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Volker Reinhardt: MONTAIGNE

13.03.2023 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Volker Reinhardt
MONTAIGNE
PHILOSOPH IN ZEITEN DES KRIEGES
330 Seiten, Verlag C.H.Beck, 2023

Michel de Montaigne ist nicht nur für die Franzosen ein großer Name. Dieser gebildete Aristokrat hat das literarische Genre des „Essays“ erfunden und wird mit seinen Gedanken und Überlegungen auch heute noch weltweit gelesen, gewissermaßen auf der Suche nach der Lebensweisheit, die in diesen sehr persönlichen Schilderungen zu finden sind. Und aus diesen hat man auch geglaubt, ausreichend Wissen über das Leben dieses Michel Eyquem de Montaigne beziehen zu können.

Einen anderen biographischen Weg geht nun Volker Reinhardt. Professor für Geschichte an der Universität Fribourg – er erzählt dieses Leben aus der historischen Realität und folgert, wie daraus die Essays, also die Literatur, werden konnte. Wie lebte, wie überlebte man das in Frankreich im absolut mörderischen, von Glaubenskriegen zerrissenen 16. Jahrhundert?

Zu erzählen ist von einem Adeligen, der 1533 auf dem Schloß seiner Familie in der Nähe von Bordeaux in der Dordogne geboren wurde und 1592 ebendort starb, keine 60 Jahre alt geworden. Zur Zeit seiner Geburt herrschte noch König Franz I., kurz vor Montaignes Tod hatte Heinrich IV. die Herrschaft der Bourbonen begründet. Dazwischen gab es das Regiment der Katharina von Medici und ihrer Söhne – und als Höhepunkt der Bürger- und Glaubenskriege die „Bartholomäusnacht“, das Gemetzel an den Hugenotten in der Nacht vom 23. zum 24. August 1572.

Die Generationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa geboren wurden, haben bis Februar 2022 keinen Krieg erlebt, und selbst jetzt, wo er präsent ist, erleiden ihn im vollen Wortsinn stellvertretend nur die Ukrainer. Am Schicksal von Montaigne wird klar, wie es sich anfühlte, mitten drin zu stecken – und wo politische Entscheidungen getroffen werden mussten, die lebenserhaltend oder lebensbedrohend waren.

Denn nach dem Blutbad von Paris griffen die Hugenotten-Verfolgungen auch auf die Provinz über, und marodierende Söldnertruppen ließen sich nicht davon beeindrucken, dass Herr de Montaigne ja Katholik war, also zu den „Guten“ gehörte… Da musste sich ein kluger Mann schon einiges ausdenken, um zu überleben: Später hat er es geschildert.

Natürlich nimmt die Biographie eines Adeligen, der mit aristokratischem Selbstverständnis aufgewachsen ist, auch eine Art von vorgezeichnetem Weg: Als Jurist wird man Parlamentsrat, Bürgermeister von Bordeaux (wenn auch widerstrebend) und schließlich Kammer-Edelmann. Das alles ist, in die damalige Zeit gestellt, eine durchaus interessante Lebensgeschichte.

Von denen mag es allerdings Tausende gegeben haben. Bis heute im Blickpunkt der literarisch interessierten Welt ist Montaigne geblieben, weil er das Lesen und das Schreiben zur Lebensform erhoben hatte. Stefan Zweig kommt in seinem Montaigne-Essay zu dem Schluss, dass das Suchen Montaignes eigenste Lust war, nicht das Finden. Kurz, das Denken an sich  als beste menschliche Tätigkeit.

Da zieht sich ein genauer Beobachter und tiefer Skeptiker wann immer möglich  in den Bibliotheksturm seines Schlosses zurück und – schreibt  Dinge nicht einfach hinnehmen, sondern darüber nachzudenken und die Ergebnisse des Denkens zu formulieren – damit kommt man durch die Zeit.

Dass Montaigne es durchaus trickreich tut, einerseits sich selbst quasi naiv stellend, die Vergangenheit zitierend (u.a. mit vielen lateinischen Zitaten), letztlich aber auf eigene Erfahrungen zurück greifend, das macht die Essays – auch wenn sie manchmal gewunden formuliert sind – bis heute lebendig.

Dabei ist Montaigne bei genauer Betrachtung ein Moralist, wenn auch ein kritischer, dem man über die menschliche Natur nicht viel einreden kann. Auch damit passt er mit seiner von Reinhardt penibel erzählten Lebensgeschichte  in unsere Zeit – gerade in unsere, die neben seinen Kriegserfahrungen auch jene einer Pandemie (damals zog die Pest über Europa) teilt.

Renate Wagner

 

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