Fotos: c T ommy Hetzel_
WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
DER IRRENDE PLANET
Ein Spaziergang mit Robert Walser
mit Texten von Robert Walser
Premiere: 28. September 2026
Die irrenden Betulichkeiten
Der alte Mann sitzt an einem Tisch und liest laut vor. Es handelt sich um Martin Schwab, Senioren-Schatz des Burgtheaters, und er soll Robert Walser sein. Denn unter dem Titel „Der irrende Planet“ wird im Akademietheater ein „Spaziergang mit Robert Walser“, dem vor allem in seiner Heimat Schweiz (bei uns weniger) berühmten Autor, angeboten. Wer den Abend zusammen gestellt hat, wird zwar verschwiegen, geht aber wohl auf den Dramaturgen Thomas Jonigk und die Regisseurin Barbara Frey zurück. Als besonders sinnvoll erweist sich das Ergebnis nicht, wer das Werk von Robert Walser nicht kennt, wird nachher auch nicht viel gescheiter sein…
Walser (1878-1956) hat neben vier Romanen eine Menge Erzählungen geschrieben, eine davon trägt den Namen „Der Spaziergang“, und daran hält sich das dramaturgische Gerüst des Abends. Denn während „Walser/Schwab“ von der Natur und vom Spazieren schwärmt, kommt er zu einer Bank, auf der er sich nieder lässt.
Naht Ihr Euch wieder, schwankende Gestalten? Man kann annehmen, dass die durch und durch seltsamen Geschöpfe, die jetzt auftauchen und zum Großteil Unverständliches reden, aus seinen Werken stammen. Vielleicht kann man Poesie darin sehen, viel Absurdes, viel Ironisches. Tiefere Bedeutung? Wohl kaum, es sei denn, man interpretiert sie gewaltsam hinein (große Worte gehen ja den willigen Interpreten bekanntlich nie aus).
Barbara Frey ist nun den ganzen Abend lang, der Live-musikalisch begleitet wird (Josh Sneesby), damit beschäftigt, ihre Handvoll von Darstellern zu arrangieren und auf der Bühne herum zu schieben, manchmal mit abstrusen Verrenkungen (damit sich etwas „tut“), wobei das an sich kaum vorhandene Bühnenbild (Martin Zehetgruber) nicht immer einsichtige Mutationen erfährt.

Und da sind sie (in übrigens extrem reizlosen Kostümen von Esther Geremus)– Maria Happel als eine Pointe schlechthin, Sabine Haupt als die Absurdität schlechthin, Katharina Lorenz als das Geschwurbel schlechthin, Dorothee Hartinger als die Rätselhaftigkeit schlechthin, und Elisa Plüss – ja, die singt von Zeit zu Zeit. Barbara Frey ist ja offenbar auch Komponistin und immer für die Musik ihrer Inszenierungen verantwortlich. (Ist das im Regievertrag inbegriffen, oder läuft das extra?)
Sie alle reden in jenem bei Barbara Frey ärgerlich üblichen und publikumsfeindlichen halbleisen Parlando-Ton, der die Zuschauer auf den billigen Plätzen über weite Strecken vom akustischen Verständnis ausschließt. Nur Max Simonischek, der zweite Herr des Abends, darf da gelegentlich ausbüchsen und verständlich sprechen, wenn er in voller Theaterstärke mehreren Damen einreden will, sie hätten das Zeug zur großen Opernsängerin… und er wäre gerne ihr Agent. An diesem Beispiel kann man sich vorstellen, worum sich die seltsam herumirrenden Betulichkeiten des Abends drehen, für die eine Bezeichnung wie „irrender Planet“ ein wenig hoch gegriffen scheint.

Am Ende flüstert sich der alte Mann in ein glückseliges Grab, fängt bei dieser Gelegenheit auch noch zu singen an und blickt schließich, umgeben von seinen Gestalten, ins Publikum. Das war’s.
Vielen Leuten hat es gefallen, wie der Beifall zeigte, aber es mag auch solche gegeben haben, die diese pausenlosen eineinhalb Stunden nicht beglückt erlebt, sondern unbeeindruckt erlitten haben. Wahrscheinlich braucht man eine eigene Antenne für dergleichen.
Renate Wagner

