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WIEN / Akademietheater: LÄRM. BLINDES SEHEN. BLINDE SEHEN!

05.09.2021 | KRITIKEN, Theater

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Fotos Burgtheater © Matthias Horn

WIEN / Akademietheater des Burgtheaers: 
LÄRM. BLINDES SEHEN. BLINDE SEHEN von Elfriede Jelinek
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 4. September 2021 

In Wien gibt es derzeit ein echtes Theater-Ringelspiel. Ex-Burgtheater-Direktor Claus Peymann, in Berlin ohne Berliner Ensemble heimatlos, ist nach Wien zurück gekehrt, treibt sich allerdings in Josefstädter Gefilden herum. Der amtierende Burgtheater-Direktor Martin Kusej macht einen Spielplan à la Peymann und bringt Stücke von Jelinek und Handke, die er allerdings nicht Peymann anvertraut hat, sondern einem anderen heimatlosen Berliner, dem aus der Volksbühne geschiedenen Frank Castorf.

Dieser, gerade 70 geworden, beweist anhand des Jelinek-Stücks mit dem wenig einsichtigen, umständlichen Titel „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“, dass er noch immer so mutwillig unternehmungslustig ist wie eh und je – und in seinen Mitteln ganz der Alte. Überraschungen hat er nicht zu bieten.

Elfriede Jelinek auch nicht. Der „Lärm“ (erlauben wir uns zu verkürzen, und Lärm gibt es genug auf der Bühne des Akademietheaters) ist ihr „Pandemie-Stück“, uraufgeführt im Juni am Hamburger Schauspielhaus, nun zur Österreichischen Erstaufführung gebracht. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Autorin gewissermaßen an aktuelle Ereignisse anhängt, und im Grunde hat sie immer dasselbe zu sagen – die bösen Mächtigen anzuklagen, die immer an allem schuld sind, ist allerdings eine sichere Bank, wer wird da schon widersprechen? Allerdings hat sie sich hier relativ wenig Mühe damit gemacht, ihre Attacken sprachlich so kunstvoll zu vermäandern, wie es ihr in den besten Fällen („Die Kontrakte des Kaufmanns“ zum Beispiel) gelungen ist.

Immerhin hat Elfriede Jelinek gespürt, dass es wohl kaum gereicht hätte, sich über die Pandemie mehr oder minder lustig zu machen – wobei evident ist, dass sie zu jenen Zweiflern gehört, die sie nicht recht ernst nehmen, für „gemacht“ hält, für instrumentalisiert durch die Mächtigen in Politik und Wirtschaft, um die Menschen klein zu halten – ja, sich ihrer möglicherweise auch zu entledigen.

Als zusätzliche Ebene hat sie dazu jene Elemente aus der „Odyssee“ herangezogen, in denen Kirke die Männer des Odysseus in Schweine verwandelt. Wobei es diesmal nicht wohlfeil darum geht, dass die Männer Schweine sind, sondern darum, alle Menschen als arme Schweine unter der Knute der gnadenlosen Mächtigen zu betrachten. Mit ihrer bekannt-perversen Lust am Quälen, geht sie am Ende so weit, dass die armen Menschen mit den Schweinen gleich gestellt werden und nur darauf warten, zur Schlachtbank geführt  zu werden. Die Endlos-Schilderung der Schlachtung reißt das Stück allerdings am Ende nicht zum sadistischen Höhepunkt hoch, sondern lässt es eher kraftlos abflachen.

Aber das kann man dann auch auf das Konto der Inszenierung schreiben, die mit gut dreieinhalb Stunden viel zu lang ist und ab dem zweiten Teil immer schwächer wird… Auch wenn Regisseur Frank Castorf den massigen Darsteller Marcel Heuperman gegen Ende gefühlte Stunden lang mit heiserer Stimme schreien, ja, brüllen lässt, was nicht nur die Ohren, sondern auch die Nerven foltert. Alles ist, wie immer bei Castorf, schrill und wüst, hemmungsloses und schamloses Geblödel, und an seinen bekannten Exzentrizitäten und Geschmacklosigkeiten mangelt es nicht, Schwein frisst Männerschwanz, Hammer bedroht weibliches Geschlechtsteil, man bekommt (wenn man es denn will) genug von allem, was sich aber letztendlich mit dem Text zusammen findet.

Man weiß, wie Inszenierungen von Frank Castorf aussehen, also kennt man auch diese. Nur der Swimming Pool, früher für Geplantsche unabdingbar in seinen Produktionen, fehlt, aber immer wieder verwandelt sich die linke Bühnenhälfte selbstverständlich in einen riesigen Videoschirm, und man kann sagen, dass fast die Hälfte der Handlung hier geboten wird (allerdings mit akustischen Abstrichen, perfekt ist die technische Übertragung nicht).

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Da da Regisseure mit den Texten der Jelinek bekanntlich machen können, was sie wollen, hat Karin Baier die Uraufführung in Hamburg nach Ischgl verlegt, was zum Thema passt. Bei Castorf ist die Bühne eher unauffällig (Aleksandar Denić), auch wenn rechts ein riesiger hohler antiker Kopf prangt und die leuchtende Laufschrift darüber verkündet, „Einer für alle, alle für Einen“ (auf Französisch), ohne dass die „Drei Musketiere“ mitspielten. Allerdings gibt es mittendrin eine kleine Passage aus dem „Grafen von Monte Christo“. Adriana Braga Peretzki entfesselt einen Kostüme-Karneval, der nichts Erkennbares bedeutet, aber um Sinnfragen muss man sich hier nicht bekümmern. Dafür jodeln allerlei alte Schlager in die Handlung (zum Beispiel „Souvenirs, Souvenirs“, den man schon fast vergessen hatte). Man bekommt von Castorf freches, mutwilliges Theater, und wem seine Handschrift gefällt, der wird seinen Spaß haben, auch wenn es viel zu lang ist… Was die etwa in der Josefstadt so beliebte, permanent betriebene Kurz-Schelte betrifft, so lässt sich Castorf nur am Rande darauf ein – er ist Deutscher, er ist nicht so besessen vom Kanzler wie die Einheimischen…

In diesem Spektakel zur Pandemie brillieren voran drei Damen – Andrea Wenzl darf gleich zu Beginn verführerisch als Kirke gurren und dann noch alles Mögliche sein, Marie-Luise Stockinger wird zu einigen Dialektstellen und einigen sprachlichen Kraftakten herangezogen, und Dörte Lyssewski verdreht und verbiegt sich im vollen Wortsinn so sehr, dass man nur höchste Bewunderung angesichts solch ironischer Selbstentäußerung ausdrücken kann.

Bei den Herren bekommt erwähnter Marcel Heuperman mit dem heiseren Gebrüll die meiste Beachtung, während Branko Samarovski und Mehmet Ateşçi̇ zwar manchen Jokus abziehen dürfen, aber rollenmäßig weniger gut bedacht sind.

Frank Castorf, gegen seinen sonstigen „Zerrupftheits“-Look im weißen Anzug geradezu zivilisiert aussehend, konnte den widerspruchslosen Beifall entgegennehmen. Die Autorin, immerhin jüngste Ehrenbürgerin von Wien, hat sich auch angesichts ihrer neuen Würde nicht dazu entschlossen, sich bei dieser ihrer Wien-Premiere zu zeigen.

Renate Wagner

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4. September 2021
Akademietheater

Elfriede Jelinek
Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!

Österreichische Erstaufführung
Regie Frank Castorf
Bühne Aleksandar Denić
Kostüme Adriana Braga Peretzki
Musik William Minke
Licht Lothar Baumgarte
Dramaturgie Sebastian Huber
Mitarbeit künstlerische Produktionsleitung Sebastian Klink
Videodesign und Kamera Andreas Deinert

mit
Mehmet Ateşçi̇
Marcel Heuperman
Dörte Lyssewski
Branko Samarovski
Marie-Luise Stockinger
Andrea Wenzl

Live Kamera Andreas Deinert
Live-Videocutter Georg Vogler
Tonangler*in Flora Rajakowitsch

 

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