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WIEN / Akademietheater: CAVALCADE OR BEING A HOLY MOTOR

25.09.2013 | Allgemein, Theater

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WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
CAVALCADE OR BEING A HOLY MOTOR von René Pollesch
Uraufführung
Premiere: 25. September 2013

Das hat man seit “Miß Saigon” nicht im Theater gesehen, und auch dieses Musical, in dem ein Hubschrauber auf der Bühne landete, kam nicht bis Wien. Spektakulärer ist wohl nie ein Düsenjäger, der aussieht wie eine kleine Concorde, aus der Höhe zu Boden geschwebt wie nun im Akademietheater. Im Hintergrund die Szenerie von Manhattan, musikalische Beiträge zwischen Gershwin und Bernstein. New Yorker’isch auch der Charakter des Gebotenen, das – zugegebenermaßen gänzlich ohne Zusammenhang zu irgendetwas – „Cavalcade or Being a holy motor“ genannt wird. Kurz, der neue Pollesch ist als Uraufführung im Burgtheater gelandet.

Wenn Martin Wuttke loslegt – Kollege Ignaz Kirchner ist eigentlich den ganzen Abend lang aufs Abstellgleis geschoben und darf nur ein paar Stichworte geben – tut er es im Stil Woody Allens. Es beginnt mit einem Witz, der dann gespielt wird, wenn Birgit Minichmayr auf die Bühne hetzt, und dann wird geredet, geredet, geredet, man kann auch gelabert sagen. Glücklicherweise kurz, nur 75 Minuten lang, und mit schier endlosen Wiederholungen.

Das Ganze gibt sich philosophisch, psychologisch. Um die Heuchelei eines „inneren Lebens“ geht es, um postulierte echte Gefühle, die es nicht gibt, und um die nicht ganz neue Erkenntnis, dass wir uns im Theater die gespielten Gefühle holen (was sonst?). Man spricht vom Ich und den anderen und erklärt vieles an der Psychoanalyse für Quatsch: Sigmund Freud schleicht sich als auf die Schaufel genommene Referenz immer wieder in den Text.

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Fotos:Reinhard Werner / Burgtheater

Dieser Text – man weiß, dass René Pollesch ihn den Schauspielern nur „vorschlägt“, die dann ihrerseits daran mitarbeiten können. Nun, es gibt den Begriff „Klugscheißen“, die Gegenposition „Dummschwätzen“ besagt inetwa dasselbe, man kann es sich aussuchen. Die großen Fragen der Menschheit werden locker hingebröselt und ohne weiteren Anspruch verplaudert. Wenn Wuttke und Minichmayr auf der Bühne stehen, dann stolpern sie durch den Text, als würden sie ihn gerade einmal improvisieren. Kunstvoll – oder einfach wirklich nur so hingerotzt? Irgendwann tauchen auch Namen auf, er ist David, sie ist Sylvia, die beiden verband einmal eine Liebesgeschichte, obwohl er sie als „toxischen Terrortyp“ bezeichnet. So analysieren sie sich durch den Abend. Als Parodie auf das Herumgequatsche der Ich-Fabriken von heute?  

René Pollesch hat als Regisseur dabei nur dafür gesorgt, dass Bert Neumann der Bühne neben dem spektakulären Flugzeug noch einen Graben gegeben hat, der mit bunten Bällchen vollgestopft ist: Alle plumpsen da hinein, die Minichmayr entwickelt in dieser Slapstick-Manier besondere Kunstfertigkeit. Sie darf sich auch verwandeln, sprich umziehen (Kostüme: Nina von Mechow): Schwarze Fransen, wenig darunter, dann in Weiß mit Rüschen, dann in hellblauer Dienstmädchen-Uniform, und so zehn Minuten vor Ende stülpen sich alle Affen-Masken über. Es gibt viele Kino-Zitate (nicht zuletzt der Titel), aber der „Planet der Affen“ wird da ganz deutlich ebenso wie als Epilog „Cars“, wo die Darsteller aus dem Off das Ende der New Yorker Taxis verkünden, denn wer wird in Zukunft noch „echte Technik“ brauchen?

Die akute Frage ist hingegen, ob man diese eineinviertel Stunden braucht und ob das Publikum – am Leitfaden des Stücks – ausreichend über sein Bewusstsein und sein Selbstbewusstsein reflektiert, wenn es hier wie üblich reichlich Applaus spendet. Oder hat man es einfach als absurden Slapstick-Schwank genommen und bewusst auf jegliche Ansprüche verzichtet?

Renate Wagner

 

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