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WIEN / Akademietheater: ROSA ODER DIE BARMHERZIGE ERDE

10.03.2018 | KRITIKEN, Theater

Tobias Moretti (Désiré/Romeo), Ensemble   Fotos: Reinhard Werner/Burgtheater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
ROSA ODER DIE BARMHERZIGE ERDE
nach Dimitri Verhulst und William Shakespeare
Eine Bearbeitung von Luk Perceval
Uraufführung
Premiere: 10. März 2018

Die Dramaturgie des Burgtheaters ist derzeit in moribunder Verfassung. Es ist gerade zwei Wochen her, da gab es den Aufguß des „Jedermann“-Sterben-Müssens Drama. Nun geht es in „Rosa oder Die barmherzige Erde“ erneut ums Sterben, allerdings um das freiwillige. Ein Mann, der nicht mehr will. Warum? So wirklich klar wird in dem Stück, das Regisseur Luk Perceval aus dem Roman seines Landsmanns Dimitri Verhulst (Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau) und aus Shakespeares „Romeo und Julia“ zusammengebraut hat, eigentlich gar nichts.

Und wenn man nicht genau aufpasste, dann hat man die erste Aussage von Held Desiré, dass er sich freiwillig in ein Altenheim eingewiesen hat, glatt überhört. Was leicht möglich ist, denn auf akustische Verständlichkeit legt Luk Perceval es in seiner Inszenierung überhaupt nicht an. Sehr viel Musik – hallige Vokalisen – im Hintergrund, und absichtsvolles Verschmieren des Gesprochenen. Als ginge es nur um die Impression, nicht um die Situation.

Das ist Luc Percevals Regiedebut in Wien. Man hat von dem heute 60jährigen Belgier vor längerer Zeit (auch schon wieder fast 20 Jahre her!) in Salzburg seinen „Schlachten“-Shakespeare-Marathon gesehen, sonst kam er nur als Gast zu den Wiener Festwochen, noch mit seinem Antwerpener „Het Toneelhuis“ und Produktionen der Münchner Kammerspiele. Immer höchst anspruchsvolles, auch verwirrendes Theater. So wie jetzt  bei seinem Einstand im Burgtheater. Wo man als Zuschauer auch noch (laut Interview) eine religiös-spirituelle Dimension versprochen bekommt.

Tobias Moretti (Désiré/Romeo)

Ja, und worum geht es wirklich? Die Bühne (Katrin Brack) zeigt einen halbrunden Raum mit aufsteigenden Bankreihen – ein kleines römisches Odeon, ein Hörsaal oder einfach ein Raum, in dem Theater gemacht wird? Auf den Bänken sitzen viele sehr alte Frauen. Aus dem Off eine Stimme… wenn Tobias Moretti hereinwankt (er spielt, was er mit seinen 58 Jahren nicht ist, einen sehr alten Mann), geht es per Mikro in seine Stimme über. Der Effekt, wann live, wann verfremdet, ist in seiner Sinnhaftigkeit nicht auszumachen. Tatsache ist, dass man diesem Herrn Desiré, der manchmal auch den Text von Shakespeares Romeo deklamiert (Pfleger und Krankenschwester geben die Stichworte), seine Demenz völlig glaubt, so abwesend, auch abweisend stiert Moretti unter wirrem Haar vor sich hin. Wenn er nicht in heftigen Ausbrüchen die ordinärsten Verfluchtungen von sich gibt…

Desiré, bei uns eher (mit zwei ee) ein Frauenname, soll vielleicht auch das englische „Desire“, Sehnsucht, bedeuten. Bibliothekar war er, erfährt man, also nicht Schauspieler, wie man aus den Shakespeare-Passagen hätte vermuten können. Um Liebe geht es hier, aber um eine verlorene. Diese Szenen sind doch wohl ein Traumspiel? Der Traum eines Herrn Alzheimer?

Doch Desiré tut nur so: Wenn etwa, in einer gewissermaßen realistischen Szene, seine Tochter (Sabine Haupt) um Aufmerksamkeit, um ein Zeichen des Erkennens bettelt und er sich völlig „daneben“ gibt, begreift man nach ihrem Abgang, dass er sehr wohl weiß, wer sie war – und dass er ihr offenbar den Abschied erleichtern wollte…

Neben den Gesprächen mit dem Pflegepersonal, deren herablassenden Ton gegenüber alten Leuten er (begreiflicherweise) hasst, bekommt er noch Besuch von seiner Frau, die Getraud Jesserer mit dunkel-tremolierender Stimme spielt, überzeugender in ihrer unfreundlichen Ablehnung des dementen Alten, als wenn man ihr poetischen Text auferlegt. Und dann ist noch die undurchsichtige Geschichte um „Rosa“. Shakespeares Romeo hatte, wie man weiß, eine Geliebte namens Rosalinde, bevor Julia alles andere in ihm auslöschte. Geht es darum? Um eine einst verlassene Rosa, die man als alter Romeo dement im Altersheim wieder findet? Zwei Julia, darunter die Ehefrau, nennt das Programmheft, nur eine Rosa. Und nach deren Tod springt Desiré aus dem Fenster – davor hat Moretti noch eine winzige kabarettistische Einlage, wenn er in vielen Stimmen seinen Nachruf durch die anderen spöttelt…

Sylvie Rohrer als Hauptschwester, Daniel Jesch als Pfleger, Stefan Wieland als Pastor sind Rollen (aber wohl nur bedingt real) und Shakespeare-Stichwortgeber, Marta Kizyma steht als Julia, Mariia Shulga als Rosa auf dem Theaterzettel. Die uralten Damen werden als „Vergißmeinnicht“-Chor geführt. Sie umrahmen die pastose Alterstragödie, das feierliche Sterbespiel, von dem sich eher Stimmung vermittelt als Klarheit. Das Publikum beklatschte hundert extrem mühselige Theaterminuten.

Renate Wagner

 

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