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Werner Thuswaldner: DIE WELT DES DR. HOHENADL

18.01.2019 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Werner Thuswaldner:
DIE WELT DES DR. HOHENADL
Ansichten eines gelernten Österreichers
222 Seiten, Econwin Verlag 2019

Der alte, überaus wohlhabende Herr Hohenadl hatte eine ganz moderne Idee, nämlich die des bedingungslosen Grundeinkommens. Um seine drei Söhne damit zu bedenken, stellte er nur eine Forderung: Alle mussten Jus studieren und promovieren („Das Jusstudium war wie so oft in Österreich, nicht ernst gemeint, aber es war der einfachste Weg, zu einem Doktortitel zu gelangen“). Der  Vater spekulierte zu Recht,  dass der Titel sie vor dem Stigma des „Totalversagers“ befreien würde, wenn sie ihr Dasein im süßen Nichtstun zubrächten. Drei Söhne unterzogen sich dieser Vorgabe, und das Buch von Werner Thuswaldner befasst sich vor allem mit dem Sohn, der seine katholische Internatszeit in Bregenz verbracht hat – ohne allerdings danach den Wunsch zu hegen, den geistlichen Beruf zu ergreifen. Das Höchste der Gefühle wäre es, im Fasching als Papst „verkleidet“ zu erscheinen – wenn diese Priestergewänder nicht so teuer wären…

Nun weiß es der Leser, der den Autor kennt: Wenn Werner Thuswaldner in die Computer-Tastatur greift, ist eine Österreich-Satire angesagt. Das erfüllt er in vollem Maß, wenn er in vielen Einzelkapiteln „die Welt des Dr. Hohenadl“ schildert und ihn mit Problemen des Alltags konfrontiert, auf die sein seltsamer Protagonist gewissermaßen „alt-österreichisch“ reagiert.

Wobei dieser Dr. Hohenadl eine besondere Eigenschaft besitzt, die sich als Entscheidungsfaktor durch das Geschehen zieht und seine Handlungen bestimmt: Er ist panisch geizig, weil er befürchtet, dass sich durch die Finanzkrise sein „sicheres“ Grundeinkommen dahingehend reduzieren könnte, dass er – um Gottes Willen! – arbeiten müsste. (Schwarzfahren ist da eine permanente Gewohnheit, das Betrügen der Bundesbahn um Teilstrecken desgleichen.)

Wie alle, die nicht arbeiten, steht unser Dr. Hohenadl, dessen Vornamen wir nie erfahren, allerdings vor dem Problem, seine Tage zuzubringen. Und da fällt dem Autor von Kapitel zu Kapitel Witziges ein,  wie sein seltsamer Held sich den Anforderungen der Umwelt mit List und Tücke entzieht.

Zu Beginn scheint er allerdings eine Möglichkeit zu finden, Geld zu verdienen – indem er sich als Radfahrer von einer Autotür, die sich öffnet, niederstoßen lässt und von dem Autofahrer zur Beschwichtigung sicher einen größeren Schein zugesteckt bekommt… Das klappt allerdings nur, bis er zweimal an dasselbe „Opfer“ seines Tricks gerät.

In der Folge gibt es bessere und schwächere Geschichten, die besseren handeln davon, wie er mit seiner offenbar adeligen Umwelt konfrontiert wird, mit Damen, die bei ihm übernachten wollen und wider Erwarten nicht in ein Luxuslokal, sondern ein Beisl ausgeführt werden; über eine potentielle Schwiegermutter, die er gerne verschreckt; über alte Verwandte, in deren Salons man (nicht Hohenadl, sondern der Autor) über die affektierte, uralte Wiener Kulturschickeria ätzen kann; oder über Cousine Charlotte, deren Waldmüller-Gemälde er bekommen möchte, indem er ihr als Kuppler einen zweiten Mann verschafft (nur dass er einen potentiellen Kandidaten vor einem – wenn auch erfundenen – Waldmüller-Gemälde im Kunsthistorischen Museum begegnet, passt nicht: Dort sind, mit Ausnahme eines Beethoven-Porträts, das man nie sieht, keine Waldmüller zuhause).

Ähnlich satirisch fällt das Gespräch Hohenadls mit einem vollmundigen deutschen Regisseur aus, der ihm sein Konzept für ein ungenanntes Stück erklärt… es handelt sich, wie man später erfährt, um „Peterchens Mondfahrt“ bei der Amateurgruppe „Meidlinger Guckkasten“. Ähnlich tief in den Kulturbetrieb albert sich der Autor, wenn Hohenadl entdecken muss, dass die Verlage, die sich Jungautoren so herzlich anbieten, dann gewaltige Zuschußsummen von ihren Opfern verlangen… Oder wenn er in einem Volkshochschulkurs über Oper in die aktuelle Welt der politischen Korrektheit gerät (nur Schwarzafrikaner als Othello, nur Roma-Damen als Carmen, nur Äthiopierinnen als Aida) – unsere Welt versorgt einen Autor da reichlich mit Material, das nach Satire schreit.

Es gibt Geschichten von absolut absurdem Zuschnitt (wenn er meint, die geräuschlosen Elektroautos müssten sich mit Pferdegetrappel bemerkbar machen); es gibt psychologische Verdrehungen erster Ordnung (wenn er für die automatisch zugesandten Glückwunschkarten des Blindenverbandes nicht zahlen will und folglich Blinde sucht, denen er über die Straße helfen kann); es gibt komplett skurrile Ideen (einen Rosenstock auf das Grab der Eltern zu pflanzen, weil man gelesen hat, der Rosenstock an der Apsis des Hildesheimer Doms blühe noch nach tausend Jahren). Übrigens – auch der älteste Bruder ist geizig: Beim Wohnungshüten entdeckt unser Dr. Hohenadl, dass dieser in seinem Aquarium Fische nicht zwecks Erbauung, sondern zwecks Verzehrs hält…

Am Ende ist unser Autor mit seinem Helden so gnadenlos, wie er es nur sein kann. Dabei ist es enorm untypisch, dass dieser je von echtem Altruismus getrieben werden könnte, aber offenbar haben die Bilder unbegleiteter jugendlicher Flüchtlinge sogar sein österreichisches Herz erweicht. Dass es ihm ganz schlecht bekommt, wenn er zwei syrische Buben aufnimmt, die nicht nur ihre Bekannten vom Naschmarkt in die Wohnung mitbringen, sondern auch ihre 14köpfige Familie ankündigen, die alle (sechs davon sind ja nur Kinder!) im Zug des „Familiennachzugs“ in Kürze zu erwarten sind… das ist so richtig gemein.

Glaubt man’s, dass Hochadl das tut? Egal, es ist nur eine von vielen aktuellen Situationen, zu denen Thuswalder mit ironischer Schriftsteller-Gnadenlosigkeit ausholt…

Renate Wagner

 

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