
Fotos: Burgtheater © Tommy Hetzel
WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND
von Tankred Dorst, Mitarbeit: Ursula Ehler
Premiere: 5. September 2026
Im Kindertheater stecken geblieben
Selbstverständlich haben Tankred Dorst und seine Gattin Ursula Ehler, als sie Ende der siebziger Jahre ihren „Merlin“ schrieben, keine Heldengeschichte zur Artus-Saga verfasst, sondern sind das große Thema mit leichter Hand angegangen. Aber zu leicht darf man es auch wieder nicht nehmen, denkt man daran, was die Autoren erzählen wollten – vom Sinn des menschlichen Lebens (vielleicht sucht man deshalb den „Gral“?), von den Utopien einer gleichen, freien Gesellschaft (darum setzt man sich an einen runden Tisch, damit keiner mehr ist als der andere), und auch die Frage, ob und wie man weitermachen kann, wenn man wie Merlin (nach heutigen Begriffen ein Spin-Doktor, der Artus bei richtigen Entscheidungen helfen soll) leider weiß, dass es ja doch schief geht…
Also doch kein Leichtgewicht von Stück, und auch Autoren müssen vorsichtig sein mit dem, was sie sagen. Denn offenbar hat Tankred Dorst zu Antú Romero Nunes, als dieser „Merlin“ 2011 am Hamburger Thalis Theater inszenierte, bemerkt, er habe versucht, Kindertheater für Erwachsene zu schreiben. Leider sieht die Wiener Inszenierung, die Antú Romero Nunes im Akademietheater ablieferte, genau so aus. Und das ist wirklich nicht gut.
Nun weiß man, dass „Merlin oder das wüste Land“ so, wie das Stück in der Druckfassung vorliegt, nicht spielbar ist, es würde angeblich 15 Stunden dauern, die Uraufführung in Düsseldorf begnügte sich mit sieben Stunden. die legendäre Münchner Aufführung von Dieter Dorn (unvergesslich für jeden, der sie gesehen hat) umfasste zwei Abende und war mit Peter Lühr, Thomas Holtzmann und Romuald Pekny unübertrefflich besetzt.
Pekny spielte den Teufel, der eigentlich Merlins Vater ist. Wenn in Wien eine Art Jester, ein mittelalterlicher Spaßmacher, vor das Publikum tritt, käme man wahrlich nicht auf die Idee, dass dies die so wichtige Figur des Teufels sein soll…
Nun ist aus den erwähnten Gründen jede Aufführung des „Merlin“ eine Entscheidung von Regie und Dramaturgie, was will man zeigen, was lässt man weg, und die Reduktion auf die wichtigsten Figuren (so dass der Abend „nur“ dreieinhalb Stunden dauert) ist gelungen, weil wichtige Handlungsstränge bleiben.
Dennoch sollte man gewarnt sein, wenn Marie-Luise Stockinger (die ihre bekannte Neigung zur Exzentrik an diesem Abend noch oft ausspielen darf) vor den Vorhang springt und das Publikum völlig unverständlich anquatscht. Was wie ein fremder Akzent wirkt, erweist sich als dem Stück aufgepfropfte Kunstsprache, die „mittelalterlich“ wirken soll und den einzigen Effekt hat, dass man die Hälfte nicht versteht. (Die Zeit jener Schauspieler des Burgtheaters, die makellos akzentuiert haben, ist ja auch vorbei, was eine zusätzliche Verschärfung darstellt.) Allein dafür, es dem Publikum mit dem puren Verstehen so schwer zu machen, nur um sich inszenatorisch wichtig zu machen, gehört ein Regisseur durch Sonne und Mond gejagt.
Auch nervt es allmählich, dass man – wie im Popkonzert – immer zum Mitmachen aufgefordert wird. Nach einiger Mühe bekam dieser Teufel im Hofnarren-Gewand das Publikum dazu, brav zu klatschen und brav irgendetwas zu schreien, wenn man es aufforderte, zwischendurch durfte man mit Steinchen rasseln, und zuletzt hat man den Abend kollektiv in sein Ende gesummt…
Bis dahin war allerdings viel zu erleiden. Das vom Regisseur anscheinend als Auftrag genommene Kindertheater offenbart sich in einem durchgehenden Geblödel, wobei man nie weiß, woher die jeweiligen „Verfremdungs“-Ideen kommen, die den Abend erstens zu einem totalen Sammelsurium nichtiger Regieideen machen und zweitens verhindern, dass die für diese Fassung gewählte Geschichte auch so erzählt wird, dass man als Zuschauer etwas davon hat (aber man ist ja ohnedies hauptsächlich damit befasst, der Kunstsprache nachzulaufen).

Aber wie soll Merlin auch der problematische Sohn des Teufels sein, der (der Teufel nämlich) stets das Böse will, während der Sohn stets das Gute schaffen möchte, wenn da die wuschelköpfige kleine Sarah Viktoria Frick auf der Bühne steht und so gar nichts mit dem großen Auftrag zu tun hat, den Tankred Dorst der Figur auf die Schulter gelegt hat?

Und warum muss Artus, der erst als Michael Mertens in einer Art Handke-Look aus dem Zuschauerraum kommt, im Lauf des Stückes einfach nur töricht sein?
Im Grunde überzeugt an diesem Abend nur eine Figur, nämlich Felix Rech als „Bösewicht“ Sir Mordred, weil er sich von keinem Regieblödsinn davon abhalten lässt, ganz zielgerichtet seine Figur zu spielen.
Im übrigen ist Katharina Lorenz die Königin Ginevra, die meist herumsitzen muss und wenig Möglichkeiten bekommt, ihre Figur zu profilieren, Lilith Häßle androgyn genug, um als Sir Lancelot, der Liebhaber der Königin, durchzugehen. Michael Wächter sieht aus wie Otto, soll aber eine Frau sein, Bruno Cathomas ist der traditionell unbedarfte Parzival und Rebecca Lindauer Sir Galahad ohne weitere Funktion.
Die Musiker sind fast permanent auf der Bühne, man hat den Eindruck, dass sie dauernd fiedeln oder die Tasten drücken und spielen, was ihnen gerade einfällt und was keiner braucht. Oder doch, im Kindertheater muss ja viel gesungen werden…
Nach der Pause blieben viele Plätze leer. Aber jene, die geblieben waren, jubelten wieder nach Leibeskräften. Ein einziger Buh-Rufer erwies sich als Rufer im wüsten Land der Regisseure, die ihren sinnbefreiten Willkür- „Ideen“ und Konzepten alles opfern, was Stücke vielleicht zu bieten hätten.
Renate Wagner

