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Walter Rauscher: CHARLESTON, JAZZ & BILLIONEN

19.04.2020 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

Walter Rauscher
CHARLESTON, JAZZ & BILLIONEN
Europa in den verrückten Zwanzigerjahren
256 Seiten, Amalthea Signum Verlag, 2020

Kann man die Zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit jenen des 21. vergleichen? Der aktuelle Anlass, um hundert Jahre zurück zu blicken, hätte positiver sein können. Allein durch die Katastrophe, die gleich zu Beginn von 2020 ausgebrochen ist, wird jede Idee, man könne einem „goldenen Zeitalter“ entgegen gehen, komplett obsolet. Dennoch hatten es die einstigen und nur äußerlich zu Recht so genannten „Goldenen Zwanziger Jahre“ vor hundert Jahren auch nicht leicht, denn man hatte einen „Großen Krieg“ hinter sich, später als „Erster Weltkrieg“ bekannt, und dieser hatte die feudalen Systeme der Habsburger Monarchie, des deutschen Kaisertums und des russischen Zarentums hinweg gefegt. Es waren also komplett neue Gesellschaftssysteme, die geboren werden mussten – und das ging unruhig, blutig und nachhaltig übel vor sich.

Autor Walter Rauscher versucht nun in seinem Buch „Charleston, Jazz & Billionen“ diese Epoche in möglichst vielen Aspekten „auf den Punkt“ zu bringen. Wobei er seinem Werk einen beachtlichen Anhang an weiterführender Literatur und Zitaten beigibt.

Natürlich haben Umbrüche auch etwas Gutes, man probiert Neues (wie immer es ausgehen mag), man ist in möglicherweise hysterischer Aufbruchsstimmung. Die letzten Zwanziger Jahre trugen zweifellos diese Merkmale. Fremde kamen – nach Deutschland vor allem die Russen, die vor dem neuen Regime flohen. Man war gierig nach allem Neuen, woher es auch kam, huldigte dem Jazz und in der Kultur einer nie gekannten Gigantomanie. Es war eine Epoche, die Charleston tanzte, und die darin ihren Ausdruck fand.

Die Hektik überschlug sich plötzlich – nicht unähnlich der überquellenden Welt, die wir schlagartig mit „Corona“ verlassen haben. Man lechzte nach Sensationen, und das Auffinden des einzigen nicht geplünderten Pharaonengrabs, jenes von Tut-ech-Amun, durch den britischen Archäologen Howard Carter war eine solche. Und der Atlantikflug von Charles Lindbergh desgleichen…

Das Buch widmet ein erstes Kapitel Österreich auf der Suche nach einer neuen Ordnung – mit der Habsburger Monarchie war ein Koloß zusammen gebrochen. Vertrauen in eine politische Zukunft gab es für den Schrumpfstaat, der alle seine Satelliten-Länder eingebüßt hatte, nicht…

Der Autor springt in die Themenfülle, die sich durch die radikalen Veränderungen ergibt, die damals stattfanden, schwelgt in den Literaten und bildenden Künstlern, die sich damals in Paris tummelten, erzählt von Frauenemanzipation, von der neuen Welt des Films, von den hektischen Tänzen, von der neuen Musik – hier die Zwölftöner, dort die Operette, Richard Strauss versuchte, am Publikum entlang zu schreiben. Man spricht von neuer Kunst, von Sachlichkeit, die die Ornamentik ablöst, man spricht von der neuen Offenherzigkeit – Schnitzlers „Reigen“, bis dahin von der Zensur gebremst, kommt auf die Bühne, immerhin ist es die zehnfache Darstellung des Geschlechtsakts…

Der Skandal bei den Wiener Aufführungen wurde nicht nur von empörten, in ihrem sittlichen Gefühl verletzten Katholiken getragen, sondern hatte jene antisemitischen Züge, die immer radikaler wurden und den Weg für den Nationalsozialismus auch in Österreich bereiteten… Und so, wie der Autor davor die labilen, ungesicherten ökonomischen Verhältnisse geschildert hat, gehört das Ende der Betrachtung dann vor allem der Politik – dem Faschismus in Italien, dem Kommunismus in Russland, dem Ende der Demokratien, dem Ende mit Schrecken, das der Autor auch als Ausbruch eines Brutalo-Egoismus interpretiert wissen will. Radikalismen und Demagogie nahmen Überhand. Davor waren Versuche, Europa am Verhandlungstisch auf einen friedlichen und für alle gedeihlichen Kurs zu bringen, tragisch gescheitert…

Angesichts solcher Entwicklungen hätte man gar keinen Grund gehabt, sich auf „Zwanziger Jahre“ unseres Jahrhunderts im neuen Jahrtausend zu freuen, wenn der Talmiglanz auch in so kurzer Zeit abgebröckelt wäre. Aber es ist ja bekanntlich ganz anders gekommen … und wer kann ahnen, wie einmal aus der Distanz ein Buch über die Zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts aussehen wird? Hier hat man jedenfalls ein Kompendium der vergangenen Epoche, kenntnisreich zusammen getragen.

Renate Wagner

 

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