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WIEN / Akademietheater: MEHR ALS ALLES AUF DER WELT

08.10.2022 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Burgtheater / Susanne Hassler-Smith

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
MEHR ALS ALLES AUF DER WELT von Suzanne Andrade
Uraufführung
Premiere: 8. Oktober 2022 

Erstens, Es ist ein typisches Kinderstück für Kinder und über Kinder. Zweitens: Es ist belehrend, wie das Genre meistens, erzählt manches über die Macht der Phantasie. Drittens: Es spielt in unteren Schichten der Gesellschaft, der Sozialporno ist nie weit entfernt.

Alles wie üblich bei dieser Art von Stücken? Nein, tatsächlich ist „Mehr als alles auf der Welt“ von Suzanne Andrade – als Uraufführung für alle von 8 bis 108 auf die Bühne des Akademietheaters gebracht – anders als alles, was man diesbezüglich je gesehen hat, was einzig und allein auf der Form beruht.

Die Engländerin Suzanne Andrade hat gemeinsam mit Paul Barritt und den Mitarbeiterinnen Esme Appleton und Lillian Henley die Gruppe „1927“ gegründet, die einen eigenen Stil zwischen Performance, Film und Animation, Musik und Tanz entwickelt hat. Die hier erzählte Geschichte soll, wie die Autorin / Regisseurin der APA erzählte, teilweise ihre eigene sein: Sie steigt in das Bewusstsein von Kindern, die mit einer besonders schwierigen Situation umzugehen haben, und versucht das Chaos, das sich in kindlichen Köpfen abspielen kann, optisch sichtbar zu machen. Als Stück nicht weiter bemerkenswert, in der Umsetzung als belebte, bewegte „Graphic Novel“ über weite Strecken schlechtweg brillant.

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Es beginnt wie ein Krimi: Ein Mann soll einen Koffer übergeben, er wird ihm in der U-Bahn gestohlen, von da an überschlagen sich für ihn die unglaublichen Ereignisse einer Art Spionage-Geschichte. Die 13jährige Kim und ihr kleinerer Bruder Davey bekommen das aus Vaters Briefen erzählt, und ihre Phantasie gerät daraufhin ins Rotieren. Was die Regisseurin und Paul Barritt für Animation, Video & Bühne hier im Akademietheater ablaufen lassen, ist ein Overkill an durcheinanderwirbelnden Assoziationen, an Farbe, rasanter Bewegung, ununterbrochener Veränderung, was nach der anfänglichen amüsierten Verblüffung dann notgedrungen die Ermüdung nach sich zieht. Brillant, wie die fünf „Echtmenschen“, die da auf der Bühne stehen, in die bewegten Bilder einbezogen werden, als wären auch sie Kunstfiguren.

Nach der Pause wird es ruhiger und schlichter, schließlich muss man ja erzählen, wie die Kinder damit umgehen, dass der Vater nichts von dem, was er in seinen Briefen schreibt, erlebt hat – sondern dass er einfach im Gefängnis sitzt und vor sich hin phantasiert. Und während man miterlebt, wie die arme Mutter und die  beiden Kinder von der Umwelt diskriminiert werden, kommt noch die Dame einer undefinierbaren Institution, die Davey abholen will – in ein Umerziehungsheim für Kinder von Straftätern.  Was sich als soziale Leistung aufbrüstet, aber eigentlich den Versuch darstellt, Kinder einer Gehirnwäsche zu unterziehen… Immerhin, die Botschaft am Ende: Kim lässt sich ihre Phantasien und die Zuneigung für den Vater nicht nehmen.

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Fünf Darsteller leisten keine psychologische Feinarbeit, wohl aber handwerklich Außerordentliches – Markus Meyer, meist als Vater, Isabella Knöll, meist als Kim (Bruder Davey erscheint nur gezeichnet), Alexandra Henkel, meist als Mutter, Stefanie Dvorak als die süßlich-falsche angebliche Sozialarbeiterin, und alle, inklusive Andrea Wenzl, spielen außerdem alles, wo „Echtmenschen“ in die verwirrende Bilderflut eingepasst werden.

Es war ein ungewöhnliches Erlebnis, und davon gibt es heutzutage nicht so viele auf unseren Bühnen, wo man immer schon weiß, was man von den jeweiligen Regisseuren zu erwarten hat. Nächstes Mal wird der Überraschungseffekt weg sein.

Renate Wagner

 

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