Foto: © Tommy Hetzel
WIEN / Akademietheater des Burgtheaters;
SELBSTBEZICHTIGUNG von Peter Handke
Premiere: 6. Dezember 2025
70 Minuten Reinsperger
Stefan Bachmann hat sich in seiner noch nicht gar so langen Zeit als Burgtheater-Direktor als Reste-Verwerter ersten Ranges erwiesen. Zuerst hat er die scheinbaren „Premieren“ des Hauses mit zahllosen alten Aufführungen aus seiner Kölner Direktionszeit aufgeputzt. Und nun holt er gar eine Produktion hervor, die Theaterfreunde schon vor zehn Jahren im Volx, der damaligen Nebenspielstätte des Volkstheaters in Margareten, gesehen haben. Stefanie Reinsperger in der „Selbstbezichtigung“ von Peter Handke.
Damals freilich war die Schauspielerin noch keine 30 und ein „Geheimtipp“. Dann ging sie vom Volkstheater an das Berliner Ensemble und kehrte als Star an das Burgtheater zurück, wo sie vor ihrer Volkstheater-Zeit schon kurz und eher unauffällig tätig war. Berlin (ihre Grusche im „Kaukasischen Kreidekreis“ kam auch als Gastspiel nach Wien) formte ihren Ruhm, sie brachte auch (obzwar ziemlich umstritten) die unvermeidliche Buhlschaft hinter sich, war eine „Tatort“-Kommissarin (was sehr popularitätsfördernd ist).
Nun ist Stefanie Reinsperger am Burgtheater einer der wenigen Stars, um derentwillen das Publikum kommt (wie sonst nur zu Minichmayr oder Caroline Peters, die sich beide allerdings eher rar machen). Vom Liliom bis zur Elisabeth – mit der Reinsperger kann man auch 70 Minuten Handke verkaufen, wobei die ersten zehn Minuten darin bestehen, dass sie sich mit einem Tablett durch die Zuschauerreihen zwängt und Apfelspalten verteilt, die sehr wohlwollend angenommen werden.
Handke ist da fast Nebensache. Die „Selbstbezichtigung“ ist das Seitenstück zur „Publikumsbeschimpfung“, die ihn einst, in den späteren Sechziger Jahren, berühmt machte. Hier attackiert man nicht das Publikum, sondern das Individuum, das auf der Bühne steht, hinterfragt sich selbst. Jeder Satz beginnt mit „Ich“, das kann dann als „Ich bin“, „Ich habe“ oder gelegentlich „Ich wurde“ weitergehen. Man wurde geboren, man lernte, was zum menschlichen Umgang dazu gehört, und irgendwann bricht die Erzählung von der Entwicklung weg und wendet sich dem Widerstand zu. Schau, schau, der Mensch begehrt auf, tut nicht nur, was er soll, sondern vielfach auch das Gegenteil. Viel mehr ist in dem Text nicht drinnen, den man aus der Distanz von an die 60 Jahren seit seiner Entstehung nicht mehr so aufregend, erleuchtend und spannend finden kann.
Aber er ist ein Vehikel für Stefanie Reinsperger. Wie sehr sich das, was sie mit Regisseur Dušan David Pařízek vermutlich neu erarbeitet hat, von dem unterscheidet, was man vor zehn Jahren gesehen hat – solche Details speichert das Gedächtnis selten. Aber damals schon lag sie anfangs nackt, nur mit einer Unterhose bekleidet, auf der Bühne, der werdende Mensch sozusagen, und am Ende steht sie ganz in Schwarz, im Männeranzug, da. Da ist sie wohl zu Handke selbst geworden…
Das Virtuosenfeuerwerk, das Stefanie Reinsperger lustvoll abbrennt, hat es in sich, bezieht sich auf Sprechtechnik, die alles kann, jede Nuance von laut und schrill, leise und hintergründig, immer wieder auch ein Prestissimo, das es schwer macht, dem Text zu folgen – man kann nicht so schnell mitdenken, wie sie sprechen kann. Und da ist noch die Sprachmodulation der verschiedensten Dialekte (bis zur letzten Ordinärheit) und der ironischen Ausformung verschiedener Schichten (blanker Hohn ist auch immer wieder einmal dabei). Da sieht man (abgesehen von der ungeheuren Gedächtnisleistung), was der Schauspielerberuf auf höchster Stufe zu leisten imstande ist.
Bloß – was hat man am Ende erlebt? 70 Minuten Reinsperger pur. Alles, was sie kann. Aber vom Mehrwert des Textes, so noch vorhanden? Stefanie Reinsperger hätte statt Handke genau so, wie man so schön sagt, das Telefonbuch vorlesen können… das Publikum hätte wohl ebenso gejubelt.
Renate Wagner

