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WIEN / Akademietheater: VOR SONNENAUFGANG

21.12.2017 | KRITIKEN, Theater
Michael Maertens (Alfred Loth), Michael Abendroth (Egon Krause), Markus Meyer (Thomas Hoffmann), Dörte Lyssewski (Annemarie Krause), Marie-Luise Stockinger (Helene), Stefanie Dvorak (Martha)

Michael Maertens (Alfred Loth), Michael Abendroth (Egon Krause), Markus Meyer (Thomas Hoffmann), Dörte Lyssewski (Annemarie Krause), Marie-Luise Stockinger (Helene), Stefanie Dvorak (Martha)       Foto Burgtheater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
VOR SONNENAUFGANG
von Ewald Palmetshofer nach Gerhart Hauptmann
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 20. Dezember 2017

Als Gerhart Hauptmanns Stück „Vor Sonnenaufgang“ 1889 in Berlin unter Skandal uraufgeführt wurde, war der schlesische Autor berühmt. Er war auf den Ibsen-Zug aufgesprungen und zeigte dem Publikum, was es nicht sehen wollte: eine dem Alkohol (und dem Kapitalismus) verfallene Familie… Der Linzer Ewald Palmetshofer, nächstes Jahr 50, österreichischer Erfolgsdramatiker, der gerne auf Vorlagen zurückgreift, will in seiner Version des Stücks, die mit dem Original nicht mehr allzu viel zu tun hat, zeigen, wie „heutig“ die Figuren Hauptmanns sind. Sind sie es wirklich?

Der reiche Herr Krause, einst ein durch Kohle reich gewordener Bauer, ist nun Besitzer eines mittelständischen Betriebs – was er herstellt, wird nicht klar, irgendwelche Teile, „die die Chinesen dann einbauen können“. Man begegnet ihm im Rahmen seiner Familie als Nebenfigur, die vor den Augen des Publikums auf der Toilette sein Geschäft erledigen darf, aber von Frau und Töchtern beiseite geschoben wird.

Die Gattin ist die zweite Frau, schwer belastet von dem Alkoholiker-Mann und zwei Stieftöchtern, sofort bereit, sich lächerlich zu machen, wenn mit Alfred Loth ein einigermaßen junger Mann in ihren Gesichtskreis tritt, von dem sie dann nicht die Hände lassen kann.

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Fotos: Barbara Zeininger

Das Verhalten beider Töchter ist erratisch, besonders die schwangere Martha, aber auch die jüngere Helene tragen ihre Borderline-Störungen vor sich her. Thomas Hoffmann, Marthas Gatte, verhält sich dermaßen degoutiert distanziert, dass völlig klar ist, dass er gute Gründe haben muss, in einer Familie wie dieser zu bleiben: Dass es sich um das Geld handelt, das er hier als Anverwandter und Chef abzieht, steht außer Zweifel.

Das Hauptmann’sche Personal des Stücks ist zahlreich, Palmetshofer hat nur zwei Figuren davon behalten: den ehemaligen Studienfreund Alfred Loth und den (für die Niederkunft benötigten) Arzt Dr. Peter Schimmelpfennig. Was sich bei den Krauses abspielt, ist nebensächlich und auf fast normale Art unerfreulich, aber zweifellos hat das auch den Autor kaum interessiert. Die politische Konfrontation zwischen Hoffmann und Loth hat Palmetshofer ins Heute übertragen, in eine erschreckend schlichte Auseinandersetzung, wo sich der gute Loth fragt, wie Hoffmann, der einst ein so anständiger junger Mann war, sich dermaßen verändern konnte – zu einem kapitalistischen Faschisten geradezu. Es ist so auf österreichische Verhältnisse hier und heute angepasst, dass sich jene belehrend angeklagt fühlen sollen, die die derzeitige Regierung an die Macht gebracht haben…

Eine ähnlich peinliche Szene hat Schimmelpfennig, er als Monolog und in seiner Eigenschaft als Arzt, wenn er über Leben und Tod triefend sentimentale Lebensweisheiten von sich gibt.

Im übrigens lässt der Autor zwar die Katastrophe zu, dass Marthas Kind tot geboren wird, aber obwohl Loth sich zu entfernen scheint (was Genaues wird szenisch nicht ausgesagt), muss wenigstens Helene nicht Selbstmord begehen wie bei Hauptmann. Am Ende – der Vorhang zu und alle Fragen offen…

Dass Ewald Palmetshofer seine Figuren immer bis zum Exzess teibt, ist bekannt. Regisseur Dušan David Pařízek setzt noch eines drauf, liefert dazu als sein eigener Bühnenbildner einen jener halb zugemüllten Schauplätze, die heute zum guten Ton gehören, obwohl sie nichts aussagen und dann auch keine ordentlichen Spielräume sind (wenn alle sich etwa zum Essen an die Rampe hocken und ihre Teller auf den Knien balancieren). In seinen Inszenierungen müssen die Darsteller ihre Figuren grundsätzlich mit Künstlichkeiten und Äußerlichkeiten überzeichnen. Was in diesem Fall ja eigentlich nur für die schwer nervenkranken Töchter gerechtfertigt wäre…

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Luise Stockinger als Helene, die offenbar nicht weiß, was sie will und soll, bis sie Alfred Loth trifft und sich ihm an dem Hals wirft, wankt beeindruckend neben jeder Normalität her, transportiert ihre Verstörung auf den Zuschauer weiter.

Stefanie Dvorak mit dem hässlich-grotesk übersteigerten Babybauch, den sie hüpfend vor sich hin trägt, muss ihre Figur so lächerlich machen, dass die Tragik im Grunde nicht greift.

An Dörte Lyssewski als Stiefmutter meint man noch einen Rest von Vernunft zu entdecken, so dass man sich fragt, was sie bei diesem Mann, in dieser Familie hält (Geld?). Als ihr Gatte ist Michael Abendroth (den man eigentlich im Volkstheater verortet hätte) der Niemand schlechthin.

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Bleibt, wenn Fabian Krüger als Arzt bloß ein virtuoser (aber wahrlich virtuoser) Drüberstreuer ist, nur das Duell der beiden Männer: Michael Maertens als der anklagende Mann auf der richtigen Seite, der sich an dem eisigen Kapitalisten (Markus Meyer, auf den ersten Blick kaum zu erkennen mit Glatze, in Unterhose – wenn nicht nackt – und Schlafrock) den ideologischen Kopf blutig schlägt.

was uns – ich weiß es nicht – „vergiftet“ hat nicht bloß uns zwei uns alle das das wollt ich finden weiß ich nicht verstehn was ist denn das? (…)
jetzt bewohnen wir zwei Welten völlig unterschiedlich und mit nichts gemein obwohl wir beide lass uns das eingestehen so ehrlich müssen wir jetzt sein auf beiden Seiten dieses Spektrums links und rechts sind wir scheiß verzweifelt alle (…)
wie lange, glaubst du, driften wir noch auseinander, bis wir uns nicht mehr hören können, wenn wir sprechen das mein ich nicht akustisch naja, wem sag ich das die Metapher bist ja du vor dieser Stille hab ich Angst (…)

Loths Formulierung, er habe „hassen gelernt“, steht übrigens nicht im Text, ist eine Hinzufügung für die Wiener Aufführung…

Als Gerhart Hauptmann einst seinem Publikum die Familie Krause vor die Füße knallte, wussten er und die Zuschauer, was damit gemeint war. Die Aussagekraft von Palmetshofers Hysterikern ist geringer bis nicht vorhanden. Abgesehen natürlich von der Polit-Predigt, dass „Links“ gut und „Rechts“ schlecht ist. Das Premierenpublikum, das alle Beteiligten inklusive Autor feierte, bejubelte zweifellos auch die Tatsache, dass das Burgtheater auf der Seite der „Guten“ positioniert ist…

Renate Wagner

 

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