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VALENTNIA NAFORNITĂ: Schritt für Schritt…

23.04.2015 | INTERVIEWS, Sänger

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Foto: Barbara Zeininger

VALENTNIA NAFORNITĂ

 

Schritt für Schritt…

Valentina Nafornită ist die Norina in der Staatsopern-Neuinszenierung von „Don Pasquale“ – nur ein weiterer Schritt für eine Sängerin, die 2011 als absolute Anfängerin ans Haus kam und heute viele große Rollen singt. Ihr Geheimnis: nichts übereilen, aber möglichst das Richtige tun…

Von Renate Wagner

Frau Nafornită, Sie waren zwar in kleineren Rollen schon in einigen Premieren der Staatsoper dabei, aber „Don Pasquale“ ist die erste „große“ Premiere, in der Sie in einer „Traumrolle“ auf die Bühne gehen?

Ja, und ich bin wirklich dankbar, dass ich die Norina in einer Neuinszenierung in so langer Probenzeit erarbeiten kann. Normalerweise steigt man ja im Repertoirebetrieb doch mit nur einigen wenigen szenischen und manchmal gar keinen Orchesterproben in eine Inszenierung ein, auch wenn man Hilfe bei der  Einstudierung bekommt. 

Die Norina ist besonders schwierig, weil da ja meines Erachtens nach wirklich drei verschiedene Frauen auf der Bühne stehen: Anfangs ist sie sie selbst, dann verwandelt sie sich in die schüchtern Klosterschülerin und am Ende explodiert sie geradezu vor Bosheit… Wobei ich diese letzte  Szene immer als wirklich grausam empfinde.

Es ist aufregend, eine Figur zu spielen, die schon einmal eine so lange Anfangsszene hat und sich dann wirklich von einem zum anderen Mal verändert. Das macht aber auch großen Spaß, ich tue es gern. Und dass Irina Brook in dieser Inszenierung aus Norina eine Schauspielerin gemacht hat, finde ich wirklich sehr richtig – müssen wir Frauen nicht manchmal Schauspielerinnen sein, um etwas zu erreichen 

Es gibt die fabelhafte Schenk-Inszenierung des „Don Pasquale“ aus der Met, wo die Netrebko die Norina absolut hinreißend spielt und singt. Sieht man sich das an?

Natürlich, ich war damals noch zuhause und habe diese Met-Übertragung im Kino gesehen, das war großartig, ich liebe es geradezu, großen Sängern zuzusehen. Aber wenn ich auf die Bühne gehe, mache ich absolut meine Sache (my thing). Ich arbeite mit meinem Charakter, meinen  Gefühlen, und man holt die Erfahrungen aus dem wirklichen Leben dazu. Ich nehme meine Rollen alle sehr persönlich, könnte mich allerdings nie so verhalten wie Norina im 3. Akt, dazu hätte ich wahrscheinlich gar nicht den Mut. Ich bin nämlich eine nette Person…

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 Foto: Barbara Zeininger

Nun spielt man ja auf der Opernbühne die verschiedensten Charaktere, von der Musetta bis zur Pamina, von der Adina bis zur Gilda, um Ihre großen Rollen zu nennen, so viele verschiedene Nuancen des Menschlichen und Weiblichen?

Ich liebe es, auf der Bühne zu spielen, und mir geht es vielleicht wie vielen Schauspielern, die den Beruf ergriffen haben, um nicht nur ihr eines wahres Leben zu leben, sondern solcherart viele Leben zu haben, auch hoch dramatische – es ist doch schön, manchmal zu weinen! Aber was die Norina betrifft: Die Herausforderung ist natürlich besonders groß, wenn man es mit der eigenen Persönlichkeit nicht vereinbaren kann. Wir haben da einen Moment eingebaut, wo Norina im letzten Akt Don Paquale ins Gesicht schlägt – und da schrickt sie zurück, da weiß sie, dass sie zu weit gegangen ist, fühlt sich schuldig, kehrt zu ihrem normalen, an sich liebenswerten Selbst zurück.

Bedenkt man, dass Sie 2011 als Anfängerin an die Staatsoper kamen, haben Sie seither einen steilen Aufstieg erlebt.

O ja, ich kam ja direkt von der Universität, hatte überhaupt keine Praxis, ich bin als Papagena am 11. Oktober 2011 überhaupt zum ersten Mal in meinem Leben auf einer Opernbühne gestanden. Und das war natürlich ein angenehmer Anfang, nicht zu viel Druck. Wenn ich bedenke, wie naiv ich damals war, wie wenig Ahnung ich eigentlich vom Beruf hatte, und wie anders man ihn heute sieht, wenn man mitten drinnen steckt und alle Schwierigkeiten nicht nur kennt, sondern auch erlebt hat, den Streß, die Unsicherheit, die man gelegentlich empfindet, jetzt erst weiß ich, was das alles beinhaltet.

Aber Sie sind von der Papagena innerhalb von weniger als drei Jahren zur Pamina geworden, von der Barbarina zur Susanna – es ging doch sehr schnell?

Eigentlich habe ich anfangs viele kleine Rollen gesungen, so etwas wie die Modistin im „Rosenkavalier“ oder Stimme vom Himmel in „Don Carlo“, aber das ist natürlich genau richtig, wenn man 24 und eine Anfängerin ist. Man glaubt übrigens oft, Dominique Meyer habe mich engagiert, nachdem ich 2011 den BBC Cardiff Singer of the World-Wettbewerb gewonnen habe, aber da hatte ich schon meinen Vertrag. Er hat mich davor bei einem Wettbewerb in Como gehört, wo ich den Ersten Preis bekam, und damals schon engagiert, vorläufig für ein Jahr. Ich war so glücklich. Nun läuft mein Vertrag noch bis inklusive die nächste Saison.

Zurück zu Mozart, wo ich Ihre Pamina besonders schön fand. Ist er ein wichtiger Komponist für Sie?

O sehr! Meine Lehrerin hat mir gesagt: „Du musst Mozart singen!“, und das war genau das Richtige für mich und meine Stimme. Die Susanna habe ich vorläufig nur bei einem Staatsopern-Gastspiel „außer Haus“ gesungen, aber nächste Saison kommt sie auch im Repertoire, und es gibt Leute, die sagen, sie hörten in meiner Susanna schon die künftige Gräfin… wenn es an der Zeit ist. Ich mache alles Schritt für Schritt. Auch in Richtung Fiordiligi zum Beispiel.

Aber Sie haben auch gesagt, dass Ihre Stimme sich bei Donizetti ganz besonders wohl fühlt und Sie sich auch einmal als Anna Bolena sehen könnten…

Es stimmt, Adina und Norina sind wunderbar für meine Stimme, und der Unterschied zwischen beiden ist auch sehr schön – die eine so lyrisch und sensibel, weil sie Nemorino ja doch von Anfang an liebt, die andere so entschlossen und witzig. Und ja, selbst wenn ich nun mit Bewunderung Anna Netrebko an der Staatsoper sehe, könnte ich mir vorstellen, in zehn Jahren Anna Bolena zu singen. Ich erinnere mich noch, wie nach meinen BBC-Preis die große Marilyn Horne auf mich zukam und sagte: „Sie müssen Belcanto singen!“ Wenn man das aus so berufenem Mund hört! Aber einen Schritt nach dem anderen – nach der Musetta vielleicht die Mimi, und die Mimi noch vor der Traviata, die ja der Gilda folgen könnte.

Hier in Wien gibt es auch deutsches Repertoire für Sie, die Marzellina, die schon genannte Pamina, nächste Saison werden Sie Humperdincks Gretel sein. Wie steht es mit der deutschen Sprache? (Das Interview wird auf Englisch geführt.)

Wir arbeiten sehr genau mit Korrepetitoren – und ich lebe schließlich in einer deutschsprachigen Umwelt. Mein Mann und ich haben ein Haus mit Garten und Hund in Kottingbrunn, da ist man unter deutschsprachigen Nachbarn. Ich scheue mich nur, Deutsch öffentlich zu sprechen, weil es grammatikalisch so kompliziert ist und man so leicht Fehler macht. Ich müsste mich einfach hinsetzen und einen ordentlichen Deutschkurs machen, aber dazu fehlt mir die Zeit. Dafür kann ich – weil Moldavien ja ein „post-sowjetisches“ Land ist – Russisch, das wird mir einmal zugute kommen, wenn ich hoffentlich Lisa und Tatjana singen werde. Aber was mein Deutsch betrifft: Manche Leute sagen, ich hätte einen Wiener Akzent…!

Haben Sie sich schon überlegt, was Sie tun werden, wenn Ihr Vertrag mit Wien abgelaufen ist?

Es ist der natürliche Lauf, dass man als junger Sänger nach einer gewissen Zeit in einem festen Ensemble, das „Nest“ verlässt und den Beruf freischaffend ausübt – und trotzdem immer wieder „nach Hause“ zurückkehrt. Ich habe immer wieder einmal an anderen Häusern gastiert, an der Scala oder in Berlin, aber wenn man fest im Ensemble ist, ist es nicht so einfach, frei zu bekommen., Wenn in einem Jahr mein fester Vertrag hier endet, werde ich fünf Jahre Ensembleerfahrung an der Wiener Staatsoper haben: eine Zeit, in der ich sehr, sehr viel gelernt habe, über die ich sehr dankbar bin und die ich nicht missen möchte. Gleichzeitig freue ich mich aber auch auf eine neue Erfahrung als „Freelancer“.

Sie sind glücklich mit Ihrem Landsmann und Bariton-Kollegen Mihail Dogotari verheiratet, der auch an der Wiener Staatsoper engagiert ist. Funktioniert das – und gibt es familiäre Zukunftspläne?

Es funktioniert, weil Mihail nicht nur gewöhnt ist, dass mich andere Männer auf der Bühne umarmen, sondern mich auch wirklich in allem unterstützt, und das ist sehr wichtig. Natürlich denken wir an Kinder, aber nicht geplant. Alles in meinem Leben ist gekommen, ohne dass ich es forciert habe. Wenn es passieren soll, wird es passieren, wenn nicht, dann nicht. Wenn man zu viele Pläne macht, kann man nur enttäuscht werden. Und, ehrlich gesagt: Ich bin an der Wiener Staatsoper und singe ein wundervolles Repertoire. Höher geht es ja wohl nicht. („That is as high as it can get“.) Alles Weitere, wie gesagt: Schritt für Schritt.

Ihr Kollege Juan Diego Flórez engagiert sich in Peru für die Kinder seines Heimatlandes…

… und ich tue dasselbe für Moldavien, das ein tragisch armes Land ist. Die Organisation, der ich vorstehe, CCF, bemüht sich, Kinder, die man in Heime geschickt hat, wieder zu ihren Familien zurück zu bringen, indem man für finanzielle Unterstützung und Bildung sorgt. Das ist mir sehr, sehr wichtig.

 

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