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WIEN / Akademietheater: DAS KONZERT

08.02.2015 | KRITIKEN, Theater

 Konzert Szene 
Alle Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters: 
DAS KONZERT von Hermann Bahr
Premiere: 7. Februar 2015 

Eigentlich kann man es kaum glauben: „Ich möchte, dass extrem zeitgenössisches Theater stattfindet“, sagte Karin Bergmann erst vor ein paar Tagen über „ihr“ Burgtheater, wünscht sich junge Regisseure für alte österreichische Dramatiker (Grillparzer, Nestroy, Hofmannsthal). Nun schickt sie einen nicht eben taufrischen österreichischen Komödienklassiker über die Bühne, inszeniert von einem bewährten Oldie,  und das Einzige, was man an dem Abend als „fortschrittlich“ feststellen kann, ist der Sparwille, den ein Haus zeigt, das nach wie vor rote Zahlen schreibt: Bühnenbildner Werner Hutterli ließ die beiden Szenerien für Hermann Bahrs „Konzert“, die  Wohnung bei Gustav Heink und die Berghütte für die Seitensprünge, nämlich aus dickem Pappkarton bauen.

Das mag verfremdend wirken, aber als Konzept für die Regie gilt es nicht: Gespielt wird das altbekannte Seitensprung-Lustspiel auf die altbekannte Weise, nur ein paar kleine Retouchen des Originals stellt man am Wege fest (und die sind unwesentlich) – dass Frau Heink ihre Rivalin ziemlich tückisch betrunken macht, hat man noch nie gesehen, und an sich bleibt der Held bei Bahr auch unverbesserlich, während er hier in das Schlafzimmer der Gattin stürmt. Sei’s drum, das ist kein Stück, über das man groß diskutieren will.

Was interessiert denn überhaupt noch an dem „Konzert“? Dass dumme Männer aus äußeren und inneren Gründen notorisch seitenspringen, dass kluge Frauen das gelassen geschehen lassen und dass junge Leute auf das Spiel der Erotik noch hereinfallen, weil sie es noch ein paar Mal zu wenig gespielt haben… das ist als Substanz „ewig“ genug, dass man dieses „Konzert“ immer und immer wieder spielen kann, wenn man die Besetzung hat.

 Konzert _PeterSimonischek~1

Manchmal, wenn es richtig gemacht wird, kann ein kleines Stückchen Bitterkeit sich ins leichte Spiel mischen, und das bringt Peter Simonischek hervorragend heraus. Überhaupt ist dieser Gustav Heink eine außerordentliche Leistung (wenn man bedenkt, wie wenig ihm Schnitzlers Hofreiter, allerdings in einer dummen Inszenierung, gelungen ist): Mit Regisseur Felix Prader erarbeitet Simonischek einen umschwärmten Meisterpianisten, der weder die Eitelkeit noch die Dummheit der Figur überdreht, eher die grausam vorgegebene Routine seines Starlebens mit sympathischer Resignation durchzieht. Er macht sich über die Figur nicht lustig, er gibt sie nicht preis, aber er erzählt, ohne es mit dem Zeigefinger zu übertreiben, etwas von der Tragik des Mannes, der einfach nicht zugeben darf, alt zu sein, sonst wäre einfach alles zu Ende – alles. Ein humorvolles, aber richtig in sich ruhendes Macho-Monster, das in größter Selbstverständlichkeit erwartet, dass man seine Bedürfnisse erfüllt. Ein Mann eben…

Es sind die Männer, die an diesem konventionell inszenierten Abend punkten, vielleicht hat er Regisseur für sie ein besseres Händchen. Seltsam, dass das Burgtheater über keinen halbwegs jungen Mann verfügt, der eine Wienerische Rolle spielen kann: Florian Teichtmeister, schon wieder von der Josefstadt entliehen, drückt zwar gelegentlich ein wenig auf die Tube, aber das ist in der Rolle des Dr. Jura angelegt. Aber er hat auch viele subtile Momente, sehr reizvoll etwa, wie er zwischen Gefühlen changiert, die er teilweise selbst nicht versteht…

Ja, und auch der Herr Pollinger des Branko Samarovski ist ein Schatz, der zwischen Gicht und Trunk zu einer echten Figur und nicht nur zu einer Charge findet.

Konzert alle _

Leider bewegen sich die Damen nicht auf demselben Niveau. Hinter der Ruhe der Regina Fritsch geht viel zu wenig vor, als dass man sie als die große Drahtzieherin des Spiels begreifen würde. Wo sie zu unlebendig bleibt, reißt die Delfine der Stefanie Dvorak in die andere Richtung aus – sie ist dermaßen dümmlich penetrant, dass es geradezu unerträglich wird, zumal in einer Inszenierung, die ja doch auf echte Menschen und keine ausgesprochenen Karikaturen  ausgerichtet ist.

Vor der Humorlosigkeit der Frau Pollinger, wie Barbara Petritsch sie auf die Bühne knallt, kann man sich nur fürchten, und dass die Szene mit all dem Weibergesocks zu Beginn so relativ schnell vorbeigeht, ist ein Glück, denn sie nerven alle ohne den geringsten Charme – ob Alina Fritsch, die wie ein offenes Messer durchs Geschehen schneidet, ob die bewährten Damen des Hauses Elisabeth Augustin und Brigitta Furgler, die sich unwesentlich weniger lächerlich machen als Sara Zangeneh und Liliane Amuat, die als Hausmädchen einen recht überflüssigen Schweizer Akzent mitbringt. Übrigens: Die Kostüme von Ingrid Erb sind zum Teil von ausgesuchter Geschmacklosigkeit.

Nein, die Stärke des Abends liegt eindeutig und ausschließlich bei den Herren, die dem alten Stück zum neuen Erfolg verhalfen – es ist dies wahrscheinlich keine Aufführung, die legendär werden wird wie jene des Burgtheaters 1963 (Robert Lindner, Susi Nicoletti, Peter Weck, Johanna Matz) oder jene des Volkstheaters 1971 (Hans Jaray, Susanne Almassy, Michael Heltau, Kitty Speiser), aber Peter Simonischek als Heink wird man in Erinnerung behalten.

Und das Publikum soll aufmerken, denn es ist anzunehmen, dass man solch schlechtweg „normales“ Theater nicht mehr so bald auf einer der  Burgtheaterbühnen sehen wird. Der Applaus klang geradezu erleichtert.

Renate Wagner

 

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