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WIEN / Akademietheater: GESPENSTER

10.03.2012 | Theater

 

Kirsten Dene  (Foto: Barbara Zeininger)

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
GESPENSTER von Henrik Ibsen
Premiere: 9. März 2012  

Eigentlich sollte Regisseur David Bösch zu diesem Premierentermin im Akademietheater den „Talisman“ inszenieren (es ist schließlich Nestroy-Jahr), aber aus welchen Gründen auch immer kamen statt dessen Ibsens „Gespenster“ an die Reihe. Wir beschweren uns nicht: Wenn es einer Inszenierung mühelos gelingt  zu beweisen, dass man es mit einem der ganz großen Stücken der Weltliteratur zu tun hat, dann ist ja – aller möglichen Einwände ungeachtet – alles in Ordnung!?!

Die „Gespenster“, neben „Nora“ vermutlich der berühmteste Ibsen, war zur Entstehung zu Beginn der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts skandalträchtig – ein Großbürger, ein Kammerherr soll sittlich verrottet gewesen sein, Syphilis gehabt und diese dem Sohn vererbt haben? Da damals die bürgerliche Gesellschaft noch stark genug war, dass nicht sein konnte, was nicht sein durfte, konnte das Stück in Ibsens Heimat nicht uraufgeführt werden. Da walteten jene „Gespenster“, die er ebenso im Sinn hatte wie die letalen Schatten der Vergangenheit – Vorurteile, Engstirnigkeit, gänzliche geistige Abgeschossenheit, rigider Zwang, Religion als Terror.

Formal sind die „Gespenster“ ein gänzlich konventioneller Dreiakter in realistischem Ambiente. Das ist im Akademietheater von der Bühne gefegt – vor einem Riesenbild, das den Hintergrund ausfüllt und wohl das erstarrte Bild des verstorbenen Kammerherrn Alving darstellen soll, stehen Möbel herum, die mit Tüchern verhüllt sind, als ob niemand mehr hier lebte. Ein offener Raum, der verstaubt, verdreckt, verwahrlost, verlassen wirkt (Ausstattung: Patrick Bannwart). In dieser durch und durch symboldurchtränkten, gewissermaßen abstrakten Inszenierung von David Bösch hat sich Frau Alving offenbar gänzlich von der Welt, in der sie einst gelebt hat, losgesagt…

Nun kommt die Vergangenheit: Regine, eine Art Haustochter, saugt in dem Schmutz herum (ohne etwas zu „bereinigen“), ihr Vater Engstrand ist abgerissener als der letzte Obdachlose, der heimgekehrte Sohn Osvald Alving stolpert im total verdreckten Trainingsanzug herum, im Schaukelgang von Suff und Ziellosigkeit. Und Pastor Manders erscheint nach Jahrzehnten wieder – zum Gedenken an Kammerherrn Alvings Tod vor zehn Jahren soll ein Kinderheim in dessen Namen eröffnet werden…

Schatten der Vergangenheit, Abrechung, vor allem jene von Frau Alving mit Pastor Manders, der für ihr kaputtes Leben zuständig ist. Gespenster, wenn Osvald sich mit Regine wälzt – so wie sein Vater einst mit Regines Mutter (was Regine zu Osvalds Halbschwester macht). Der Bodensatz menschlicher Gemeinheit, wenn Engstrand das Kinderheim anzündet, dem Pastor dafür Schuldgefühle einimpft und sich solcherart von ihm das Puff finanzieren lässt, das er plant. Da kommt, in den zwei pausenlosen Stunden, die im Akademietheater zu einer Atmosphäre steter Belastung und Betroffenheit gerinnen, allerlei zusammen. Bis zu jenem furchtbaren Ende, das bei Ibsen offen bleibt: „Mutter, gib mir die Sonne“ (hier anders übersetzt) – wird sie den Sohn erlösen, ihm das Siechtum nach Gehirnerweichung ersparen? (Wobei hier Osvalds Körper so mit Malen gezeichnet ist, dass man eher an AIDS denken muss.)

Das Ambiente übernimmt aber nie die Führung an diesem Abend: Bösch lässt die Schauspieler ihre Figuren spielen, und so realisiert sich das Stück, wie Ibsen es gemeint hat, der komplette Zusammenbruch einer „bürgerlichen“ Gesellschaft, die Bankrotterklärung der Religion, der Sieg des skrupellosen, besitzorientierten, unsentimental gemeinen Kleinbürgertums.

Es ist der Abend der Kirsten Dene, die endlich wieder einmal in einer ganz großen Rolle auf die Bühne kommt – und anders ist, als man sie kennt. David Bösch hat ihr jene charakteristischen Töne, die man als „denisch“ kennt, genommen. Sie ist introvertiert, souverän, eine gemessene, höfliche, kühle, denkende Intellektuelle, die sich mit ihrem Schicksal abgefunden hat. Keine großen Worte und Gesten, wenn sie mit ihrem verfehlten Leben abrechnet. Kein triefendes Muttertier, wenn sie vor der Tragödie des einzigen Menschen steht, der ihr etwas bedeutet: ihr Sohn. Eine in ihrer unspektakulären Stille phänomenale Leistung.

Es gibt viele Arten, den Pastor Manders zu spielen (unvergesslich das Porträt des Selbstgerechten, das Udo Samel einst in Berlin zeichnete). Martin Schwab muss ihn preisgeben, ausschließlich als lächerlichen, schäbigen, winzig kleinen Schwächling, dem nicht ein Quentchen Würde oder Glaubwürdigkeit seines Handelns bleibt.

Markus Meyer kommt als Ovald schon zerstört auf die Bühne, muss sich in seiner laut ausgestellten Verzweiflung vielleicht theatralischer und spekulativ äußerlicher geben, als es gemeint ist, holt aber das Meiste dessen, was der Regisseur sich für ihn erdacht hat, einigermaßen aus der Figur.

Ähnlich überzeichnet ist Johannes Krisch als Tischler Engstrand: Im Grunde wiederholt der Schauspieler sein hinkendes, grinsenden Monstrum, mit dem er der Bösch-Inszenierung des „Stallerhof“ zu billigem Erfolg verholfen hat. Hier verliert eine Figur, die direkt aus der Müllkippe zu kommen scheint, jegliche Glaubwürdigkeit im Gefüge (selbst dieser extrem dumme Pastor Manders, den das Stück zeigt, würde vor einem solchen „Gespenst“ aus Dreck zurückscheuen).

Es ist die zweite Frauenfigur des Abends, die auf ihre Art an die Großartigkeit der Kirsten Dene anschließen kann: Liliane Amuat als Regine ist ein Bündel Lebensgier, natürlicher Sexualität, kühler Berechnung. Sie spielt in der (hier ohnedies nicht stark wirksamen) bürgerlichen Welt nur mit, solange sie sich finanziell und gesellschaftlich etwas erhoffen kann (in der Symbolträchtigkeit des Geschehens wird völlig klar, warum sie immer mit dem Feuerzeug zur Stelle ist, um die Zigaretten von Frau Alving und Osvald anzuzünden – eine devote Geste). Doch wo nichts mehr zu holen ist, dreht sie verärgert den Rücken und geht, ohne sich umzusehen – eine Studie über die Unmenschlichkeit des puren Habenwollens, die sich in der Maske einer attraktiven, sehr jungen Frau versteckt.

David Böschs Inszenierung hat zugepackt, das Stück auf seine Art in den Griff bekommen und starke Wirkung erzielt. Man weiß, was Ibsen wollte. Und wie recht er hatte. Starker Beifall.

Renate Wagner

 

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