Fotos: Tommy Hetzel / Burgtheater
WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
DIE GRÖSSERE HOFFNUNG von Ilse Aichinger
In einer Bearbeitung von Therese Willstedt und Jeroen Versteele
Premiere: 22. Oktober 2026
Die ewige Zeugin
Ilse Aichinger, Jahrgang 1921, hatte „noch“ Glück. („Gott bewahre mich vor die Sachen, die noch a Glück sind“, sagte die Tante Jolesch.) Sie hatte „nur“ zwei „falsche“ Großelternteile, war also als Halbjüdin nicht so rassefremd, um für Depotration und Gaskammer vorgesehen zu sein. Tatsächlich gelangte ihre Zwillingsschwester mit einem rettenden Kindertransport nach England, sie selbst und ihre Mutter überlebten in Wien. In ihrem 1948 erschienenen Roman „Die größere Hoffnung“ verarbeitete sie Erfahrungen mit Fiktionalem, in jener teils abgehobenen Sprach- und Gedankenwelt, die sie später vor allem als Lyrikerin berühmt machte.
Regisseurin Therese Willstedt und Dramaturg Jeroen Versteele haben diesen einzigen Roman von Ilse Aichinger nun auf die Bühne des Akademietheaters gebracht, in einem tief tragischen Abend, der in pausenlosen eineinhalb Stunden nicht den geringste Lichtblick erlaubt.
Sie erzählen die Geschichte des Mädchens Ellen, das zu Beginn (als Kind mit ihrem erwachsenen Ich im Hintergrund) einen Konsul anfleht, er solle ihr ein Visum unterschreiben, damit sie mit ihrer jüdischen Mutter in die USA auswandern könnte. Er tut es nicht. Und am Ende wirft man sie auch aus dem Lastwagen, mit dem ihre jüdischen Freunde in die Vernichtung gefahren werden. Ellen, die Halbjüdin, bleibt wieder zurück, als „ewige Zeugin“, wie sie selbst sagt, mit dem Wunsch am Ende, nun möge eine neue Geschichte beginnen. Ist es eine bessere geworden? Wenn man denkt, wie Juden in der Welt heute wieder behandelt werden, könnte man es bezweifeln.
Der Regisseurin geht est – in einem extrem schlichten Bühnenbild (Mårten K. Axelsson) – weniger um sachliche Handlung als um die Stimmung der Aussichtslosigkeit, der steten Todesdrohung, dem Versuch, dem sicheren Ende davor noch etwas (schaurigen) Alltag abzuzwingen. Ellen, die Halbjüdin, wendet sich mit der Bitte „Lasst mich mitspielen“ nicht den Ariern zu (bei denen sie ohnedies keine Chance gehabt hätte), sondern den jugendlichen Juden, die damals noch in der Stadt sind – und die eigentlich auch nichts von ihr wissen wollen. Denn sie ist privilegiert, muss nicht einmal den Stern tragen, könnte sogar, wenn es ihr gelingt, eine Torte kaufen…
Aber dann gehört sie doch zu ihnen und ihrer seltsamen Geisteswelt und teils unverständlichen Ritualen (warten, bis eine Kinderleiche im Wasser vorbei treibt…?). Sie „spielen“ nachts auf dem Friedhof Verstecken (tatsächlich war der Jüdische Teil des Zentralfriedhofs in Wien der einzige Teil der Stadt, wo sich Juden im Freien aufhalten durften). Sie spielen „Geburtstag“, sie spielen sogar ein katholisches Weihnachtsstück… bis alles zu Ende ist. Nur Ellen bleibt zurück und in ihr Ilse Aichinger als poetischer Chronistin.

Es ist schwer, aus all dem Leid keinen triefenden Kitsch, keine spekulative Opfergeschichte zu machen. Nur selten schrammt Therese Willstedts Aufführung an allzu vordergründige Deutlichkeit. Allerdings gewinnen die Figuren um die stark konturierte Ellen der Nina Siewert wenig Profil. Es gelingt nicht ganz herauszuarbeiten, wofür jede und jeder steht. Aber Sabine Haupt. Maresi Riegner, Ines Marie Westernströer sowie Hans Dieter Knebel, Jörg Ratjen, Enes Şahin und Itay Tiran bilden ein starkes Ensemble.
Hätte man gemeint, der durch und durch depressive Abend sei für Zuseher eigentlich eine Zumutung (in einer Welt von heute, die ihrerseits genug Grauen zu bieten hat), so widersprach das beeindruckte Premierenpublikum, indem es gar nicht aufhören wollte zu applaudieren.
Renate Wagner

