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Veronika Rudorfer: DAS PALAIS EPHRUSSI IN WIEN

16.10.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Rudofer Palais Ephrussi jpg

Veronika Rudorfer
DAS PALAIS EPHRUSSI IN WIEN
104 Seiten, Verlag
Böhlau, 2015

Vorgelegt vor drei Jahren als kunsthistorische Diplomarbeit, passt die Untersuchung, die Veronika Rudorfer über das Palais Ephrussi verfasst hat, perfekt in das Jahr, wo man allerorten einen genauen (und nicht mehr grundsätzlich negativ geprägten) Blick auf die Wiener Ringstraße wirft.

Dass er ein „jüdischer Boulevard“ genannt wurde, hat das Jüdische Museum in seiner Ausstellung klar gemacht. Dass es die großen jüdischen Familien mit ihren Banken, Unternehmen und Fabriken waren, die damals das nötige Geld hatten, sich sowohl Grund an der neuen Prachtstraße zu kaufen wie die herausragendsten Architekten und Innengestalter zu beauftragen, ist auch viel besprochen worden. Heute ist kaum ein „Ringstraßenpalais“ mehr als solches in Verwendung oder auch zu besichtigen. Da muss man zu Büchern greifen.

Die Familie Ephrussi, deren Weg „von Odessa nach Wien“ führte und die in der Gegenwart Aufmerksamkeit erregte, als ein Nachfahre (Edmund de Waal) die Familiengeschichte erzählte (und sich dabei vor allem auf die berühmte Sammlung von 264 Netsuke-Figuren bezog), war weit verzweigt (ein Teil lebte in Paris). Sie waren nicht nur Bankiers, sondern auch ausgewiesene Kunstfreunde und –kenner. Ignaz Ephrussi hat für sein Palais, das der Universität gegenüberliegt, keinen Geringeren als Theophil Hansen beauftragt, einen der Spitzenarchitekten der Epoche.

Veronika Rudorfer geht nun, auch mit reichem Bildmaterial, der Entstehung dieses Gebäudes von den Entwürfen an nach. Einiges konnte aus der zeitgenössischen Literatur geborgen werden – so hat die Allgemeine Bauzeitung 1874 die Aufrisszeichnung veröffentlicht, die Hansen detailverliebt von der „Fassade gegen den Franzensring“ vorlegte. Es ist eine kunsthistorische Arbeit, die die Baugeschichte im Detail nachvollzieht.

Besonders hoch sind die Schauwerte des Buches, wenn es um Farbfotos der Innenausstattung geht, wobei neben Hansen selbst noch verschiedene Künstler mit der malerischen Ausgestaltung der Räume betraut wurden. Es war Ringstraßen-Historismus in klassizistischem Gepräge, das sich durchaus mit dem üblichen geflügelten Allegorischen befasste. Fotos zeigen die Räume noch in ihrer einstigen Pracht – die Innenausstattung und die Kunstsammlung wurde ja in nationalsozialistischer Zeit geraubt.

Von besonderem Interesse ist jenes Bild, das sich am Schutzumschlag des Buches befindet. Die meisten assimilierten Judenfamilien haben es vermieden, öffentlich allzu deutlich auf ihre jüdische Herkunft hinzuweisen – von Baron Todesco ist bekannt, dass er „aus Rücksicht auf seine andersgläubigen Gäste“ keinerlei jüdische Themen in der Malerei seines Palais’ wünschte. Doch Ignaz Ephrussi, der sich in allen Räumen auf mythologisch-konventionelle Darstellung beschränkte, ließ ausgerechnet in seinem Tanzsaal, der für Gäste gedacht war, die „Krönung Esthers“ und „Die Verurteilung Hamans“ darstellen, bildliche Manifestation der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk…

Renate Wagner

 

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