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WIEN / Burgtheater: JEDERMANN (STIRBT)

24.02.2018 | KRITIKEN, Theater

 

oben: Markus Hering (jedermann), unten: Oliver Stokowski (armer nachbar gott), Mavie Hörbiger (mammon/werke), Barbara Petritsch (buhlschaft tod), Katharina Lorenz (jedermanns frau), Markus Meyer (dicker vetter), Elisabeth Augustin (jedermanns mutter), Sebastian Wendelin (dünner vetter)

Fotos Georg Soulek


WIEN / Burgtheater:
JEDERMANN (STIRBT) von Ferdinand Schmalz
Uraufführung
Premiere: Freitag. 23. Februar 2018

Der „Jedermann“ gehört nicht Hugo von Hofmannsthal allein, wenn er auch am Salzburger Domplatz berühmter geworden ist als irgendwo sonst. Aber schon im Mittelalter spielte man auf Kirchenplätzen die Geschichte vom unabwendbaren Sterben des „Everyman“ (jeden erwischt’s!), um das Christenvolk so richtig in Angst und Schrecken zu versetzen und schön gehorsam zu halten. Neuschreibungen der Geschichte ergeben sich schon aus der Logik der Thematik. Wenn die Menschen auf dieser Welt nichts anderes gemeinsam haben – die Tatsache, dass jeder sterben muss, ist unleugbar. Und dass das auch für die Reichen gilt, die sich im Leben sonst alles „richten“ können – ja, das mag schon manchen wutentbrannt erschüttert haben. Genützt hat es keinem.

Die logische Frage nach dem Nachher („The undiscovered country from whose bourn. No traveler returns“), die nicht zu beantworten ist, wie schon Hamlet wusste, ergibt dann zusammen mit Gott, Religion, Reue, Erlösung (hoffentlich) ein kompaktes Paket von Fragen, die ewig gültig sind. So etwas kann man immer wieder neu schreiben – ob Felix Mitterer 1991 „Ein Jedermann“ verfasste, der Held als Generaldirektor eines Rüstungskonzerns, uraufgeführt in der Josefstadt mit Helmuth Lohner, ob 2002 „Jedermanns Fest“, der Film von Fritz Lehner herauskam, mit Jedermann als Modeschöpfer in Gestalt von Klaus Maria Brandauer… immer ging es ans Sterben und an die letzten Fragen.

Um diese scheint sich Ferdinand Schmalz in seinem „jedermann (stirbt)“, nun am Burgtheater uraufgeführt, kaum zu kümmern. Auch hat er in absolut jedem Interview erzählt, was seine Initialzündung zur Neubehandlung des klassischen Stoffs war („Damals war gerade das Donauinselfest, und zum selben Zeitpunkt kamen die ersten Flüchtlinge über die Balkanroute. Und 300 Leute mussten draußen schlafen, weil es hieß, wir haben nicht die Möglichkeit, ihnen Obdach zu geben – während drei Millionen Leute gratis bespaßt wurden“, Zitat aus dem Kurier-Interview) – aber davon findet sich in seinem Stück nichts. Wenn man sich nach den knapp zwei pausenlosen Stunden fragt, was man eigentlich gesehen hat, wird man mit ziemlich leerem Kopf und leeren Händen dastehen.

Acht Personen suchen im doppelten Sinn einen Theaterabend, zuerst im Text, dann auf der Bühne. Der Text – Jedermann hat nun eine Frau, die Buhlschaft, die kaum als solche zu erkennen ist und am Ende auch den Tod spielt, ist eine der Doppelbesetzungen: Mammon ist auch „Gute Werke“, der Tod ist der arme Nachbar, dann gibt es noch Mutter und die beiden Vettern. Damit kann Ferdinand Schmalz, neben Palmetshofer des Burgtheaters liebstes Kind (so wie es früher Bernhard und die Jelinek waren), seine Erkenntnisse abspulen.

Alle Darsteller zusammen ergeben auch einen „Chor“, der extrem zynisch, bösartig und höhnisch ist – im Stil unserer Zeit eben. Diese „teuflisch gute Gesellschaft“ führt Jedermann schnell zu seinen finanziellen Überlegungen („wird er, der markt, bedrohlich instabil“) und der Party, die er veranstalten will. Aber ist der Text so schwach oder bringt ihn die Aufführung so schwach herüber? Man findet eigentlich nichts zum Thema, das sich nur im geringsten originell anhörte, irgendwelche Erkenntnisse auf den Punkt brächte, ein paar Lacher hie und da ausgenommen, da hat Schmalz dann zufällig einmal schlicht-pointiert formuliert („glück ist eine illusion, erfunden, um pauschalurlaube zu verkaufen..“).

Im Grunde ist ihm sicher nicht Gott, nicht die Gattin, nicht die Mama geglückt, sondern nur die Vettern – wenn er in ihrer ersten Szene – Jedermann winkt mit einem 100 Euro-Schein – anschaulich begreiflich macht, was der Mensch für Geld alles tut, und sei es noch so kläglich und beschämend. Und in der zweiten Szene mit den beiden wäre Jedermann bereit, sich ihre Gesellschaft für den „Übergang“ hinüber mit Riesensummen zu erkaufen: Aber da hört es sich auf. Wozu braucht man Geld, wenn man tot ist?

Ja, und wenn die „Gute Werke“ (die davor schon einen auch sehr althergebrachten „Mammon“-Monolog von sich gegeben hat) sich schnell als „Miß Charity“ herausstellt, mit wehen Füßen, weil sie auf so vielen Bällen tanzen muss, dann ist das witzig, aber die reinste Kabarett-Szene, wie sie jeder unserer Kabarettisten genau so zustande brächte…

Wenn es dann ans Sterben geht und Frau Tod, die früher als angebliche Buhlschaft nur eine strenge Herrin war, einen nicht enden wollenden Monolog abspult, in dem eine Banalität auf die andere folgt… dann macht sich Jedermann vom Acker, im Gegensatz zu dem, was man im Programmheft liest (wo das Stück abgedruckt ist): Aber der Darsteller des Jedermann musste schon allzu lang splitterfasernackt und unbeweglich im Zentrum der Bühne stehen, wahrscheinlich war ihm einfach kalt…

Ein Stück ohne Substanz in einer Inszenierung, die ihre Form in einem Bühnenbild findet: Olaf Altmann hat in eine glatte Wand eine runde Öffnung gebaut, von Rohr bis zum Schwarzen Loch kann man alles interpretieren. Wenn sie sich (wie zu Beginn) zusammendrängeln, haben alle Darsteller darin Platz, am Ende wieder (nur ist ihnen dann Jedermann abhanden gekommen). Esther Geremus hat sie anfangs in Ganzkörper-Bodies gekleidet (die sie nackt erscheinen ließen – wie eine Bullyparade oder als Spermien in einem frühen Woody-Allen-Film), nach und nach bekommen sie erst in Gold, dann in Schwarz ihre Gewänder, die Damen gerne Dirndln, auch eine Lederhose ist dabei, man ist im Österreich-Landl, wo der Tod, der bekanntlich ein Wiener sein muss, ja besonders gern gesehen ist…

Nun weiß man kaum, was sich Regisseur Stefan Bachmann gedacht hat (von ihm hat man schon Besseres gesehen, vor allem einst „Troilus und Cressida“ bei den Salzburger Festspielen, aber das ist auch schon wieder 20 Jahre her): das Textaufsagen (das ohne besondere Prägnanz erfolgt) spielt sich entweder im zentralen Loch oder davor am Bühnenboden ab, und unter der musikalischen Leitung von Sven Kaiser am Klavier, der die schlichten Melodien auch ersonnen hat, wird immer wieder gesungen, das müssen Chorproben gewesen sein! So sehr können die Herrschaften gar nicht versuchen, von Zeit zu Zeit exzentrisch zu zicken, dass hier etwas theatermäßig Interessantes herauskäme.

Markus Hering (jedermann)

Markus Hering als Jedermann muss nicht nur im Rohr, im Hamsterrad wandern, bis er fällt, er tritt auch sonst auf der Stelle – der Jedermann als Herr Bedeutungslos-Mann, als Herr Niemand, aber wenn die Zentralfigur als Persönlichkeit dermaßen fehlt, was soll man denn vom Theaterstandpunkt da machen? Zumal auch kaum ein anderer Darsteller in irgendeiner Form seiner Fähigkeit, etwas zu gestalten, nachkommen kann? Da sind immerhin Leute in der Größenordnung von Katharina Lorenz und Oliver Stokowski dabei – ob diese den Beruf ergriffen haben, um da langweilig in einem Kollektiv zu versinken? Die anderen nützen kurze Möglichkeiten, so sie sie denn bekommen, Mavie Hörbiger ist die geballte Bosheit als die Charity-Guten Werke, Markus Meyer und Sebastian Wendelin zeigen, wie man um Geld zappelt, Elisabeth Augustin ist eine Mutter ohne weitere Eigenschaften, und Barbara Petritsch muss den sinnfreien Beinahe-Schlußmonolog halten. Sonst hat sich das Stück vor allem mit Finanzmarktlichem befasst.

Kurz, Schmalz hat die denkbar dünnste Suppe zum „Jedermann“-Stoff aufgekocht. Der Premieren-Beifall war dennoch heftig.

Renate Wagner

 

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