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VERONA/Arena di Verona CARMEN 21.Juni 2014

22.06.2014 | KRITIKEN, Oper

ARENA DI VERONA
93. Festival    21. Juni 2014

CARMEN

 

Volk, Volk, Volk - Zeffirellis Stil  (Foto Ennevi)

Volk, Volk, Volk – Zeffirellis Stil (Foto Ennevi)

 

CARMEN: CENTO ANNI IN ARENA

 

Die Veranstalter des Arena-Spektakels finden immer einen Grund etwas zu feiern und können diesmal immerhin auf die Erstaufführung der Carmen in der Arena von Verona vor hundert Jahren verweisen, auf die Stagione am Vorabend des Weltkrieges. Die Hauptprotagonisten waren damals der Mitbegründer des Festivals, Giovanni Zenatello und dessen Frau, Maria Gay-Zenatello, einer katalanischen Mezzosopranistin. Im Unterschied zum gestrigen Abend – die Arena war ausverkauft – war die Kartennachfrage 1914, bedingt durch den “bereits  wehenden Kriegswind” und der damit verbundenen Unlust nach Zerstreuung nur gering.

Und die zweite geplante Serie fiel bereits gänzlich dem nächsten Krieg zum Opfer, 1940 wurde die Oper der Kriegsereignisse wegen abgesetzt und erst wieder in der damals geplanten Inszenierung 1948 ins Programm aufgenommen. Inzwischen wurde Bizets Hauptwerk mit insgesamt 227 Aufführungen (die hier besprochene eingerechnet) hinter Verdis Aida mit 615 Realisierungen zum zweiterfolgreichsten Spektakel in Verona. Carmen ist heute von den Freiluft- und Sommerveranstaltungen nicht mehr wegzudenken, macht sie doch den Einstieg in diesen Selbstläufer einer Handlung für Jedermann und Jederfrau und Jederkind leicht.

Die derzeitige Produktion ist das Ergebnis eines längeren Arbeitsprozesses des inzwischen 91-jährigen Franco Zeffirelli, er zeigt die Entwicklung von seiner ursprünglichen, einer Spanien nachempfundenen Bühnenarchitektur bis hin zur totalen Minimalisierung. Wenige Versatzstücke, viele bemalte Bühnenbegrenzungen – die Felsenillusionen des dritten Aktes sind sehenswert – aber eine geradezu unglaubliche und für den Uraltmeister typische Übervölkerung der Bühne kennzeichnen auch seinen Spätstil. Berittene Polzei, Pferdefuhrwerke, Flamencotänzer (die fast zu jedem Handlungsablauf seitlich einen getanzten Kommentar abgeben) und Volk, Volk, Volk.

Der Schaulust alleine ist damit bereits genüge getan, der Selbstläufer der Veranstaltung kann musikalisch durchaus kürzer treten, die großen Namen der Vergangenheit sind ausgewechselt durch solche heutigen Durchschnitts, durchaus solidem zwar aber ohne jener Aura, welche magische Anziehungskraft auf eingefleischte Opernfreunde auszuüben instande ist.

Ekaterina Semenchuk ist weit entfernt von einem männermordendem Monster, eher eine brave Liebende, der man den schnellen Wechsel vom Sergeanten zum Stierkämpfer nicht abnimmt. Auch gesanglich ist der tiefere Notenbereich nicht sonderlich geeignet, die Arena zu füllen und regielich wirkt sie in Stich gelassen, sie fällt zu wenig auf in der Masse. Das gilt auch für ihren Liebhaber, der erst im Schlussbild aus sich mehr herausgeht. Dass auch gesanglich Carlo Ventre nur wenig fasziniert, liegt an seiner eher baritonalen Mittellage, aus der sich eine gepresste Höhe abhebt. Keine Stimme, der man gefesselt lauschen könnte. Mehr Verzweiflung und Schmerz vermittelt er stimmlich erst in der letzten Szene.

Dass Carlos Alvarez im Schlussduett mit Carmen seinen Bariton nobel strömen lassen kann versöhnt mit seiner Leistung im zweiten Akt, bei der sich ins Torerolied so mancher wackelige Ton eingeschlichen hatte. Die schönste Leistung konnte Irina Lungu als Micaela vorweisen, die nicht nur wegen ihres hübschen Outfits sondern auch ihrer leichten und sicheren Tongebung in ihrer Arie den meisten Applaus einheimste.

Francesca Micarelli und vor allem Christina Melis ergänzten sehr gut als Frasquita und Mercedes, weiters machten Frederico Longhi und Paolo Antognetti als Dancairo und Remendado das Schmugglerquintett voll.

Henrik Nánási, der aus Pècs in Ungarn gebürtige Neueinsteiger in der Arena – bekannt ist er nicht nur durch seine Auftritte in der Wiener Volksoper sondern auch als neuinstallierter GMD an der Komischen Oper in Berlin nach vielen Stationen an prominenten Häusern – war sichtbar mit Feuereifer und hörbarem Erfolg dabei, dem Orchester eine für hiesige Verhältnisse mitreißende Wiedergabe zu entlocken. So manche Unsicherheiten im Zuge der angezogenen Tempi werden sich ja wohl noch legen. Armando Tasso und Renato Zanella sorgten wieder für akustische und optische Zusatzreize durch Chor und Ballett.

Carmen 1914 Maria Gay

Carmen 1914: Maria Gay

 

Carmen 2014 Sementschuk

Carmen 2014:  Semenchuk

Peter Skorepa
MERKEROnline
Fotos mit freundlicher Genehmigung der

ARENA DI VERONA (Foto Ennevi)

 

 

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