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WIEN / Akademietheater: DER RÜSSEL

03.05.2018 | KRITIKEN, Theater


Falk Rockstroh,  Markus Meyer  (Fotos: Reinhard Werner/Burgtheater)

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
DER RÜSSEL von Wolfgang Bauer
Uraufführung
Premiere: 20. April 2018,
besucht wurde die Vorstellung am 2. Mai 2018

Man muss Ende der sechziger Jahre jung gewesen sein, um noch zu wissen, was das plötzliche Auftauchen eines jungen Mannes aus der Steiermark auf Wiener Bühnen zu bedeuten hatte – 1968 spielte das Ateliertheater „Magic Afternoon“, 1969 das Volkstheater „Change“. Wolfgang Bauer war schlagartig in aller Munde. Hatte er in „Magic Afternoon“ unnachahmlich die absolute Verlorenheit einer schon damals „Lost Generation“ formuliert (und erstmals  das Wort „Vögeln“ auf der Bühne gebraucht – das war etwas, damals!), so hat er in „Change“ die Manipulationen am Kunstmarkt (und die absolute Unsicherheit darüber, was moderne „Kunst“ sei) in einer tollen Posse hingestellt.

Nun muss man allerdings ehrlich sagen, dass nichts von allem, was bis zu seinem Tod 2005 (er war damals 64) noch folgte, sich mit diesen beiden Erfolgen messen konnte. Aber er war „der Wolfi Bauer“, hatte Ikonenstatus und blödelte der Theaterwelt etwas vor, möglicherweise alle Welt so unverschämt verarschend, wie er es in „Change“ geschildert hat. Nach Andy Warhols Erkenntnis: „Art is what you can get away with“. Das bezieht sich nicht nur auf bildende Kunst.

Denn – würde irgendjemand „Der Rüssel“ anrühren und mit bewegt interpretierenden Worten posthum zur Uraufführung bringen, hieße der Autor nicht Wolfgang Bauer seligen Angedenkens? Wohl kaum. Da würde man lächelnd bedeuten, diese Parodie auf Volksstücke und Dorfleben sei zwar gar nett in ihrem absurden Ansatz, aber letztendlich ist die Parabel des „Rüssels“ wirklich nicht aufgegangen – und zweistündiges pausenloses Geblödel bringt es ja nun auch nicht. (Im Akademietheater gingen einige Leute – darunter ganz junge, von denen man meinte, die müssten sich doch „unterhalten“ – während der Vorstellung weg).

Im Nachlass gefunden, im Programmheft hoch interpretiert (es sei „einfach der blanke Irrsinn“, schreibt die Jelinek bewundernd), kommt „Der Rüssel“ nun schätzungsweise 56 Jahre nach seinem Entstehen im Akademietheater zur Uraufführung, und man hält für möglich, dass Wolfi Bauer uns noch aus dem Grab auslacht, weil wir uns der Mühe unterziehen. Denn für Regisseur und Darsteller ist dieses halb-witzige Konglomerat aus allem große Mühe, es müsste (ganz gelingt es nicht) die Hohe Schule der tänzelnden Ironie sein, fällt allerdings eher handfest-derb aus. Und weil man die Inszenierung dem „Oberammergau-Stückl“ anvertraut hat, stirbt der Held am Ende nicht am Galgen, sondern am Kreuz… aber auch das soll lustig sein. Oder dämonisch?

Man muss die Geschichte erzählen, weil man sie nicht kennt. Also, da ist man irgendwo sehr am Land, im Hintergrund die Berge, die Kühe muhen, es gibt Bürgermeister, Kaplan und Kolonialwarenhändler, vor allem aber die Familie Tilo. Großvater und Großmutter hüten drei Enkel, zwei sind brav und tun wenig mehr, als mit ihren Flinten herumballern, der dritte spinnt und hat seine Ambitionen. Dass der Urgroßvater (dessen Bild immer wieder von der Wand fällt – aber wir sind nicht im „Freischütz“) mal im Kongo war und diesem Florian den Afrika-Traum hinterlassen hat, kriegt man gerade noch mit. Wie Florian zu einem Elefanten kommt (man sieht nur den Rüssel, der sich im Herrgottswinkel verfängt), bleibt dramaturgisch ungelöst: Das Programmheft erzählt von Entwürfen, er habe ihn per Voodoo gezaubert, aber was weiß derjenige, der nicht das Programmheft liest? Egal.

Versuchen wir zu interpretieren: Mit dem Elefanten kommt das Fremde in die Welt, alles verändert sich, auch das Klima (wir sind im absurden Theater), es wird warm, der Kolonialwarenhändler verkauft Afrika-Outfits, es wachsen Palmen, alle schleppen Bananen herum… (Ausstattung, durchschnittlich: Stefan Hageneier), bis der eifernde Kaplan all das nicht mehr dulden kann. Davor gibt es noch die seltsame Szene, dass Florian auf einmal dank des Elefanten zu „Führer“-Manieren aufsteigt, und das ganz brutal. Ja – und?

Das wird allerdings nicht weiter ausgeführt, denn der Kaplan erschießt den Elefanten, nachdem es ihm von Großvater Tilo, der Gottvater vorstellt (!), eingeflüstert wurde. Nein, es ist einfach leider zu blöd, wie der Kaplan und Florian umkommen, ist ein Tohuwabohu, und die Szenen des toten oder nicht toten Florian am Kreuz (ein fröhlicher Sterbender wie in einer Passionsspiel-Parodie) tun weh. Nicht, weil man katholisch wäre, sondern weil das Ganze einfach nicht gut ist.

Christian Stückl tat, was er kann (und er kann es recht gut), nämlich die Parodie der dummen Bauern mit dem Holzhammer so weit zu treiben, dass es gar nicht mehr geht – Markus Meyer als hysterischer Kaplan leistet da im Kreischen schier Unglaubliches, das ist ein wirklich exzessiv brillanter Schauspieler, aber auch Peter Matic (fast mit Unschuldsmiene) als Kolonialwarenhändler Kuckuck und Falk Rockstroh als Bürgermeister Trauerstrauch sind in Blödel-Geberlaune. (Es scheint übrigens ein Dorf der Rotschöpfe zu sein.)

Weniger bieten die Rollen von Opa und Oma, obwohl Branko Samarovski meist mit Rasierschaum im Gesicht herumrennt und als geiler alter Mann der Freundin des Enkels das Ablecken anbietet. Und Oma Barbara Petritsch darf dann auch mal im afrikanischen Baströckchen kommen. Simon Jensen und Christoph Radakovits als die beiden törichten Enkel müssen Slapstick bieten, könnten dies aber (vor allem in ihrer ersten großen Szene) gewandter tun.

 
Stefanie Dvorak, Sebastian Wendelin

Im Zentrum der Handlung, die in Dirk Nocker noch einen völlig funktionslosen Reporter besitzt, steht Enkel Florian Tilo: Sebastian Wendelin hat nicht nur optische Ähnlichkeit mit Otto Waalkes, er führt sich auch auf wie dieser. Und Stefanie Dvorak als seine Geliebte, später kurzfristig seine Gattin, die Kellerbirn Anna – ja, die kreischt auch viel.

Ohne dass für das Stück und die Aufführung mehr erreicht würde als das Kopfweh des Publikums. Doch nein, man darf sich trösten: Stückl, der auch „Muttchens“ Spruch „Wir schaffen das“ vielfach ins Stück eingebracht hat, bereicherte es noch um eine sechsköpfige Boy-Group aus Oberösterreich namens „Gesangskapelle Hermann“: Und die sind in ihrem a-cappella Gesang wirklich bemerkenswert – tolle Stimmen, erstaunliche, differenzierte Klangschönheit, phantastische Stilsicherheit, ob sie nun mit einem Comedian-Harmonist-Schlager dazwischenflöten oder mit Richard Wagner… Das Beste des Abends. Geradezu für Musikfreunde zu empfehlen. Wenn sie Wolfi Bauers homerisches Gelächter aus dem Grab aushalten…

Renate Wagner

 

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