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WIEN / Akademietheater: KAMPF DES NEGERS UND DER HUNDE

16.10.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos:  Georg Soulek/Burgtheater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
KAMPF DES NEGERS UND DER HUNDE von Bernard-Marie Koltès
Premiere: 3. Oktober 2018,
besucht wurde die Vorstellung am 15. Oktober 2018

Bernard-Marie Koltès (1948-1989) war schon seiner Mitwelt ein Enigma. Der Nachwelt ist er es auch, besonders, wenn man seine selbst erklärenden Texte zu seinen Stücken liest, die er nicht so einfach definiert haben will, wie Regisseure sie heute sehen. Interessant auch die Frage, warum ein Dramatiker, der es den Interpreten so schwer macht, dass sie so gut wie nie ein befriedigendes Ergebnis erzielen können, so viel gespielt wird. Spaß daran, sich im Spröden zu verbeißen? Das – vermutlich falsche – Bewusstsein: Das ist schwierig, also muss es gut sein? Kann man Dinge nicht einfach  überschätzen?

Tatsächlich scheint es vor allem eine Entscheidung der Theaterleute zu sein, Koltès zu spielen. Das Publikum blieb der erst zweiten Vorstellung der Neuproduktion von „Kampf des Negers und der Hunde“ weitgehend fern, das Akademietheater war gelinde gesagt dürftig besucht. Und auch dann haben nicht alle die nur eineinhalbstündige Aufführung durchgehalten – einige Zuschauer suchten während des Abends still das Weite. Auch wenn die Inszenierung von Miloš Lolić ziemlich geradlinig aus dem Stück geholt hat, was man geradlinig darin finden konnte (und was Koltès angeblich so nicht gemeint hat… man lese das Programmheft).

Ja, und da ist ja noch das Problem „Neger“ – wir hatten es schon bei den Festwochen 2014, als das gleichnamige Stück von Jean Genet als Gastspiel kam und die Gäste nicht bereit waren, den Titel zu ändern. Auch das Burgtheater tat es bei Koltès nicht, allerdings mit überall nachzulesenden Erklärungen, dass man die koloniale Vergangenheit nicht verleugnen wollte… Wie man weiß, hat es ihnen nichts genützt: Bei der Premiere ist es zu Demonstrationen gegen die Verwendung des „N-Worts“ gekommen. (Was allerdings, wie Kollege Harald Lacina, der bei der Premiere war, mich wissen lässt, offenbar „mit-inszeniert“ war…)

Was erzählt Regisseur Miloš Lolić nun im halbdunklen leeren Raum (dafür bezahlt man Evi Bauer ein Bühnenbild? Die Kostüme von Jelena Miletić duplizieren weiße Haut durch Plastikfolie und haben einen Sinn für Fummel). Eine Handlungsstruktur ergibt sich: Irgendwo auf einer von Franzosen betriebenen Baustelle in Westafrika. Offenbar ist ein schwarzer Arbeiter auf rätselhafte Weise umgekommen, seine Leiche „unerklärlich“ verschwunden. Wenn sein Bruder „Alboury, ein Schwarzer“ (wie das Programmheft definiert) nun den Körper verlangt – er tut es höflich, nicht aggressiv, will aber die Leiche, keine Abschlagszahlung -, dann beginnen die beiden verantwortlichen Weißen sich im Kreis zu drehen. Horn, der Baustellenleiter, versucht die Sache einigermaßen nüchtern zu erledigen (er hat auch anderes im Kopf), der Ingenieur Cal ist der von der Situation gänzlich Überforderte, der am Rande des Nervenzusammenbruchs, nach seinem Hund Greinende, der vermutlich den Mord begangen hat. Philipp Hauß und ein völlig überzogener Markus Meyer agieren gelegentlich wie ein Komiker-Duo im schlechten Kabarett.

Dem steht die Ruhe von Alboury (Ernest Allan Hausmann) gegenüber, bis – Cherchez la femme – die Situation sich durch Leone völlig aufwühlt. Sie ist (mehr oder minder, weil sie nichts Besseres mit sich anzufangen wusste) von Paris nach Afrika gekommen, um Horn, der sie nicht wirklich interessiert, zu heiraten, sie wird von Cal belästigt und wendet schließlich ihr Interesse dem „Schwarzen“ zu.

Stefanie Dvorak schwankt hektisch durch Gefühle zwischen Abscheu und Anziehung.

Wie der Regisseur das Ende interpretiert, wird nicht klar – er konstruiert einfach ein „lebendes Bild“ der in einander verschlungenen Weißen, über denen der Schwarze steht. Und durch die Bühne (und teilweise auch den Zuschauerraum) fliegen Drohnen…

Kolonialismus, Rassismus, versteckte oder offene Aggression und Gewissenlosigkeit (Afrika ohne die Afrikaner wäre doch ein phantastischer Rohstoff-Lieferant für Europa, sinniert Horn ganz unverhohlen), Welten, die nicht zusammen kommen können.

Die Erkenntnis des Stücks ist solcherart simpel, die Machart der Inszenierung mit Absicht anstrengend, verworren, chaotisch. Am Ende versteht man keinerlei Aufregung – nicht um das „N-Wort“, nicht um das Stück. Es ist kein Theaterabend, der nachwirkt, der uns auf das Problem zurückwirft. Mit unseren Migranten – falls hier dieser Bezug beabsichtigt war – haben die Franzosen in Westafrika nichts zu tun.

Renate Wagner

 

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