muehl sehen. Und er ist sogar bereit, einen ausgewogenen, also teils positiven Blick auf die „Kommune“ als ideologisches Experiment zu werfen. Hier möchte Schröder die gesellschaftlichen und sozialtheoretischen Hintergründe sehen, die Utopie, die Alternative, was alles schön und positiv klingt. Freie Menschen sollten dort erzogen werden (darum auch die nötige Anwesenheit von Kindern als Menschen von morgen), und zu dieser Freiheit gehörte auch die Sexualität. Dass daraus Mißbrauch und Gewalt jeder Art wurden… da kann Schröder sich nur darauf zurückziehen, selbstverständlich alles zu verurteilen, was geschehen ist. Was soll er sonst tun?

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Ein Museum für die Alternative    Eines allerdings ist klar: Wenn man Otto Muehl ausstellen und ihn als „Künstler“ rehabilitieren will, ist das Aktionismus Museum (da er ja dieser Bewegung in der ersten Stunde zuzurechnen ist) der richtige Ort. Schließlich zählte Muehl neben Hermann Nitsch, Günter Brus und Rudolf Schwarzkogler zu jenen jungen Wilden, die Anfang der sechziger Jahre mit wüsten Performances den Wiener Aktionismus „erfanden“. Nur dass er es nicht bei der Brus’schen Selbstverletzung beließ, sondern anderen Gewalt antat. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob man eine durch und durch gewaltaktive Strömung rein historisierend (wegdiskutieren kann man sie ja nicht) mit einem Museum „ehren“ soll? Und ob der vorgeschobene „Kunst“-Begriff nicht vielfach eine (wenn auch längst akzeptierte) Behauptung ist?

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Beschränkung des Werks    Schröder beschränkt sich in seiner Ausstellung auf etwa drei Jahrzehnte, von dem Beginn in den sechziger Jahren bis zu der Inhaftierung 1990. Die im Gefängnis und später entstandenen Werke werden ausgeblendet. Die Vielfalt der Entwicklungen zeigt sich in den rabiaten Frühwerken, teils aus Metall und Stoff, immer noch erschreckend sind die Fotos von mit Schlamm oder anderen Flüssigkeiten überschütteten, gebundenen, zu hilflosen Stücken Fleisch reduzierten Frauen. Muehls Rückkehr zur Malerei zeigte sich sprunghaft à la Van Gogh, bildet aber wieder nur Gewalt ab. Unter den Bildern von Polit-Größen, von Prinz Charles bis zu dem Schah mit Farah Diba, findet sich auch Adolf Hitler. Und besonders hat Klaus Albrecht Schröder die Landschaften der Parndorfer Heide ins Herz geschlossen, die allerdings nur eine Behauptung und keine sichtbare Realität sind – sie führen in eine andere Geistes- und Kunst-Welt, einerseits der totalen Abstraktion, andererseits von Ruhe und Frieden, wie man sie bei ihm sonst nicht findet.

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Fazit:  „Ich weiß den Mann von seinem Amt zu unterscheiden“, heißt es in Schillers „Wallenstein“. Schröder möchte erzwingen, den Täter Muehl von dem Künstler Muehl zu unterscheiden, zu trennen, Ersteren unsichtbar zu machen. Das kann aber nicht gelingen-  das Mienenfeld Muehl ist unter Schröder hundertfach hoch gegangen. Und dass man mit dem Nachlass von Otto Muehl (an die 13.000 Werke aller Art) viel Geld macht, je mehr über ihn gesprochen wird – daran ist das von den Protestierern als „WAM-Tätermuseum“ apostrophierte Aktionismus Museum nicht unschuldig.  

WIEN / Aktionismus Museum: 
OTTO MUEHL
Kunst am Abgrund
Vom 10. September 2026 bis zum 10. Jänner 2027
Täglich außer Montag 11 bis 18 Uhr
https://wieneraktionismus.at

 

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