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WIEN / Akademietheater: BUNBURY

24.05.2021 | KRITIKEN, Theater

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Alle Fotos: Burgtheater / Susanne-Hassler-Smith

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
BUNBURY von Oscar Wilde
Premiere: 23. Mai 2021

Kennen Sie „Bunbury“ von Oscar Wilde? Hoffentlich. Denn das, was Sie sehen, wenn Sie Karten für „Bunbury“ im Akademietheater kaufen, hat mit dem Stück nichts zu tun. Selten ist ein Regisseur so weit am Original vorbeigesegelt wie der Italiener Antonio Latella. Er hat einen guten Ruf hierzulande, bekam er doch im Vorjahr den „Nestroy“ für die beste Regie – aber was er damals im Schauspielhaus inszeniert hat, war ein Holocaust-Stück. Diesmal ginge es um eine gewiss vitriol-getränkte Komödie – aber immer noch ein Stück, das von Menschen handelt. Bei Latella hopsen nur wild gewordene Schauspieler im Veitstanz über die Bühne und zeigen darstellerische Stilübungen, die nicht einmal als Selbstzweck annehmbar sind.

Sicher, neben seinen fast „braven“ Gesellschaftskomödien ist „Bunbury“ Wildes ausgelassenstes Stück. Aber das ist nicht nur Pointen- und Slapstick-Lachen. Er nimmt sich seine britische Oberschicht schon vor – die nutzlosen Dandys, die sich schamlos durch ihre Liebesabenteuer lügen; die angeblich so sittsamen jungen Damen, die eigentlich tückische Zicken sind (und am Ende nur so viel wert wie das Geld, das sie erben); den Adel, so aufgeblasen, dass sie nicht wissen, wie sie gehen und stehen und näseln sollen. Und dazu das Personal – geplagte Diener, unglückselige Gouvernanten, und ein Pastor ist auch dabei.

Ja, das kann man auch verblödeln. Man erinnere sich, als Hans Hollmann 2006 in der Josefstadt alle Rollen mit Männern besetzte (dafür gibt es Präzedenzfälle im englischen Theater) und Helmuth Lohner als martialische Lady Bracknell und Otto Schenk als verschreckte Gouvernante Miss Prism ihren „Charley’s Tante“-Klamauk abzogen: Aber für Humor im echten Sinn, der aus den Figuren (und deren Konfrontation) erwächst, hat sich Antonio Latella nicht interessiert….

Dabei beginnt es fast harmlos. Auf leerer Bühne (Annelisa Zaccheria) spielt der Butler erst einmal Klavier. Dann rasen die jungen Männer herein – und weil es eben keine Gurkensandwiches und Teetassen auf der Bühne gibt (dramaturgisch unerlässlich für die Szene), liest der Diener die szenischen Bemerkungen aus einem Buch vor. So weit, so gut, wenn der Text elastisch Wilde’schen Esprit versprüht.

Aber dann kommt Lady Bracknell, und von da an verlässt man das Stück und zappelt sich durch stilistische Spielchen. Die gute Lady und ihre Tochter treten gefühlsmäßig ein Dutzend Mal auf, alle spielen dieselbe Szene immer wieder, jedes Mal in einem anderen, noch affektierteren, verrückteren, unnatürlicheren Ton. Ist das „Gesellschaftskritik“, wenn es keine Gesellschaft mehr gibt, um die es gehen könnte?

Nun übernimmt auch die Musik (Franco Visioli) einen wichtigen Part, indem sie nämlich das Geschehen meist umbrüllt. Dass fast den ganzen Abend (und er ist mit zweidreivierel Stunden für ein Stück wie dieses und gar erst für eine Inszenierung wie diese sehr lang) das Saallicht brennen bleibt, was bekanntlich für die Zuschauer sehr ermüdend ist – es gibt mehr Dinge, die man nicht begreift. Tatsache ist: sprachlich und körperlich werden nur noch Verkrümmungen geliefert.

Der Versuch, irgendetwas Einsichtiges zu erkennen, was an dieser Verballhornung und Verdodelung des Stücks Sinn machen könnte, scheitert. Man müsste auch sehr primitiven Geisteszustandes sein, um lustig zu finden, wenn das Ensemble sich als Kollektiv hinstellt und in Dada-Manier im Chor “Bun Bun Bun” und „Bur Bur Bur” skandiert. Und manches, etwa die Szene, wenn Miss Prism das Unglück mit dem Kind erzählt, wird so entsetzlich ausgewalzt, dass es schon einer Zumutung gleicht… Theater als Publikumsfolter.

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Apropos: Wenn die Reisetasche, in welche die Gouvernante einst statt ihres Romans das Baby hineingepackt hat, als Riesenkiste mit flackerndem Lichterrand herein gerollt wird, dann fällt natürlich die berühmteste Pointe des Stücks um, wenn Lady Bracknell schnauben soll: “In a handbag?”

Aber wer hat sich an diesem Abend schon für Oscar Wilde interessiert. Man wünschte, der Regisseur hätte sich für seine “Ideen” ein eigenes Stück gebastelt. Man hat schon lange die Nase übervoll, bevor das Publikum am Ende noch aufgefordert wird, ein bisschen Originaltext des Stücks, vom Butler hochgehoben, laut vorzulesen. Interaktiv?

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Dass Schauspieler an solchen Abenden missbraucht werden, steht außer Zweifel – es sei denn, sie machen dergleichen gerne (es soll ja auch solche unter ihnen geben). Aber ob Regina Frittsch sich ehrlich freut, die Lady Bracknell nicht spielen zu dürfen? Florian Teichtmeister, der plötzlich seltsam gealtert wirkt, sah auch nicht aus, als ob dieser Jack Worthing seine Traumrolle wäre. Da warf sich Tim Werths für den Algeron mehr ins Zeug, scheiterte aber immer wieder daran, dass der Sprechunterricht an den Schauspielschulen wohl auch nicht mehr ist, was er einmal war. Ganz ohne besondere Kennzeichen zucken sich die nicht mehr ganz jungen Damen Mavie Hörbiger und Andrea Wenzl durch die Rollen der angeblichen jungen Mädchen. Eine Show ohnegleichen (plus Nervenprobe für das Publikum) legt Mehmet Ateşçi̇ als Miss Prism hin. Marcel Heuperman und Max Gindorff ergänzen. Was eigentlich?  

Am Ende regelrecht johlender Beifall – da hat man offenbar die richtigen Leute in die Premiere gesetzt, Die, die gerne Buh geschrien hätten, waren schon in der Pause gegangen oder in Katatonie erstarrt. Man sollte wirklich warnen, dass nur diejenigen in diese Aufführung gehen, die ehrlich bereit sind, die Auswüchse eines überdrehten Regie-Gehirns über sich ergehen zu lassen.

Renate Wagner

 

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