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Ulrike Ladnar: DAS GEHEIMNIS DER FÜNF FRAUEN

06.03.2015 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

BuchCover Ladnar, 5 Frauen

Ulrike Ladnar: 
DAS GEHEIMNIS DER FÜNF FRAUEN
470 Seiten, Verlag Gmeiner, 2015 

Man schreibt das Jahr 1893, und man findet sich als Leser in den besseren Kreisen von Wien wieder. Am 26. November passiert die Tragödie – die Leiche des angesehenen Privatgelehrten Franz von Sommerau wird in seiner Bibliothek aufgefunden, während seine Schwester Helene Weinberg, die jung verheiratet ist, mit ihren Freundinnen bei einer Art zwanglosem Jour fixe zusammen sitzt: Die Damen  sind Gräfin Sophia von Längenfeld, Friederike von Sternberg, Elisabeth Thalheimer und Maria Kutscher, zusammen die fünf Frauen des Titels.

Im Lauf des Geschehens erfährt man nicht nur ihre Geheimnisse, sondern bekommt auch zu den Morden – es folgen nämlich noch zwei! – die Lösung serviert.

Aber der „Krimi“ ist nur ein Teil dieses Buches, mit dem die Autorin Ulrike Ladnar an ihre Erfolge „Wiener Herzblut“ und „Wiener Vorfrühling“ anschließt, wenn diese Romane auch während des Ersten Weltkriegs spielten. Nun sind wir eine Generation zurück gerutscht, und Ladnar-kundige Leserinnen werden schnell entdecken, dass man den aus den späteren Büchern bekannten Felix von Wiesinger hier noch als jungen Mann kennen lernt, der sich bei der Polizei seine ersten Sporen verdient….

Die Stärke des Buches sind die Porträts der fünf Frauen, die so verschieden sind und mögliche Lebensentwürfe aus der bewegten Zeit der vorigen Jahrhundertwende darbieten.

Sophia von Längenfeld, die kein adelig-hedonistisches Leben führt, sondern sich aktiv in der Frauenbewegung engagiert (Rosa Mayreder oder Adelheid Popp, heute Ikonen, damals Kämpferinnen, kommen am Rande vor).

Helene Weinberg, unglücklich verheiratet mit einem Mann, der den Aufstieg in ihre Kreise durch Unterdrückung der Gattin kompensieren will (eine Welt der starken, selbständigen Frauen sei eine verkehrte, beschwert er sich). Sie zeigt sich sehr kompetent in Bankgeschäften, nachdem der eine Bruder tot und der andere Bruder, Josef von Sommerau, offenbar überfordert ist.

Friederike von Sternberg, die den finanziellen Abstieg ihrer Familie aufzufangen hilft, indem sie ihrem Vater, der als „privater Ermittler“ herabgekommen ist, bei der Arbeit hilft. Ihr Hinterfragen und logisches Denken scheitern auch angesichts des schier unlösbaren Kriminalfalles nicht.

Elisabeth Thalheimer, als Malerin eine echte Künstlerin, die sich in der Welt, wo man Frauen (trotz Ausnahmen wie Tina Blau) nur „Blümchen“ zutraut, hinter Kunstgewerbe versteckt. Dann reüssiert mit ihrer „modernen“, unkonventionellen Art des Malens doch.

Und schließlich Maria Kutscher, die mit ihrem Mann ein Kaffeehaus führt – und an deren Person sich die Vorliebe der Autorin für gutes Essen und ausgefeilte Rezepte auslebt: Manches, das da exakt geschildert wird, könnte man wohl glatt nachbacken wollen…

Die Geheimnisse der fünf Frauen beziehen sich auf Gefühle, wobei diese durchaus nicht nur auf konventioneller Ebene laufen – von dem ermordeten Franz von Sommerau führt ein Handlungsstrang in homosexuelle Kreise, damals noch gesellschaftlich geächtet, und auch eine der Damen darf nicht zugeben, dass ihre Vorliebe eher dem gleichen Geschlecht gilt.

Liebe, Enttäuschung, Abgewiesensein – die Skala der Emotionen wird durchgespielt, ohne klischiert auf die Leser  zuzukommen. Jedenfalls lernt man die fünf Frauen, deren Schicksale sich immer wieder verschränken, sehr gut kennen – und man mag sie alle. Und wünscht sich nur, keine möge die Mörderin sein. Denn so viel kriminalistische Spannung waltet schon, dass jede eigentlich irgendwie auch dafür in Frage käme…

Dennoch haben Männer wichtige Funktionen in dem Buch, nicht nur die Verwandten (die Ehemänner, Brüder, auch ein vorlauter Sohn). Mit dem schon erwähnten jungen Ermittler Felix von Wiesinger, vor allem aber mit dem „Haupthelden“  Karl Winterbauer, der im Gegensatz zu seinem reichen, adeligen Assistenten ein einfacher Bauernsohn ist, stehen zwei interessante Männer immer wieder in Zentrum. Und wenn sich Winterbauer im Kreise der „besseren“ Leute anfangs gar nicht so wohl fühlt – so lernt er sie angesichts der klugen, aber auch hintergründigen und rätselhaften Damen besser kennen und bald auch schätzen. Dazu baut die Autorin auch kulturelle Ereignisse der damaligen Zeit ein, da sitzt nicht nur Peter Altenberg im Café Central, die umstrittene Uraufführung von Arthur Schnitzlers Stück „Das Märchen“ im Dezember 1893 im Deutschen Volkstheater kommt auch vor.

Winterbauer grübelt lange vergeblich über dem ersten Mord, und fast schon scheint es, er müsse ihn zu den Akten legen, als die Geschichte durch den zweiten und dritten Mord (hier wird die Handlung dann geradezu abenteuerlich) gewaltig Fahrt aufnimmt… Und dennoch – es ist nicht der Krimi, der hier an erster Stelle steht, sondern die Geschichte der fünf Frauen und ein lebendiges Porträt des Wien des Fin de Siècle. Ulrike Ladnar ist von ihren Leserinnen nun aufgefordert, die zeitliche Lücke zwischen ihren ersten Büchern und diesem zu schließen!

Renate Wagner

 

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