
Fotos © Tommy Hetzel
WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
GLAUBE LIEBE HOFFNUNG von Ödön von Horvath
Premiere: 26.März 2026
Horvath in der Unterwelt
„Glaube Liebe Hoffnung“ ist ein viel gespieltes Stück von Ödön von Horvath. Weniger aufwendig als andere, aber wieder einmal so typisch für „seine“ Thematik, in der er die unruhevollen dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts spiegelte: Der Untergang des hilflosen Einzelnen (meist eine junge Frau) in den politischen Wirren und an der Lieb- und Gnadenlosigkeit der Umwelt. So wie Elisabeth, die am Anfang ihre spätere Leiche verkaufen will, um mit ein bißchen Geld noch ein bißchen Leben zu erzwingen, und die am Ende des Stücks die Leiche ist…
Eine bei Horvath ganz reale Geschichte, und wenn von wirtschaftlichem Zusammenbruch die Rede ist (demnächst verlieren Angestellte der Vereinigten Bühnen ihre Jobs, und wo sind die neuen?), von politischen Unruhen (aus denen unsere derzeitige Welt wohl nicht so bald herausfinden wird), könnte man aufhorchen, ob das, was Horvath vor 90 Jahren schilderte, für uns nicht auch gilt. Aber wir haben ja den Sozialstaat… so lange er finanzierbar ist.
Für Realismus, von Horvath vorgegeben, und Aktualität (durchaus stückimmanent) interessiert sich die derzeitige Aufführung des Burgtheaters im Akademietheater nicht eine Sekunde lang. Regisseurin Lucia Bihler, noch keine 40 und schon lange im deutschen Sprachraum unterwegs, hat in Wien einst am Schauspielhaus begonnen, ist aber schon längst ins Burgtheater gesprungen. Nach Bernhards Jagdgesellschaft, den Eingeborenen von Maria Blut und Kafkas Verwandlung ist dies ihre vierte Inszenierung an der Burg, wieder stilistisch mehr als eigenwillig, aber zumindest mit einem Konzept, über das man diskutieren kann – wenn Horvath natürlich (wie andere Autoren sonst auch) mit dem, was er ziemlich klar und eindringlich erzählen wollte, auf der Strecke bleibt.
Aber wenn die Bühne zu Beginn von Drachenzähnen eingerahmt wird, schaurig dunkle Töne erschallen und die Wasserleiche der Elisabeth erscheint, dann muss nicht erst (später) groß „Abandon all Hope“ über der Bühne stehen (Dantes „Lasciate ogne speranza“ auf dem Weg in die Hölle), man weiß schon, wo man ist: „Drüben“. Ob es schon die Hölle ist, ob noch ein Zwischenreich, in dem sich die eben Verstorbenen aufhalten (woran einige Kulturen glauben) oder aber jener Zustand, von dem es heißt, dass „das Leben noch einmal an einem vorüber zieht“ – wer weiß das schon, denn aus dem unbekannter Land ist ja noch kein Reisender zurück gekehrt….

Man ist jedenfalls nicht mehr auf der Erde, vielmehr ist das, was Bühnenbildnerin Pia Maria Mackert geschaffen hat, ein sehr düsterer Wald, hat ebenso Science-Fiction- wie Horror-Charakter, und höllisch sind zumindest die Hörner, die die meisten seltsam gekleideten, an Insekten erinnernden Figuren tragen (Kostüme: Victoria Behr). Zur schaurigen Musik von Jacob Suske kommt noch eine Dame mit Sologeige, die sich schmerzlich ins Ohr bohrt. Kurz, man ist in einer düsteren, phantastischen Alptraumwelt.
Und da ist Elisabeth, die meiste Zeit (mit Körperbody-Bedeckung) nackt, der in diesen seltsamen Tierwesen ein paar der wichtigsten Figuren ihres unglücklichen Lebens begegnen, worauf man sich als Zuschauer, gewissermaßen in Traumlogik hinein gelockt, nach und nach ebenso einlässt wie sie.

Im Zentrum des Abends steht Marie-Luise Stockinger mit beneidenswerter Figur, ein flapsiges Mädel mit Wiener Tönen, das anfangs entschlossen ist, dem Schicksal Paroli zu bieten. Sie gibt es allerdings bald auf, denn die Aufführung dauert dankenswerterweise nur eineinviertel Stunden. Und man würde sich angesichts des evidenten Stockinger-Talents wohler fühlen, wenn sie nicht in jeder Rolle, die sie spielt, offenbar unvermeidlich in Schrei- und Kreischorgien ausbrechen würde . Als Markenzeichen ist das nicht viel wert, mehr enervierend als beeindruckend.
Die andern müssen zwischen der Tierwesen-Erscheinung und dem Rest von Menschlichkeit, den sie von Horvath herüber retten wollen, pendeln. Es sind nicht viele übrig geblieben – Sabine Haupt und Andrea Wenzl. Tilman Tuppy. Felix Rech und Dietmar König als Schreckgespenster einer Zwischenwelt.
Letztendlich kann man der Regisseurin zugestehen, dass sie die ganz glaubhafte Atmosphäre einer „Hölle“ geschaffen hat, wofür sie viel Beifall erhielt. Aber will man das?
Renate Wagner

