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WIEN / Akademietheater: DIE GLASMENAGERIE

17.02.2018 | KRITIKEN, Theater

Glasmenagerie Szene
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
DIE GLASMENAGERIE von Tennessee Williams
Premiere: 16. Februar 2018

Man weiß es ja: Wenn David Bösch sich ein Stück vornimmt, das man zu kennen meint, kommt etwas ganz anderes dabei heraus. Das kann katastrophal ausgehen (man denke an die Eingeweide, die der Regisseur beim „Talisman“ aus den Bäuchen gerissen hat). Kann aber dann auch ganz interessant werden. Teilweise zumindest. Wenn auch dann wieder anders als erwartet. Wie jetzt bei der „Glasmenagerie“ im Akademietheater.

Warum man dieses Stück jetzt spielt, scheint nicht ganz einsichtig – und die Aufführung beantwortet die Frage auch nicht hundertprozentig. Die Welt war eine ganz andere, als Tennessee Williams in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sein – geben wir es zu – doch recht sentimentales Erinnerungs- und Familienstück schrieb. Die arme Schwester, schüchtern und behindert, die arme Mutter, in ihren Lebenslügen versponnen, und der Sohn, der sein Leben den beiden nicht opfern kann, aber sich das schlechte Gewissen von der Seele schreibt. Die längste Zeit tritt die Geschichte auf der Stelle, erzählt immer dasselbe, bis sie sich in der letzten Szene verdichtet: Da bricht der Außenseiter in diese geschlossene Familienaufstellung ein und macht klar, dass da nichts zu retten ist. Traurig, traurig… so sieht es bei Tennessee Williams aus.

Und weil das ein „praktisches“ Stück ist, ein Raum, vier Darsteller, eine konzentrierte Tränendrüsen-Geschichte, und zumindest die beiden Frauen zu Recht als sogenannte Traumrollen gelten, ist die „Glasmenagerie“ meist starbesetzt gespielt worden. Wenn das Burgtheater das Stück nun ansetzt, würde man allerdings weder Regina Fritsch noch Sarah Viktoria Frick a priori als Amanda und Laura sehen. Aber David Bösch hat, wie die meisten Regisseure, „seine“ Schauspieler, und Frick (vor allem) und Fritsch zählen dazu. Also erarbeitet er mit ihnen – und zwei glänzenden jungen Männern, um das gleich zu sagen – seine Version der „Glasmenagerie“.

Sie spielt irgendwo und irgendwann in äußerst ärmlichen Verhältnissen – das Bühnenbild von Patrick Bannwart bietet eine fast leere Mansarde, die Kostüme von Falko Herold lassen sich nicht festlegen. Wie wirklich diese Welt ist, bei der durch eine Dachluke nicht nur Regen, sondern auch traumartig Goldflitter herabregnen kann, entscheidet die Inszenierung nicht – sie verfremdet ja auch immer wieder durch eingelegte musikalische Szenen und Songs (Musik: Bernhard Moshammer), deren Sinn nicht einzusehen ist. Und sie entscheidet sich ja auch nicht, was in Amanda Wingfield wirklich vorgeht.

Amanda ist ja nun immer die interessantere Rolle der beiden Frauen – die ehemalige Südstaatenschönheit, die sich vermutlich als Scarlett O’Hara sieht und die in ihrer Jugend vermutlich bessere Zeiten erlebt hat, die sie sich in ihrem in jeder Hinsicht armseligen Alter noch über die Maßen schön redet. Vom Ehemann verlassen, eine verkrüppelte, arbeitslose Tochter, die sich von der Welt abschließt, ein Sohn, der nicht mehr als Hilfsarbeiter ist und jederzeit ins Kino flüchtet, weil er die Leere des Alltags nicht ertragen kann … da muss man sich an etwas festhalten, muss man den Glanz der Vergangenheit und der eigenen Person beschwören.

Glasmenagerie Sandmeyer Bruder Glasmenagerie ReginaFritsch xx Glasmenagerie SarahViktoriaFrick xx

Regina Fritsch beginnt mit den klassischen Tönen der Mütter, die auch noch ihren erwachsenen Kindern am Esstisch genaue Verhaltensmaßregeln geben, als wären sie im Kindergarten. Sich an Sohn und Tochter zu reiben, treibt sie in Böschs Inszenierung, die im übrigen extrem langsam und lähmend läuft (und das natürlich absichtlich), immer wieder zu reinem Borderline-Verhalten. Aber ist diese Frau wirklich verrückt? Was man sieht, ist absichtsvolle Theatralik – dass die Fritsch das kann, muss man nicht diskutieren. Wie viel Sinn es macht, bleibt offen – die Überzeugungskraft des Gebotenen wird wohl vom jedem Zuschauer anders rezipiert werden.

Die Tochter widerspricht auf dem ersten Blick allem, was man von einer Laura – das programmatisch zarte, junge Geschöpf – erwartet. Sarah Viktoria Frick ist nichts davon, und auch anderes widerspricht dem Klischee: Obwohl man ihr Klumpfuß-Schuhe anzieht, muss sie nicht einmal hinken. Interessanterweise zieht die Darstellerin nicht einmal die Mitleidsmasche ab, die man von ihr schon so oft (und erfolgreich) gesehen hat: Diese Laura, die ihre Glasfiguren (nein, keine zarten Einhörner und sonstige Tierchen) in Plastik auf Flaschen aufnietet, ist erstaunlich normal. Sie ist gewissermaßen drei Viertel des Stücks hindurch absolut nicht das Problem, während ihre Mutter so ermüdend herumzickt.

Und dann kommt der Besucher Jim, wobei Martin Vischer mit den geringen Mitteln der Rolle einen auf den ersten Blick sympathischen jungen Mann spielt, der sich aber klugerweise rechtzeitig zurückzieht (man würde für möglich halten, dass er die Verlobte nur erfindet, um sich da ganz schnell aus einer unangenehmen Situation und einem nicht wünschenswerten Milieu zu befreien). Und doch ist es diese letzte halbe Stunde zwischen diesem Jim und Laura, die dann auf andere Art Kraft gewinnt. Sarah Viktoria Frick biegt sich die Rolle auf ihre Persönlichkeit zurecht, ist kein schüchternes Hascherl, sondern durchaus kommunikativ, hebt in einer Art Traumsequenz beim Tanzen mit Jim geradezu ab (mit hoch geschwungenen Beinen) – und ist am Ende nicht zerstört, sondern neu.

Glasmenagerie VischerFrick und TiereDiese mysteriös lächelnde Laura, die dann selbst eine Glasfigur brutal zerstört (!) und in den aus dem Dachfenster stürzenden Regen tritt, ist nicht gebrochen, sondern wirkt wie ein Mensch, der entschlossen ist, sein Leben in die Hand zu nehmen. Und wenn man heute anders und viel radikaler, viel ärgerlicher in Bezug auf die Vergangenheit, sieht, wie aussichtslos Frauenschicksale waren, die sich nur von Männern abhängig machen konnten – dann scheint es, dass hier eine Tochter die Fehler der Mutter nicht wiederholen wird. Eine gänzlich neue Wendung…

Merlin Sandmeyer als resignierter Sohn erzählt diese Geschichte sehr schön, tritt hinter den Frauen zurück und ist doch als eigenes Schicksal präsent. Und nachdem man sich den Großteil der zweieinviertel pausenlosen Stunden gequält (und ein bisschen gelangweilt) hat, setzt das Ende dann neue Akzente. Hat man ein neues Stück entdeckt? Partiell vielleicht. Dass es nicht das ist, was Tennessee Williams geschrieben hat, störte das heftig applaudierende Premierenpublikum nicht.

Renate Wagner

 

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