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WIEN / Akademietheater: MEISTER UND MARGARITA

24.10.2019 | KRITIKEN, Theater


Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
MEISTER UND MARGARITA nach Michail Bulgakow
Premiere: 17. Oktober 2019,
besucht wurde die dritte Vorstellung am 23. Oktober 2019

Wer Bulgakows Roman „Meister und Margerita“ als Leser kennt, weiß, dass man leicht den Boden unter den Füßen verliert. Ein Produkt der zu unterwandernden Stalin-Ära, ist das Buch voll von Pech und Schwefel, nämlich mit dem Teufel in vielerlei Gestalt, eine bunt-turbulente Geschichte um Literatur und Dichter, Religion, Jesus und Pilatus, um Moral, Gott und die Welt, das Jenseitige so real behauptend wie Goethe einst im „Faust“, heftig umgerührt in unerschütterlicher Absurdität, eine Achterbahnfahrt für den Leser. Nicht unbedingt etwas, was man sich auf der Bühne vorstellen kann.

Was die Theaterleute nicht daran hindert, es immer wieder zu versuchen, und weil die Vorlage so reiche Möglichkeiten bietet, sieht jede Dramatisierung anders aus. In Wien hat man 2002 als Festwochen-Gastspiel Castorfs Berliner Version gesehen, im Burgtheater-Vestibül hat der Schweizer Regisseur Niklaus Helbling 2006 eine urwitzige Aufführung hingestellt, und zuletzt boten die Festwochen 2012 die wilde Show des Regisseurs Simon McBurney. Stellte man die drei Abende nebeneinander und die neue Burgtheater-Produktion der beiden Finnen Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo daneben – man hätte noch immer nicht das ganze Buch. Aber eines steht fest: Es reizt zu phantasievollem, anarchischem Umgang damit…

Die beiden Finnen zeichnen für „Regie, Bühne, Kostüme, Video“ verantwortlich und wohl auch, da man nichts anderes liest, für die Fassung. Inhaltlich beginnt es mit kessen Spekulationen über Gott und Religion, eine Diskussion, die so aktuell wirkt, dass man sich gar nicht im Moskau der Zwischenkriegszeit befinden muss. Tatsächlich scheint die politische Ebene des Buches ebenso in den Hintergrund gedrängt wie die kaum mehr auffindbare „Faust“-Analogie –  es sei denn, man nähme den Teufel „Woland“ als Mephisto, aber er steht hier eigentlich nur für Dekadenz, die Dekadenz des Lebens und Handelns. Natürlich sind neben dem Teufel auch noch die beiden Titelhelden dabei, und die Geschichte um Pontius Pilatus (die ja eigentlich die Handlung des Romans des Meisters ist). Absurd und esoterisich, wild und auch nervtötend läuft das Geschehen ab.

Wobei sehr viel von der Form lebt – und da fragt man sich doch, wieso solche Castorf-Klone für Regisseure noch akzeptabel sind. Das Bühnenbild zeigt eine Reihe von Bürozellen (die Welt der Intellektuellen heute?), auch dahinter gibt es Raum, und weil man das Geschehen dort nur per Silhouette wahrnehmen würde, wird es gelegentlich (eher oft) auf eine Riesenleinwand übertragen. Das rückt die Gesichter und schrille Aktionen dann verdammt nahe – und bei einer Teufelsparty ist man per Video überhaupt am besten aufgehoben, wenn all die nackten Körper live über die Bühne stampften, wär’s wohl ein wenig beengend.

Rein dramaturgisch gelingt es dem Regieteam, seine (reduzierte) Fassung des Romans nicht nur grellbunt, sondern auch annähernd übersichtlich auf die Bühne zu bringen. Man ist gar nicht so publikumsfeindlich, wie es die Fotos hätten erwarten lassen, es sei denn am Beginn des zweiten Teils: Wenn da eine Viertelstunde lang (!!!) immer wieder ein Jesus-Song angestimmt und noch und noch wiederholt wird, möchte man glauben, das sei ein Test des Publikums – wann wird es wohl beginnen zu randalieren? Aber nein, man nimmt ja einfach alles hin, sei es a priori duckmäuserisch oder in langer Erfahrung resigniert…


Rainer Galke, Annamária Láng 

Rainer Galke, vom Volkstheater an Kusjes Burgtheater gewechselt, ist als Meister vielleicht nicht ganz der intellektuelle Typ, den man sich vorstellt. Als seine Margarita bringt Annamária Láng starke Ausstrahlung mit, ihr ungarischer Akzent ist allerdings so dick, dass es quälend ist, ihr zuzuhören. In der Pilatus-Handlung übernimmt Philipp Hauß, nachdem er mit Iwan (Marcel Heuperman) so lange über Religion gezankt hat, den resignierten Pilatus. Die anderen sind, mit der einen oder anderen starken Szene (Mehmet Ateşçi, Johannes Zirner, Tim Werths als blutüberströmter Jesus, der auch ausführlich den Boden saugen muss, und die eindrucksvolle Einspringerin Hanna Binder) wenig mehr als Füllsel. Wirklich zur Geltung kommen nur noch die „teuflischen“ Herrschaften:

Als Teufel „Woland“ lässt Norman Hacker ein total verlebtes, ausgelaugtes Gesicht sehen – die Großaufnahme der Videokamera macht das klar. Als seine Gefährtin Hella führt Stefanie Dvorak eine Figur vor, um die sie 99 Prozent der Damen im Zuschauerraum glühend beneiden werden, und muss allerlei Hässliches tun. Noch perverser wirkt der junge Felix Kammerer als Behemoth, der zweite, der von des Teufels Gefährten aus dem Roman übrig geblieben ist.

Am Ende beträgt die Dauer des Abends „nur“ dreieinviertel statt der angekündigten dreieinhalb Stunden. Wieder ein Versuch, an Bulgakow herumzudoktern. Wieder einmal nur so halb und halb geglückt.

Renate Wagner

 

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