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Werner Thuswaldner: DAS JUBILÄUM

07.02.2013 | Allgemein, buch

Werner Thuswaldner: 
DAS JUBILÄUM
Roman
286 Seiten, Otto Müller Verlag 2013 

Natürlich wird der berühmte Michael Köhlmeier in diesem Frühjahr den Buchmarkt mit seinem deklarierten Schelmenroman beherrschen, aber man sollte nicht vergessen, dass Österreichs Gegenwartsliteratur über noch einen Meister dieses Genres verfügt: Werner Thuswaldner, verschmitzter Salzburger von Kärntner Herkunft. Er hat schon vor dreieinhalb Jahren mit „Der Mann mit Ideen“ ein kleines Gustostückchen dieser Art geliefert. Und nun zieht er mit „Das Jubiläum“ noch schärfer vom Leder.

Da wird mit den heiligen Gütern der Österreicher (und nebenbei auch noch jenen der Deutschen) mit lockerer Hand gespielt – ob „Stille Nacht“, ob Martin Luther, Thuswaldner fällt Abgründiges dazu ein. Abgesehen davon, dass er den österreichischen Alltag zwischen Parteiengeklüngel, Vereinsmeierei und Titelsucht wieder einmal dem verdienten Gelächter preisgibt…

Wie im vorangegangenen Roman hat man es mit einem Ich-Erzähler zu tun, dessen Namen man nicht erfährt (heißt er vielleicht Hans, wie er in einem Mail unterschreibt?). Er ist aus einer Beziehung ziemlich lädiert hervorgegangen – dass sich seine Freundin nicht mehr vom Fernsehapparat weggerührt und mit den Figuren einer der vielen Endlos-Serien identifiziert hat, war einfach zu viel, außerdem kam ihm die Dame teuer. Er muss also einen Job finden. Und siehe da: Da sucht die „Stille Nacht-Gesellschaft“ („Internationale Gesellschaft zur Erforschung des Liedes Stille Nacht“) einen Sekretär als Mann für alles…

Unser Erzähler nimmt an, findet in der Gesellschaft ein wahres Kuriositätenkabinett an komischen Leutchen vor und kämpft sich durch die Sitzungen: „Ich … durfte ja nicht durch meinen Gesichtsausdruck verraten, was ich von den Beteiligten dachte. Wäre das an den Tag gekommen, sie hätten mich von jetzt auf gleich hinausgeworfen.“

Was in der deutschen Literatur die Kleinstadtsatiren waren, die Büro- und die Beamtensatire, hier wird es zur tollen Schilderung eines sinnlosen Vereins, der sich seine Berechtigung, seine Aktivitäten, seine Öffentlichkeitswahrnehmung mit Gewalt suchen muss. („Journalisten wollen umschwänzelt und in ihrer Selbstüberschätzung bestätigt werden. Man verachtet sie zwar, aber sie mussten im wörtlichen Sinn in Kauf genommen werden, wenn man der Öffentlichkeit etwas mitteilen wollte.“)

Also, was tun? Der Sekretär denkt sich ein paar Schmankerln aus, aber niemand will eine Vortragsreise des Präsidenten der Gesellschaft. Als man ihm gar einen grimassierenden Schauspieler als „Coach“ beistellt, erleidet der gute Mann einen Infarkt, und der Sekretär bekommt einen noch schlimmeren Chef: Von der Partei wegen schwerer Trunksucht aufs Abstellgleis geschoben, kommt mit Georg Langenbucher ein Mann ins Präsidentenamt der Gesellschaft, der den Sekretär vor eine besondere Aufgabe stellt: Er ist nämlich krankhaft öffentlichkeitssüchtig und verlangt nichts anderes, als sein Bild aus irgendeinem Grund andauernd in der Zeitung zu sehen. Da muss die Stille Nacht-Gesellschaft schon zu ganz hohen Aktivitäten auffahren…

Wie Thuswaldner nun die Vorbereitungen zur 200-Jahr-Feier des Liedes 2018 ausschmückt und vorbereitet, ist vergnüglich erfindungsreich: Jeder Ort, den der Komponist Franz Xaver Gruber und der Textdichter Joseph Mohr je auch nur andeutungsweise berührt haben, soll zum „Stille Nacht“-Ort erklärt, mit Gedenktafeln geschmückt und mit Bussen touristisch erschlossen werden. Es muss eine Mohr-Linde, eine Gruber-Höhle, einen Stille Nacht-Wasserfall geben. Ein unfähiger Musikwissenschaftler namens Brauchwasser (!), der ein anerkannter Meister in der Welt der „Fliegenschiß-Theorien“ ist (sind gewisse Punkte in alten Manuskripten originale Noten der Komponisten oder nur als Fliegenschiß auf das Papier geraten?), soll das „Brauchwasserverzeichnis“ von Grubers Werken erstellen (und hofft damit in die Welt von Köchel, Deutsch und Hoboken aufzusteigen). Außerdem muss um jeden Preis die „Originalfassung“ des Liedes gefunden werden… abgesehen von einem Musical zum Thema!

Als klar wird, dass es 2017 ein anderes gewichtiges Jubiläum gibt (1517 schlug Luther seine Thesen in Wittenberg an), wird der Ehrgeiz aufgestachelt, dieses Ereignis, das ja leider zuvor stattfinden wird, auf jeden Fall in den Schatten zu stellen, nicht zuletzt mit heftigen Beschimpfungen Luthers als Rassisten, Antisemiten und Sexisten (wird schon kommen, kann der erfahrene Leser da nur sagen…) Thuswaldner paraphrasiert hier auf das amüsanteste die „Parallelaktion“ aus dem „Mann ohne Eigenschaften“ (dort geht es um ein Jubiläum, das dann weder Kaiser Franz Joseph noch Kaiser Wilhelm II. erlebt haben…)

Als ob all das nicht genug wäre, krönt Thuswaldner seinen zutiefst boshaften Einfallsreichtum mit einer Überlegung des Sekretärs: „Wie wird in Österreich jemand aufgewertet, wenn auch nur zum Schein, und das bei möglichst geringem Aufwand? Man macht ihn zum Professor ehrenhalber. Voraussetzungen dafür braucht es keine.“

Aber weil ein Professoren-Titel einen Ego-„Süchtigen“ noch lange nicht befriedigt, so kulminiert der Roman mit der Gründung einer Akademie (wer sie finanziert, wird nicht ganz klar), die nur dazu da ist, dass alle Mitglieder einander mit Ehrenmitgliedschaften überhäufen…

Hat Thuswaldner in seinem vorigen Buch Tourismus-Industrie, Literaturwelt, Theater und Ministerien aufs Korn genommen, so wird er hier auf anderer Ebene genau so reich fündig. Und man traut ihm zu, das Thema Österreich auf seine parodierbaren Elemente noch lange nicht ausgelotet zu haben…

Renate Wagner

 

 

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