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ULM/ Theater: DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG. Premiere

Premiere „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Richard Wagner am 4. Juni 2026 im Theater/ULM

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Copyright: Theater Ulm

Ein Kobold gibt den Ton an!

Dies ist Kay Metzgers dritte „Meistersinger“-Inszenierung, denn unter anderem schon 1994 gestaltete er als Co-Regisseur von August Everding dieses Werk am Meininger Theater mit. Lediglich dreimal wurden „Die Meistersinger von Nürnberg“ bisher in Ulm aufgeführt – 1899, 1914 und zuletzt 1926. Die Ausstattung ist diesmal aber anders. Zusammen mit Petra Mollerus (Kostüme: Eva-Maria Weber) hat Metzger die Ästhetik des Ulmer Theaters konsequent aufgegriffen. Der senfgelbe Teppich, der Wechsel von Holzelementen und Beton setzen sich auf der Bühne fort und führen zu einer großen Chortribüne. So hat das Inszenierungsteam hier eine Art Schalltrichter entwickelt, über dem ein Plafond thront. Die zusätzliche Figur des Kobolds bezieht sich auf eine bezeichnende Textstelle im Libretto: „Ein Kobold half wohl da“. Eine gewisse Nähe zu Shakespeares „Sommernachtstraum“ wird ganz bewusst hergestellt.

Im Programmheft ist auch eine Anmerkung von Marcel Reich-Ranicki zu lesen, der bemerkte, dass es viele edle Menschen gegeben habe, aber sie hätten weder den „Tristan“ geschrieben noch die „Meistersinger“. Und Walter Jens führt an, dass die Figur des Beckmesser Richard Wagner wohl selbst betreffe. Die humorvollste Formulierung stammt natürlich von Vicco von Bülow alias Loriot, der konstatiert: „In nur viereinhalb Opernstunden verhilft ein älterer Schuster der modernen Gesangskunst zum Durchbruch und verzichtet auf eine sympathische Blondine. Dies tut er, wenn ich das Finale richtig verstanden habe, für Deutschland“. Alle diese Erkenntnisse baut Kay Metzger in seine originelle, streckenweise hervorragende Inszenierung ein. Und stellt dabei fest, dass bei Richard Wagner nichts unpolitisch ist. Der Psychologe Wagner kommt hier nicht zu kurz, der „dem Volk aufs Maul schaut“. Und für Kay Metzger sagt der Libretto-Text auch: Wenn alles Politische scheitert, dann bleibt die Kunst. Die Erosion des Wir-Gefühls zeigt sich zuletzt auch angesichts historischer Filmaufnahmen. Der Nachtwächter erscheint mit einem Schild, das die Aufschrift trägt „Habt acht! Uns dräuen üble Streich!“ Die Schrecken der NSDAP-Aufmärsche werden angedeutet. Im Hintergrund sieht man auch das Walhalla-Gebäude – und im ersten Akt verblüffen Waldeffekte. Dazwischen erscheint sogar Hitler mit der Wagner-Büste. Aber das wirkt nie geschmacklos oder aufdringlich, sondern besitzt eine feine Ästhetik. Einmal klirren dann Sektgläser und es wird ein Sparschwein gereicht. Im ersten Akt verwandelt sich die Szenerie geheimnisvoll in einen Wald und es kommt eine „Sommernachtsstimmung“ auf. Großartig gelingen die letzten Szenen mit dem großen Chor auf der Festwiese, wo auch monumentale Momente angedeutet werden. Die Beziehung von Hans Sachs zu Eva ist heftig – und trotzdem gelingt es Walther von Stolzing zuletzt, ihr Herz zu gewinnen. Die ironische Szene mit Sixtus Beckmesser besitzt sarkastische Schärfe.

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Foto: Kerstin Schomburg

Felix Bender leitet das Philharmonische Orchester der Stadt Ulm sehr einfühlsam, daduch schimmert die Liebe zum Detail hindurch, die Wagners Werk so einzigartig macht. Das strahlende C-Dur triumphiert hier schon in der Ouvertüre, wo die plastische Klarheit der Themen und die kunstvolle Polyphonie des Stimmgewebes hervorblitzen. Dies überträgt sich in überzeugender Weise auf die Sängerinnen und Sänger, die allesamt faszinierende Charakterporträts liefern. Endlose Kantilenen beherrschen die leidenschaftliche Gefühlswelt von Eva und Walther, die von Maryna Zubko und Markus Francke mit einem durchaus schwärmerischen Unterton verkörpert werden. Die anschwellenden Nonenakkorde prägen sich hier tief ein. Nicht weniger fulminant gestaltet Dae-Hee Shin seine Partie des Hans Sachs, der seine letztendliche Niederlage auch gesanglich in ergreifender Weise verdeutlicht. Ausgezeichnet ist ferner Joachim Goltz als Sixtus Beckmesser, der den ironischen Unterton sehr gut trifft. In weiteren Rollen fesseln Guido Jentjens als Veit Pogner, Hans-Günther Dotzauer als Kunz Vogelgesang, Young-Jun Ha als Konrad Nachtigall, Martin Gäbler als Fritz Kothner, Girard Rhoden als Balthasar Zorn, Hector Angel Garcia Blasco als Ulrich Eisslinger, Thomas Schön als Augustin Moser , J. Emanuel Pichler als Hermann Ortel, Michael Burow-Geier als Hans Schwarz und Cornelius Burger als Hans Foltz. Felix Bender lässt die kontrapunktische Meisterschaft Wagners hier immer wieder aufblitzen, vergisst nie den Gesamtzusammenhang in der Partitur bis zu den Assoziationen zu Johann Sebastian Bach. Und auch die kleinen Partien sind sehr ausdrucksstark besetzt. Joshua Spink als Sachsens Lehrbube, I-Chiao Shih als Evas Amme Magdalene, Cornelius Burger als Nachwächter sowie die markanten Lehrbuben Takao Aoyagi Franziska Bader, Alyce Daubenspeck, Jonas Häusler, Wook Kang, Zihao Liu, Elias Meder,  Robert Tilson, Melis Vlahovic und Maria Wester präsentieren allesamt famose Leistungen. Gaetan Chailly als grotesker Kobold mischt die Szene in erfrischender Weise auf und hält das dramaturgische Konzept in kluger Weise zusammen. Auch wenn er manchmal sogar zu oft in Erscheinung tritt, mindert dies die Wirkung nicht.

Opernchor und Extrachor des Theaters Ulm bieten an diesem Abend eine exzellente Leistung. Und auch der Motettenchor der Münsterkantorei unter der Leitung von Friedemann Johannes Wieland beschwört den wunderbaren Geist der Polyphonie in bemerkenswerter Weise. Die Klänge scheinen sich hier aus einem starren Korsett zu befreien – und im Laufe dieses bemerkenswerten Abends kommt der musikalische Fluss immer stärker und erfrischender in Bewegung! Harmonische und melodische Kadenzen werden prägnant angedeutet – und der Charakter der symphonischen Viersätzigkeit verliert nie seine klare Form und Struktur. Das Nachtwächterhorn aus der Ferne klingt dabei geradezu poetisch – und die Walther-Eva-Szene wird im zweiten Akt von Poesie und Liebe beherrscht. Der Fliedermonolog in G-Dur, die vom Handwerkertum durchsetzte Luft der schlummernden Stadt und der tolle Spuk der Johannisnacht (wo „der Glühwurm sein Weibchen nicht findet“) entwickeln sich (vom Nachtwächterlied umrahmt) zu einem betörenden Klangkosmos. Gewaltige Wirkung erzielt die berühmte „Prügelfuge“, wobei man die Heftigkeit des Ausbruchs sogar noch steigern könnte! Sehr präzis zeigt sich auch das Wahnmotiv, das sich zum ersten Mal als Kontrapunkt zur dritten Strophe des Schusterliedes und in einem Nachspiel zeigt („Mich schmerzt das Lied“). Dae-Hee Shin gestaltet den berühmten Wahnmonolog des Hans Sachs mit nie nachlassender Ausdruckskraft und Emphase – und die Wandlung von F-Dur nach d-Moll vollzieht sich hier mit  erstaunlichem Klangfarbenreichtum. Zuletzt verkettet sich das Wahnmotiv im dritten Aufzug trugschlussartig in den letzten Aushall des Preisliedes – und der Jubelchor brilliert mit ausgefeilter Darstellung der Kunstmotivsteigerungen. Neben den ausgeprägten Wellenlinien und der hervorstechenden Diatonik zeigt Felix Bender dieses Werk durchaus als „Stahlbad in C-Dur“, wie Hans Richter die „Meistersinger“ nannte.

Jubel, Ovationen und großer Applaus. 

Alexandere Walther                   

 

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