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WIEN / Akademietheter: DIE PRÄSIDENTINNEN

03.10.2015 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Akademietheter des Burgtheaters:
DIE PRÄSIDENTINNEN von Werner Schwab
Premiere: 3. Oktober 2015

Gewinnt ein Stück, wenn man es immer wieder ansieht – anders ansieht natürlich, von Inszenierung zu Inszenierung neu? Ist das der Beweis, den es antritt für sein Überleben im Theater? Vielleicht. Nichts von Werner Schwab (1958-1994) wurde so oft gespielt wie seine „Präsidentinnen“, was natürlich auch an den theatergerechten Vorzügen liegt – ein Raum, eine Handlung, drei Rollen, die man, wenn man will, auch als (schauerliche) Traumrollen für Schauspielerinnen benennen kann. Ein konzentriertes Stück – metaphorisch und „griffig“, wenn die Mariedl enthusiastisch in den Abort langt. „Fäkalienstück“ hat man es genannt. Sicher, auch das ist es.

Man hat die „Präsidentinnen“ lange und oft realistisch genommen, auch wenn des Autors Kunstsprache dem entgegensteht. Aber anno 1990, als Schwab mit diesem Stück schlagartig berühmt wurde, konnte man noch ein Schockautor sein, wenn man so lustvoll in der Scheiße wühlte, und damals zumindest noch ein wenig Entrüstung erregen (das war ja auch Thomas Bernhard bis zu seinem Tod im Jahr davor geglückt). Die im ganzen 15 Stücke von Schwab, bis er am Neujahrstag 1994 starb, waren zum Großteil „grauslich“ und nicht besonders gut. Tatsächlich lässt sich nur aus den „Präsidentinnen“ immer wieder Neues hervorholen.

Im März vorigen Jahres (diese Dichte eines Stücks auf den Bühnen einer Stadt ist nicht ultimativ notwendig…) hat es Miloš Lolić am Volkstheater einmal „anders“ versucht, hat die drei Putzfrauen, um die es geht, von der Bühne herab auch durch den Zuschauerraum vazieren lassen und sie damit beschäftigt, sich zu schminken und Abendkleider anzuziehen. Da sich ja alle ein alternatives Leben ausmalen, war der Ansatz möglich, aber die Überzeugungskraft gering. Wenn Regisseur David Bösch die drei Frauen im Akademietheater nun in einem elenden Keller festhält (Ausstattung: Patrick Bannwart) und darauf vertraut, dass die Schwab’sche Sprache sie trägt, erzielt er stärkere Wirkung.

Interessant immerhin, dass David Bösch, für seine Radikalität berühmt, sich diesmal zurückhielt. Offenbar fand er, es reiche völlig aus, den Autor so auf die Bühne zu bringen, wie er ist, da muss man (bis auf ein paar exzessive Schrei-Kreisch-Brüllorgien der Darstellerinnen und ein Kettensägen-Massaker bei der Ermordung Mariedls) nicht viel dazu tun. Bösch übertreibt weder das Höhnen aufs Elend noch gar die Kläglichkeit der Flucht in die Religion. Und selbst das Wühlen in der Scheiße ist schon mit viel mehr lächerlichem Enthusiasmus vorgebracht und ausgestellt worden.

Eines scheint klar: Bösch tun die drei Frauen schlechtweg leid. Weit deutlicher als seine inszenierenden Vorgänger hebt er hervor, dass es sich bei den Visionen der drei Putzfrauen weniger um Realität, als um ein absurdes Traumspiel handelt. Nicht die brutale Kleinbürgerlichkeit brät sich bei ihm in der radikalen Schwab-Sprache aus, sondern das Abheben von drei erbarmungswürdigen Figuren in die Welt ihrer Träume. Dass diese schlimm genug anzusehen sind – das liegt am Stück.

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Da ist Regina Fritsch als Erna, die sich von der Realität ihres sie so offensichtlich hassenden Sohnes in eine religiöse Welt beamt, wo der Fleischhauer „Wottila“ heißt und Papst-Ersatz und Liebesobjekt gleichzeitig ist. Wie eng das scheinbar Fromme und das ganz reale Böse vernetzt sind, macht ihre Figur klar.

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Da ist Barbara Petritsch als Grete, der klägliche Versuch, ihrem Alter noch durch Kleidung etwas wie Attraktivität abzupressen (was man in ihrer Welt eben darunter versteht): ganz die Frau, die ihre Wünsche einzig auf Sex ausrichtet und zwischen Lüsternheit, Ersatz-Liebe zu Dackelin Lydi und verdrängten Muttersorgen haltlos in ihre Traumwelt schwankt.

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Und schließlich Stefanie Dvorak als jene Mariedl, die – im Gegensatz zu den beiden Alten, offenbar noch aktiv – die Putzfrau fürs Grobe ist, überall die echte Scheiße wegräumen muss und sich dieses Elend zu einer privilegierten, hoch geschätzten, vom Pfarrer liebevoll belohnten Arbeit zurechtträumt. Nur, wenn sie mit den beiden rücksichtslosen Alten nicht mithalten kann und dann in einem Furioso beginnt, deren Träume zu zerstören, dann kippt das Stück gänzlich ins Absurde, in Mord und himmlische Verklärung (mit der runden Lampe als Heiligenschein)… Stefanie Dvorak (offenbar ersetzt sie Böschs Leib- und Magendarstellerin Sarah Viktoria Frick, die diese Rolle vermutlich genau so spielen würde) ist hier das von den anderen getretene Armitschkerl, dessen Kampf um ein kleines bisschen Glück halb tragisch, halb erbärmlich ist.

Kurz, Bösch, der sicher das Anti-Katholische, das Ordinäre wie auch das Lächerliche weit stärker hätte ausreizen können, begnügt sich damit, dreimal eine bitter „arme Haut“ verfehlten weiblichen Lebens auszustellen. Viel Beifall für alle Beteiligten – aber so gut, dass man es jetzt nächstes Jahr wieder sehen muss, ist das Stück wirklich nicht…

Renate Wagner

 

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