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WIEN / Akademietheater: WOYZECK

10.04.2019 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
WOYZECK von Georg Büchner
Fassung von Koen Tachelet
Premiere: 10. April 2019

Wollte man zu definieren suchen, was sich auf der Bühne des Akademietheaters abspielt, könnte man eines mit Sicherheit sagen: jedenfalls nicht Georg Büchners „Woyzeck“. Eine „Fassung“ von Koen Tachelet, die das Stück dramaturgisch völlig zerstört, dazu eine Inszenierung von Johan Simons, die zusätzlich dafür sorgt, dass nichts von den Figuren, der Handlung, den Entwicklungen, kurz von Büchners „Wozzeck“ übrig geblieben ist.

Es geht heutzutage nicht mehr darum, was die Dichter uns zu sagen haben, es geht einzig und allein darum, was den Regisseuren dazu einfällt. Büchner porträtiert in dem Soldaten Woyzeck das schwächste Glied der Gesellschaft, derjenige, der benützt und ausgenützt wird, in der Berufswelt und privat. Man hält ihn für dumm, dabei denkt er viel nach, auch über die letzten Dinge, nur eben auf seine schlichte Art. Man muss ihn nicht bemitleiden, aber man könnte an der Gesellschaft um ihn herum allzeit Gültiges erkennen.

Was Johan Simons dazu einfällt, ist (wie neu!) ein Zirkus (Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Greta Goiris). Logisch: Von einem „Zirkus-Woyzeck“ wird das ganze Feuilleton voll sein. Zuerst ist das gestreifte Zeltdach noch über den Bühnenrahmen gespannt, dann kommt ein Mann, den man mit seiner schwarzen Wollmütze eher für einen Moslem hielte, als in ihm Woyzeck zu erkennen, und reißt es herunter. Eine Arena erscheint. Und er beginnt, die einzelnen Teile der Szene zu demolieren. Fraglos ein symbolischer Akt – aber wofür? Johan Simons bleibt für so gut wie alles, was er auf der Bühne zeigt, die Antworten schuldig. Er nennt sich einen „bekennenden Büchner-Fan“ und zerstört total, was dieser geschrieben hat.

Mit sechs Schauspielern, von denen drei sehr wenig, einer ein bisschen und zwei viel zu tun haben, gibt es – Bröckchen. Da ein bisschen Woyzeck-Text, dort ein bisschen, völlig wild durcheinander, mit anderem Text hineingemixt. Ein Abend für Kenner des Stücks, denn die anderen haben – wie so oft in der heutigen Regietheaterwelt – keine Chance, irgendetwas zu begreifen.

Vor allem gibt es keinerlei Erkennungsfaktor für die Figuren: Steven Scharf ist – wer? Ein Schauspieler, der tut, was man ihm sagt. Bedeutungsvoll schauen. Flapsig sprechen (Endsilben – gehn, kommn – kennt der deutsche Ton nicht). Der bereit ist, splitterfasernackt über die Bühne zu rennen, immer im Kreis. Mehr noch, auf einer Metallleiter reitend, sieht es nach einem Onanierakt aus. (Und bitte, wer ist denn heutzutage noch zu schocken, wen interessiert wirklich, was die da auf der Bühne machen?) Er eilt in den Zuschauerraum, macht in Interaktion, gerade, dass er dem Besucher, den er auswählt, nicht seine Uhr wegnimmt. Er setzt sich einen Zylinder auf, drunter lugt die Unterhose hervor. Er sticht auf Marie immer und immer wieder ein, und sie stirbt nicht (eine besonders qualvolle, weil das Stück gänzlich in die Lächerlichkeit desavouiernde Szene). Was hat das alles mit Woyzeck zu tun? Übrigens: Direktorin Karin Bergmann hat von Steven Scharf als einem ganz besonderen Schauspieler geschwärmt: Hätte er doch Gelegenheit bekommen, das zu zeigen.

Noch schlimmer ergeht es Anna Drexler, die ihr an sich unschuldsvolles Gesicht dafür hergeben muss, extreme Albernheits-Aktionen zu setzen, Woyzecks Marie ist lüstern, dumm, laut bis schrill, weiß der Teufel, was sie warum da aufführt. Ihr Kind trägt sie als Puppenhohlform, aus Draht gemacht, herum. Nach ihrem „Tod“ ruft sie Woyzeck noch zu, was er tun soll. Man wünschte, man könnte in das Gedankengebäude des Regisseurs einsteigen – irgend etwas, um Gottes willen, muss er sich doch gedacht haben?

Guy Clemens ist der Tambourmajor, ganz in rotem Unterhöschen, tänzelnd. Daniel Jesch muss gleich zu Beginn einen Überschlag machen und so brutal auf dem Rücken landen, dass man sich nicht wundern würde, wenn er eines Tages gelähmt liegen bleibt (was müssen Schauspieler heutzutage alles tun, nur damit man sie eine winzige Nebenrolle spielen lässt?). Falk Rockstroh gibt sich mit den Rudimenten dessen ab, was von der an sich so infernalischen Figur des Doktors übrig geblieben ist (ja, einmal darf er Woyzeck intensiv in den Arsch schauen). Martin Vischer muss sehr, sehr lange warten, bis er das Märchen der Großmutter ohne weitere Wirkung erzählen darf (und dann erscheint er auch noch im Frauenkleid). Die Umwelt des Woyzeck existiert hier nicht. Hier gibt es nur „Ideen“ (samt einigen nicht aufzulösenden Video-Sequenzen, es sei denn, man erkennt Pferde in der Zirkusarena) – und sonst nichts. Gar nichts.

Der Abend wurde – man glaubt nicht, was ein Publikum sich zumuten lässt und es offenbar gar nicht bemerkt (!?!?!) – geradezu bejubelt. Es handelt sich um eine Co-Produktion mit Bochum (wo Simons seit dieser Saison Intendant ist). Diese Art von Theater überlassen wir ihnen gerne. Nicht alle Besucher haben vom Bochumer Abstecher nach Wien einen bereichernden Eindruck mitgenommen.

Renate Wagner

 

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