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WIEN / Akademietheater: DER LEICHENVERBRENNER

08.10.2020 | KRITIKEN, Theater

Fotos: Burgtheater / c-Horn

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
DER LEICHENVERBRENNER von Franzobel nach Ladislav Fuks
Uraufführung
Premiere: 8. Oktober 2020

Ungemütlicher kann man einen Theaterabend nicht verbringen. In einem Prager Krematorium unter Särgen und gelegentlich loderndem Feuer, mit einem Angestellten der Institution, der über nichts anderes reden kann als die Vorzüge der Feuerbestattung, über Tod und Staub und Asche, zu der wir alle werden. Kein Detail über die Verrottung des menschlichen Körpers in der Erde und über peinliche Fehler, die beim Verbrennen passieren können (verschmorte Leichen, wenn man die Hitze nicht richtig einstellt), wird ausgespart. Ein penetranterer, unangenehmerer Fall von Nekrophilie ist kaum zu denken, und wenn es auch „nur“ eindreiviertel pausenlose Stunden Spielzeit sind, der Abend im Akademietheater wird quälend lang.

Karel Kopfkringl war ursprünglich der Held des Romans „Der Leichenverbrenner“ des tschechischen Autors Ladislav Fuks (1923–1994) und erlebt nun von Gnaden des Österreichers Franzobel (der Scheußliches noch nie gescheut hat) seine Uraufführung im Rahmen von Kusejs Burgtheater. Wohlfühltheater ist hier nie angesagt, das wissen wir längst. Aber so…

Wie gesagt, lange Zeit tritt das Stück auf der Stelle – Kopfkringl begeistert sich für seinen Beruf und schickt sogar Agenten aus, um Buchungen für das Krematorium zu gewinnen. Im übrigen ist er der „ideale“ Familienvater mit devoter Gattin, farbloser Tochter und einem verweichlichten Sohn. Er kann nicht genug tun, das ist der zweite Strang seines ununterbrochenen selbstgefälligen Redeflusses, die Familie und vor allem sich selbst innerhalb derer zu loben, ungeachtet dessen, dass er immer wieder bei Huren im Bordell anzutreffen ist (und dass er sich gelegentlich an einer Leiche vergreift, schwebt als Möglichkeit im Raum…).

Allerdings spielt das Burgtheater das Stück wohl nicht, um die Horror-Fans zu erfreuen, die im Kino gerne Friedhofs- und Zombie-Movies sehen. Es ist ja vor allem eine politische Geschichte, die zur Nazi-Zeit spielt, „Befreiung“ des Sudetenlandes, „Protektorat“ Böhmen und Mähren, was bedeutet, dass die Tschechen als Menschen zweiter Ordnung gelten.

Das absolut gestörte Verhältnis, das der Tscheche Kopfkringl zur Wirklichkeit hat, lässt ihn nach und nach zum willigen Opfer des überzeugten deutschen Nazis Reinke werden, der seine Propaganda-Sprüche in das beschränkte Haupt gießt, bis Kopfkringl nicht nur anfängt, jüdische Zeitgenossen (die er eigentlich geschätzt hat) zu verleumden, sondern auch Leute, die ihm im Weg sind. Und schließlich so weit geht, seine Gattin (sie ist ja Halbjüdin!) und seine Kinder (sie entsprechen nun wirklich nicht dem harten deutschen Ideal) eigenhändig zu ermorden – die Gattin erwürgt er zur Traviata-Arie, wer da keine Gänsehaut bekommt, der ist wohl durch nichts zu erschüttern.

Was man von Kopfkringl immer erfahren hat, von Anfang an, als er noch als braver Bürger durchging, ist seine Faszination durch Tibet. An sich würde man am Ende hellauf über den Schwachsinn lachen, dass ein Abgesandter des Dalai Lama erscheint und ihm verkündet, er sei dessen neue Inkarnation. Aber Kopfkringl, der dumme Überzeugungstäter auch im Bösen, würde die Wahl annehmen und nun der Welt den Frieden verkünden… All das geschieht zum Einzug der Götter in Walhall aus dem „Rheingold“. Vorhang. Eine wirre Geschichte, die ihre politische Aussage in ein irreales Panoptikum kleidet.

Das liegt auch daran, dass Franzobel diese Bearbeitung, wie das Burgtheater versichert, explizit für „die zarten Monsterpuppen von Nikolaus Habjan“ dramatisiert hat, und folglich stimmt dieses Gefüge ausnahmsweise. Er selbst spielt. persönlich mit einer Gesichtsmaske, mit der er als Tod auf den Salzburger Domplatz gehen könnte, als Puppe den gar nicht so überzeugenden Verführer Reinke (der könnte intensiver sein). Die drei Damen des Abends, die mit nur durch Schminke etwas verzerrten Menschengesichtern die Ehefrau (Dorothee Hartinger), die Tochter (Alexandra Henkel) und den Sohn (Sabine Haupt) geben, müssen mit Habjans Puppen und Köpfen alle Nebenfiguren verkörpern, die solcherart nicht wirklich menschlich werden.

Aber Nikolaus Habjan hat ja auch als Regisseur, in einem geschickt zu verwandelnden Bühnenbild (Jakob Brossmann) und Alltagskostümen (Cedric Mpaka), ein Horrorkabinett geschaffen. Wahrscheinlich die richtige Lösung für eine Geschichte, die ihre politische Aussage eine Handbreit über dem Boden präsentiert.

Es ist der Abend des Michael Maertens, der vom Anfang bis zum Ende die satt-zufriedene Miene des von sich selbst überzeugten und mit sich selbst ach so zufriedenen Menschen präsentiert, den man auch im Leben finden kann. Er wird zum Opfer und auch zum Monster, ohne es wirklich zu bemerken. Die Krönung zum tibetischen Friedensfürsten ist Theatereffekt und Aussage zugleich: Es gibt Menschen, die können offenbar nicht erkennen, was sie tun. Realitätsverlust als Schuld.

Sensible Theaterbesucher werden Mühe haben, das Grausen dieses Krematorium-Abends abzuschütteln. Das Premierenpublikum nahm’s locker und applaudierte stark. Alle bedankten sich, nur nicht Franzobel. Vielleicht wollte er sich nicht anstecken…

Renate Wagner

 

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