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Volker Mertens: WAGNER PARSIFAL

20.07.2016 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Mertens Parsifal

Volker Mertens: 
WAGNER  PARSIFAL
Opernführer kompakt
136 Seiten, Verlag Henschel / Bärenreiter, 2016 

In der handlichen Serie „Opernführer kompakt“ ist nun der Band zu Richard Wagners „Parsifal“ erschienen, in diesem Sommer – wo Bayreuth eine natürlich schon a priori heftig diskutierte Neuinszenierung des Werkes herausbringt – das Buch der Stunde. Autor ist Volker Mertens (seine Bibliographie lässt eine große Vorliebe für den Gralsmythos erkennen), der eine lockere, persönliche „Schreibe“ mit zeitgemäßer, intelligenter Präsentation der Fakten verbindet. Das Wissen wird einem nicht staubtrocken um die Ohren geknallt, sondern nach heutigen Interessen aufbereitet – inklusive der unvermeidlichen Frage nach Wagners Antisemitismus: Sind Klingsor und Kundry, da sie auch negative Eigenschaften haben, als jüdische Figuren zu verstehen? Nun, nur wenn man sich interpretatorisch bis zum Gehtnichtmehr verbiegen will…

Auch wird man, das macht das Buch klar, nichts von Islam im „Parsifal“ finden (der Überhang an hinein interpretiertem Christentum reicht ja vollständig) – das Interview mit dem diesjährigen Bayreuth-Regisseur Uwe Eric Laufenberg ist diesbezüglich nicht sehr aufschlussreich. Hingegen fasziniert den „Parsifal“-Interessenten, der gerne weiß, wie man sich dem Monsterwerk nähert, die jeweils kurz charakterisierende Aufzählung moderner Inszenierungen, was noch durch einen farbigen Bildteil unterstützt wird: Von den Hasen bei Schlingensief bis zu den Demonstranten bei Bieito ist da heutzutage wirklich alles drin, und der Autor zeigt hier angesichts der wildesten Zugänge noch Verständnis.

Natürlich gibt es auch das „klassische“ Parsifal-Wissen, auch wenn man meint, es ohnedies zu besitzen, lässt es sich hier leicht auffrischen – das Meisterwerk am Ende des Wagner’schen Lebens, nach dem er (was noch nie vorgekommen war) keine weiteren Pläne hatte.

Das Buch gibt einen kurzen Lebensrückblick Wagners (mit ausgezeichneter Tabelle gleichzeitiger historischer und kultureller Ereignisse) und dann die Stoffgeschichte des „Parsifal“ (Wolfram von Eschenbach, Mittelalterliches, Biblisches, nicht zu vergessen Buddhistisches – die vielen Wiedergeburten der Kundry!), mit der bekannten Erkenntnis, dass Wagner ein Kombinationsgenie war – wie er seine Quellen stets zu etwas ganz Eigenem verschmolz, zählt ja (auch im „Ring“) zu seinen erstaunlichsten großen Fähigkeiten.

Detaillierter Inhalt des Werks, „Steckbriefe“ der einzelnen Figuren, musikalische Analyse mit Notenbeispielen folgen, alles nicht in epischer Breite, sondern schnell und leicht fasslich. Der allzu tiefen Tiefe des „Parsifal“ will der Autor (der auch immer wieder Zweifel am Werk und einzelnen Details äußert) nicht in die Fänge geraten, das tun ohnedies alle, die zu dieser Oper wie in die Kirche gehen: So war es, stellt er fest, von Wagner nicht gemeint.

Es gibt Fragen und Meinungen und Fakten – Hitlers Parsifal (und wie er Bayreuth angesichts der Jahrzehnte alten „Parsifal“-Bühnenbild-Fetzen szenisch reformieren wollte, weil er aus Mahlers Roller-Schule in Wien kam), Hymnen und Rezeptionen. Dann ist man auch bald bei den aktuellen Inszenierungen angelangt, inklusive Syberberg-Film (die Uraufführung in Bayreuth 1882 wird natürlich auch  entsprechend beachtet).

Und im übrigen erfährt man in dieser kurzweiligen Übersicht (ja, auch Wagner darf kurzweilig sein) einiges Skurrile am Rande. Dass die Spielzeiten der Wagner-Opern bei verschiedenen Dirigenten differieren können, ist bekannt, aber im allgemeinen handelt es sich um Minuten. Hier erfährt man, dass Pierre Boulez für den „Parsifal“ 3 Stunden 40 Minuten gebraucht hat – Arturo Toscanini hingegen 4 Stunden 48 Minuten…

Renate Wagner

 

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