Foros: _Tommy Hetzel
WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
ISIDOR
nach Shelly Kupferberg von Caroline Bruckner & Philipp Stölzl
Uraufführung
Premiere: 28 Februar 2026.
besucht wurde die zweite Vorstellung am 5. März 2026
Eine jüdische Geschichte
Alle jüdischen Schicksale, die mit dem Dritten Reich kollidierten, sind tragisch. Es liegt im Wesen des Judentums, nicht zu vergessen. Wir, als der schuldige Teil der Ereignisse, müssen das Erinnern gleicherweise pflegen. Im Akademietheater begibt sich das derzeit mit „Isidor“.
Die jüdische Journalistin Shelly Kupferberg hat nach Unterlagen, die sie auf einem Dachboden in Tel Aviv gefunden hat, mitgebracht von ihrem Großvater bei seiner Flucht aus Wien, das Schicksal ihres Urgroßonkels Isidor Geller rekonstruiert. Philipp Stölzl (am besten in Erinnerung durch einige seiner Filme und den Bregenzer Seebühnen-„Freischütz“, zuletzt mittelmäßig glücklich mit seinem Reinsperger-„Liliom“ im Burgtheater) hat diese Geschichte nun auf die Bühne gebracht, er ist multifunktional Co-Autor gewissermaßen, Regisseur und Bühnenbildner, Als völlig geglückt kann man den dreistündigen Bilderbogen, der gewissermaßen über Isidors Schicksal hinwegstreift, ohne ihn als Persönlichkeit wirklich zu erfassen, nicht bezeichnen.

Es beginnt, wie so viele jüdische Schicksale in der Habsburger-Monarchie, in einem galizischen Schtetel. Ein Vater lebt starres orthodoxes Ostjudentum vor, das keinen Platz für individuelle Entfaltung lässt. Also läuft Isidor (den Namen gibt er sich für sein neues Leben selbst) mit seinem Bruder davon (der übrigens sang- und klanglos aus der Handlung verschwindet). Über Lemberg kommt er nach Wien, hat mit seinem erebten religiösen Judentum nichts am Hut, fühlt sich als stolzer Österreicher, der die Kultur des Fin de Siècle geradezu einsaugt, und wie mancher der tüchtigen, unternehmerischen Juden reich wird: Im Ersten Weltkrieg Hunderttausende von Soldatenstiefeln liefern zu können, brachte wohl tatsächlich Millionen ein… Mutter (die anfangs noch Jiddisch parliert hat) und Schwester kommen Isidor nach, man erfährt, dass er gerne in die Oper geht und Bankette veranstaltet . und da stockt die Geschichte, die nicht viel getan hat, um dieses Schicksal und diese Persönlichkeit wirklich auszufeilen.
Nun folgt schier endlos und für die jüdische Problematik im Grunde irrelevant die problematische Beziehungsgeschichte mit einer unterdurchschnittlichen ungarischen Sängerin namens Ilona, die er zwar fördert, aber partout nicht heiraten will. Shelly Kupferberg wird wissen, was im Leben von Isidor geschehen ist – aber dass diese Ilona an der Oper eine Nebenrolle bekommt (die Ines im „Troubadour“), daraufhin gefeiert wird wie ein Star und von Louis B. Meyer nach Hollywood geholt… das klingt ein wenig wie eine Räuberpistole.
Nach der Pause ist der März 1938 gekommen. Man hört Schuschniggs Rede „Gott schütze Österreich“, in der er erklärt, dass man den einmarschierenden Deutschen keinen Widerstand entgegen setzen wird, um Blutvergießen zu vermeiden, und dann wir auch noch Paul Celans „Todesfuge“ zitiert („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“), denn Isidor erleidet das jüdische Schicksal dieser Tage: Wenn er mit einer Zahnbürste den Boden putzen muss, wird der Abend erstmals wirklich intensiv.
Und als Isididor sich weigert, den Deutschen sein Vermögen zu überschreiben, kommt es zur einzig wirklich grauenvollen Szene des Abends: Da hängt er nämlich, gewissermaßen, um ihn zu beugen, nackt, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, kopfüber an einem Haken… Das hätte wohl nicht jeder Schauspieler mitgemacht.
Bis zu seinem baldigen Ende (er hat von der Folter eine Blutvergiftung davon getragen) gibt es dann noch einigen Kitsch, um die Wahrheit zu sagen: Da will Isidor nicht im Schlafrock sterben, zieht sich noch einmal den Smoking an, geht offenbar in die Oper, stirbt… und seine schöne ungarische Freundin, die er als ondulierten Hollywood-Star auf der Kinoleinwand gesehen hat, holt ihn ab.,, Kino, ja, und nicht das beste.

Die Dramaturgie einer solchen Geschichte, wo ja doch immer wieder zwischendurch Dinge und Ereignisse erklärt werden müssen, ist nicht einfach. Dass Shelley, anfangs im Dachboden von Tel Aviv. als Erzählerin fungiert, ist logisch (sie übernimmt dann auch die Rolle der Schwester), einen zweiten Erzähler hätte es nicht gebraucht. Aber da hat das Burgtheater nun in Itay Tiran nicht nur einen echten Israeli im Ensemble, er kann auch noch exzellent Klavier spielen, und das führt zu einem überbordenden Musikteil des Abends. Dass er zweimal (einmal Deutsch) „Nessun dorma“ singt (!), wäre so verzichtbar wie die Dauergesänge von Ilona, die ja schlecht singen soll und es auch tut (rollengemäß) – und das braucht man wirklich nicht, es dehnt den Abend mühselig.
Die Aufführung hat in Stefko Hanushevsky einen starken Hauptdarsteller, wobei dieser Isidor eigentlich nicht sympathisch wirkt, aber das muss ja auch nicht sein. Lilith Häßle als Erzählerin und Schwester macht gute, verständnisvolle Figur. Itay Tiran spielt, wie gesagt, viel Klavier und auch viele Rollen, manche überdreht wie den Hollywood-Mogul Louis B. Mayer.

Nina Siewert ist als Ilona optisch der Inbegriff des Blondinen-Klischees, reden wir nicht von ihrem Gesang, ihre psychologische Entwicklung ist nicht immer klar. Die übrigen – Alexandra Henkel und Dunja Sowinetz, Markus Hering, Tristan Witzel und Aaron Blanck sorgen für alle Nebenrollen.
Das jüdische Schicksal von Isidor Geller verdient jeden Respekt. Einen wirklich überzeugenden Theaterabend ergibt es nicht.
Renate Wagner

