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WIEN / Akademietheater: AM ENDE LICHT

25.02.2022 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Burgtheater  © susanne hassler-smith

WIEN / Akademietheater des Burgtheaters:
AM ENDE LICHT von Simon Stephens
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 24. Februar 2022  

Zu Beginn stirbt eine Frau einsam im denkbar trostlosesten Ambiente eines Supermarkts. Am Ende, zweieinviertel pausenlose Stunden später, versammeln sich ihre Angehörigen zu ihrem Begräbnis – und da verwandelt sich der Himmel, so gut Theater-Computer es eben können, in ein Weltall, wie man es aus Science-Fiction-Filmen kennt, zumal, wenn man bereit ist, die „bunte“ Pappbrille (nicht das, was Kino bei 3 D beisteuert) aufzusetzen, die man für diesen Zweck in die Hand gedrückt bekommt. So rechtfertigt sich der deutsche Titel „Am Ende Licht“, der keine wirklich inspirierte Übersetzung von „Light Falls“ ist.

Man hat es wieder einmal mit einem Stück von Simon Stephens zu tun, sogar einem ziemlich rezenten, im Oktober 2018 in seiner Heimatstadt Manchester uraufgeführt, im November 2021 war die deutschsprachige Erstaufführung in Stuttgart, nun zieht das Burgtheater im Akademietheater mit der österreichischen Erstaufführung nach.

Wir haben von dem Vielschreiber Simon Stephens schon eine Menge Stücke gesehen, einst am Volkstheater, oft auch am Burgtheater, und wären vielleicht nicht bereit, wie „Theater heute“ es tat, ihn permanent als „besten ausländischen Dramatiker“ auszuzeichnen. Wenn er nicht Klassiker bearbeitet, schreibt er Stücke aus dem englischen Alltag, die besser oder schlechter ausfallen. „Am Ende Licht“ ist zweifellos eines der weniger gelungenen.

Da geht also zu Beginn Dorothee Hartinger als Christine, die Durchschnittsfrau, in deren Leben Alkohol eine zu große Rolle gespielt hat, über die Bühne, und schildert ihren ziemlich plötzlichen Tod im Kaufhaus. (Weil sie in dieser Rolle gleich stirbt, darf sie anschließend noch ein paar belanglose Nebenrollen übernehmen.) Erinnern würde sie sich in ihren letzten Augenblicken nur an ihre Kinder, die in drei verschiedenen nordenglischen Städten leben.

Und bei ihrer Familie ist man dann gewissermaßen zu Gast, auch bei dem Gatten, der sich so ziemlich als „dirty old man“ erweist, gleich zwei junge Frauen ins Hotel einlädt und bereit wäre, dafür zu bezahlen. Norman Hacker hat die Optik und Erscheinung des unauffälligen Durchschnittsmannes, von dem man nicht wissen will, was er dann im Hotelzimmer treibt. Nun, Michaela (Dunja Sowinetz) und  Emma (Stefanie Dvorak), der Inbegriff von dummen Weibern, werden es vielleicht erfahren.

Dann ist man bei Tochter Jess (von erschreckender Unliebenswürdigkeit: Marie-Luise Stockinger), die einen One-Night-Stand (wenn es denn einer war) wirklich bösartig herunter putzt: Philipp Hauß ist ganz verdutzt Noch schlimmer kann es Tochter Ashe in Gestalt von Maresi Riegner, die den zahlungsunwilligen Vater ihres unehelichen Kindes bösartig durch Sonne und Mond kreischt, was dieser Joe (Sebastian Klein) sich nicht ganz widerstandslos bieten lässt. Ja, und Sohn Steven (Max Gindorff ) ist, wie auch anders, schwul und hat die entsprechenden Probleme mit seinem Freund Andy (Bardo Böhlefeld).  

Das alles ist schrecklich banal, und mehr noch, es ist eigentlich langweilig, und das familiäre „Happyend“, wenn man die Zusammenkunft beim Begräbnis so nennen kann, ist kaum glaubhaft, nur weil sie einander einmal nicht tot beißen. Aber man hat den Verdacht, dass hier vielleicht ein Stück trauriger Alltag heraus zu schälen wäre (wenn auch außerhalb Englands des Autors Intention, jede Geschichte in einer anderen Stadt spielen zu lassen, nicht realisierbar ist).

Aber Regisseurin Lilja Rupprecht hat alles getan, um das Stück mit affektierten Regieideen zu verhunzen, weil sie ihm offenbar nicht vertraute (dann soll sie es nicht machen). In dem sinnlosen Einheitsbühnenbild (Holger Pohl) und meist sogar dummen Kostümen (Annelies Vanlaere) gibt es nicht nur viel aufgeblasen künstliches Getue und Ablenkung per Video-Spielchen.

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Die Regisseurin „verkleidet“ die Darsteller zu Beginn auch noch, indem sie ihnen allen Strumpfmasken überzieht. Und um die seltsamen Popanze, die da entstehen, noch sinnloser zu machen, müssen sie Perücken von ultimativer Albernheit tragen. Was soll es bedeuten? Wenn sie dann nach und nach (meist spät) ihre Menschengesichter zeigen, ist das genau so unbegründet wie die Verfremdung davor.

Es fällt schwer, sich für diese Menschen und ihre Geschichten zu interessieren, und noch schwerer, sich für diese evident missglückte Inszenierung zu erwärmen.Die Regisseurin wurde beim Schlußapplaus entschuldigt, dafür konnten die Darsteller den Autor präsentieren. Und weil man zu Gästen ja höflich sein muss, konnte Simon Stephens lang anhaltenden Beifall entgegen nehmen.

Renate Wagner

 

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