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WIEN / Akademietheater. DIE JAGDGESELLSCHAFT

26.05.2021 | KRITIKEN, Theater

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters.
DIE JAGDGESELLSCHAFT von Thomas Bernhard
Premiere: 26. Mai 2021

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Alle Fotos; Burgtheter © Susanne Hassler-Smith

Thomas Bernhard war natürlich auch eine Mode-Erscheinung. Wir wussten es damals, als er lustvoll Skandale produzierte. Wir wissen es heute, Jahrzehnte später, wenn man kritisch betrachtet, was damals zu Erregungen hoch geschaukelt werden konnte. Schon der „Deutsche Mittagstisch“ zu Saisonbeginn an der Josefstadt (ja, es gab einen Saisonbeginn), hat gezeigt, dass an manchen dieser Stücke nicht gar so viel dran war…

Und nun präsentiert das Burgtheater im Akademietheater die „Jagdgesellschaft“ wieder, die Peymann 1974 am großen Haus uraufgeführt hat, vor einem knappen halben Jahrhundert also. Man weiß, dass Bernhard das Stück selbst sehr mochte, vermutlich wegen der Figur des Schriftstellers, in der er sich vermutlich selbst fand und der den Untergang einer verachteten Gesellschaft kommentiert.

Aber inhaltlich ist die Sache dürftig, lange dialogisieren der Schriftsteller und die Generalin, während der von Borkenkäfern befallene Wald draußen (ganz dicker Symbolismus) schon geschlägert wird (Dichter und Bäume, die abgeholzt werden – Motive aus Tschechows „Kirschgarten“). Dann kommt, sehr spät, aber doch, der General, dem man seinen Untergang klar macht, worauf er sich umbringt. Auch wenn es nur zwei pausenlose Stunden sind wie in der nunmehrigen Inszenierung, schleppt sich die Geschichte.

Der von der Berliner Volksbühne kommende Regisseurin Lucia Bihler war offenbar klar, dass sie hier schon einiges „aufputzen“ musste. Sie tat es zuerst optisch. Die Welt, in die sie das Geschehen versetzt (Bühne Pia Maria Mackert, Kostüme Laura Kirst) ist knallig rot, mehr noch, sie besteht aus etwas, das wie Lackleder aussieht und immer wieder aufglitzert, also a priori eine Welt der höchsten Künstlichkeit erzeugt. Tatsächlich würde man sich wie in einem stilisierten Vampir-Film fühlen, zumal die Kostüme an das 16. /17. Jahrhundert gemahnen, die Haare aller Beteiligten tief schwarz sind, die Gesichter bleich, das der Generalin sogar grell weiß. Ein Horrorfilm – warum nicht für eine Horrorstory?

Natürlich hat die Optik Nachteile: Immer wieder hat man Schwierigkeiten, Rot in Rot, die Protagonisten auf der Bühne auszumachen, auch ist die Einförmigkeit nicht zu vertreiben, selbst wenn es immer wieder Flashs gibt, während derer die Bühne kurz in Blau und Grün getaucht ist. Die volle Bedeutung erschließt sich nicht, auch nicht von den Nebenhandlungen auf seitlichen Nebenschauplätzen, aber vor allem geht es ja wohl darum zu zeigen: Das ist ein Gleichnis. Und damit ja nichts real genommen wird, „zerhackt“ die Regisseurin das Geschehen immer wieder – Signale dafür setzt das Holz, das vom Holzknecht Asamer im Hintergrund lautstark gespalten wird, oder die Schüsse, die bei der Jagd abgegeben werden, „zerschießen“ auch den Fortlauf der Handlung.

Peymann, der die meisten Bernhard-Uraufführungen inszeniert hat, hat mit einer Handvoll grandioser Darsteller einen sprachlichen „Bernhard-Stil“ gefunden, der tatsächlich vom Anfang („Ein Fest für Boris“) bis zum Ende („Heldenplatz“) gehalten hat, fast auf Brecht’sche Art zum Modell wurde. Das Überskandieren von Bernhards doch meist hoch aggressiver Sprache stand dann im fast absurden Gegensatz zu einer „normal“ gehaltenen Welt, die auf die Bühne kam.

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Davon ist man hier nun weit entfernt. Nichts an der Welt, die gezeigt wird, ist auch nur annähernd „normal“.
Dafür fehlt die Sprache entschieden. Markus Scheumann (der uns schon als Hermann, der Cherusker, eigentlich zu schwach war) bringt seine Sottisen in einem fast uninteressierten Plauderton zu Gehör, ohne Nachdruck, ohne die Kraft der Sprache im geringsten zu bedienen. Das lässt die Figur des Schriftstellers so schwach werden, dass man kaum glaubt, dass sie eigentlich das intellektuelle Zentrum ist, um das sich die Katastrophe dreht.

Maria Happel als die Generalin, ganz Kunstfigur, ist auch weit zurückhaltender, als die Rolle es erlaubte, hat aber dann doch ihre eindrucksvollen (semi-komödiantischen) Ausbrüche.

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Am stärksten, weil er seinen einarmigen General auch sprachlich akzentuiert und weil er die Bosheit der Figur ausspielt, wirkt dann Martin Schwab, der begreifen muss, dass nicht nur sein Wald und seine Jagdgesellschaft am Ende sind, sondern auch er.. Zwei Minister, die schleimend und letztlich doch tückisch hier die Welt repräsentieren, die ihn absägt, sind bei Arthur Klemt und Robert Reinagl in sehr guten Händen. Wenn man bedenkt, wie hauptrollenschwer Jan Bülow sonst eingesetzt wird, ist er für den Holzknecht Asamer eine Luxusbesetzung, wobei ihm die Figur sehr hintergründig gelingt. Dunja Sowinetz ist die Köchin, daneben hat die Regisseurin die „prinzlichen“ Gäste im Jagdhaus erweitert und sich viel für sie ausgedacht, was eigentlich nur ablenkt und nichts bringt.

Die in blutiges Rot versenkte „Jagdgesellschaft“ ist auch in dieser Form nicht zu einem der großen Bernhard-Stücke hoch zu jubeln. Immerhin hat die Regisseurin, was sie an Schärfe evident schuldig blieb, durch Ästhetik kompensiert.

Renate Wagner

 

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