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WIEN / Akademietheater: DIE MACHT DER FINSTERNIS

23.04.2015 | KRITIKEN, Theater

Macht_d_Finst_Ganze Bühne Georg Soulek 
Fotos: Burgtheater / Georg Soulek

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
DIE MACHT DER FINSTERNIS von Leo Tolstoi
Premiere:  2. April 2015,
besucht wurde die Vorstellung am  23. April 2015

Manchmal muss man, bevor man sich unmittelbar einer Theateraufführung zuwendet, die berechtigte Frage stellen: Warum eigentlich dieses Stück? Warum „Die Macht der Finsternis“, worin Leo Tolstoi, der als Romancier so geniale russische Graf, der als Mensch, als Denker und auch als Dramatiker gelegentlich so wirr war, seine nihilistisch Verachtung der Menschen, insbesondere der Frauen, und seinen brünstigen Gottglauben absolut nicht auf einen Nenner brachte?

Als er das Stück schrieb, Verbrechen in einem russischen Dorf in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, konnte es in Russland selbst nicht gespielt werden, wurde vom „fortschrittlichen“ Europa (den Theaterstädten Paris und Berlin) aber sofort als Beispiel des kruden russischen Naturalismus gefeiert. Was wir heute damit anfangen sollen, ist schwer zu sagen – und so ganz scheint es auch Regisseur Antú Romero Nunes  (man hat von ihm schon zwei mäßig überzeugende Inszenierungen im Akademietheater gesehen, 2012 „Nachrichten an das All“ und 2014 „Das Geisterhaus“) nicht gewusst zu haben.

Eines nur war ihm klar: Mit dem blanken Naturalismus kann man der Dorfgeschichte um Gier und Verbrechen heute kaum mehr beikommen. Also kreierte er – nicht als Erster und nicht als Letzter auf den Bühnen dieser Welt – einen quasi abstrakten Einheitsraum, der das Geschehen schon einmal grundsätzlich verfremdet. Es gab Beispiele, dass man Darsteller den ganzen Abend über eine Treppe hinauf- und hinterrasen ließ (das machte Schulte-Michels 2013 mit dem „Revisor“ im Volkstheater) – hier turnen alle einen Abend lang in der Bühnenbildlösung von Florian Lösche offenbar auf Mehlsäcken. Immer wieder „staubt“ es, und das macht die Luft in pausenlosen zwei Stunden im Akademietheater ziemlich unangenehm.

Und wer sind die Figuren, die da klettern, kriechen und rutschen? Natürlich keine echten Menschen, sie sind durch bewusst sichtliche, groteske Körperbodies ausgestopft (Kostüme: Victoria Behr), die ihnen dümmliche Puppenhaftigkeit verleiht. Der umschwärmte „Held“ mit künstlich ausgestelltem Bierbauch sorgt dafür, dass jegliche menschliche Glaubwürdigkeit verschwindet. Dazu noch groteske Haartracht, verfremdet geschminkte Gesichter – eine Art Zombie-Reigen wie aus einem Horrorfilm.

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Aenne Schwarz  /  Fabian Krüger

Allerdings, das will man dem Regisseur zugestehen, sind die Menschen, wie er sie nun auf der Bühne überzeichnet, wirklich Schreckgestalten. Im ersten Akt humpelt ein grotesker alter Bauer (Johannes Krisch) über die Bühne, seine viel jüngere Frau (stark: Aenne Schwarz) ist mit exzessiven Zuckungen in den Knecht Nikita verliebt, den Fabian Krüger ohne Anzeichen äußerer  Attraktivität spielen muss. Seine Mutter (Kirsten Dene mit der fraglos stärksten Leistung des Abends) ermutigt die Frau zum Mord an dem Bauern, damit ihr Sohn dessen Stellung einnehmen und dessen Reichtum genießen kann…

Es ist an sich ein Fünfakter, hier in pausenlosen vier „Portionen“ gezeigt, und tatsächlich funktioniert das Stück nur zu Beginn, bis zur Ermordung des Bauern, wo die Darsteller mit Intensität alles überspielen, was man ihnen an Schminke und Unnatur aufgelastet hat. Dann allerdings beginnt es sich unendlich quälend zu ziehen, ungeachtet dessen, dass man noch eine Menge Verbrechen aufgetischt bekommt, die dann brutal übersteigert werden (ebenso wie die Sexszenen).

Da ist dann noch Mavie Hörbiger in der Rolle einer nervtötenden Debilen überzeugend, da ersteht (nicht ganz sinnvoll) Johannes Krisch, erst der ermordete Bauer, in Gestalt eines Knechts wieder auf (tiefer Sinn, den man nicht erkennt, oder Schauspielermangel?), da dienen Paloma Siblik und Frida-Lovisa Hamann Nebenrollen ab und man schleppt sich bis zum „Glaubens-Finale“: Da überkommt den Helden Nikita (der zwischendurch neben anderen Schändlichkeiten noch sein eigenes Kind umgebracht hat) die Schuld ganz fürchterlich, er fleht zu Gott, bekommt aber hier keine Antwort – wenn man sich recht erinnert, wird er im original Stück schon erlöst, mit Hilfe seines braven Vaters, den Ignaz Kirchner erschütternd stottert…

Es ist nichts dagegen zu sagen, ein Stück aus seinem realistischen Ambiente zu lösen und ihm eine eigene Welt zu geben. Aber die Mehlsäcke verhelfen Tolstoi nicht zu unserem Interesse.

Renate Wagner   

 

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