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TSINANDALI (Georgien): TSINANDALI INTERNATIONAL MUSIC FESTIVAL

TSINANDALI (Georgien): TSINANDALI INTERNATIONAL MUSIC FESTIVAL

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Copyright: Tisandali-Festival

vom 8.-19. September 2021

Tsinandali ist ein eigentlich nur auf der Landkarte existierendes Nest, zwei Stunden von der Hauptstadt Tiflis entfernt. Bedeutung erhielt es nur durch die Tatsache, dass der georgische Prinz Alexander Chavchavadze (1786 – 1846) dort ein riesiges Landgut errichten liess. Auf dem er nicht nur Wein anbaute, sondern auch als einer der ersten in Flaschen füllen liess. Und auf dem er nicht nur selbst dichtete, sondern auch anderen Dichtern einen Salon bot. So waren z.B. Alexandre Dumas,Michail Lermontow und Alexander Puschkin bei ihm zu Gast.

Nach der Annexion Georgiens wurde Tsinandali zur Sommerresidenz der Zaren, nach der Ermordung Nicholas II. durch die Bolschewiken und während der jahrzehntelangen kommunistischen Herrschaft verfiel es naturgemäß zusehends.

Als David Sakvarelidze, damals Direktor der Tifliser Oper, das Landgut nach der demokratischen Revolution das erste Mal besuchte, fand er eigentlich nur Ruinen vor. Stur wie er ist, setzte er sich aber in den Kopf, diesen geschichtsträchtigen Ort wieder zu einem kulturellen Treffpunkt werden zu lassen. Und er fand einen entscheidenden Verbündeten: George Ramishvili, den kunstsinnigen Vorsitzenden des Silk Road Group Konzerns. Mit dessen Unterstützung wurden auf den Überresten der ehemaligen Weinlagerhallen ein großes Freiluftauditorium errichtet und ein von Radisson geführtes, sich der Umgebung total anpassendes 5-Stern-Hotel.

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Das Freiluftauditorium. Copyright: Tisandali-Festival

Soweit zur Hardware. Was die Software betrifft, holten sich David & George tätige Hilfe von den beiden Gründern des legendären Verbier-Festivals in der Westschweiz, Avi Shoshani und Martin Engstroem, die die erfolgreiche Formel Meistersolisten + geniale Jungtalente, und das Ganze in der „freien“ Natur, sozusagen erfunden haben.

Und so begab es sich, dass ein Wunder geschah und in diesem gottverlassenen Nest in the middle of nowhere seither ein international renommiertes Musikfestival der Sonderklasse stattfindet, heuer nach der pandemiebedingten Zwangspause bereits zum dritten Mal.

Ausgezeichnete Musiker kann man auf der ganzen Welt hören…warum sollte man deswegen in ein nicht gerade bequem erreichbares Dorf im Kaukasus (den man von hier aus sehr schön sieht) fahren ? Das Besondere, ja das Einzigartige an diesem magischen Ort ist, dass sich Zuschauer und Künstler hier für die Dauer des Festivals sozusagen gezwungenermaßen in einem Luxus-Sommercamp befinden. Es gibt nur zwei Hotels, und ausserhalb davon gibt’s gar nix, nicht einmal ein Restaurant.

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Mischa Maisky. Copyright: Tisandali-Festival

Man kommt also einander nicht aus. Man nickt Mischa Maisky beim Frühstück zu, luncht am Nebentisch von Vadim Repin und tafelt abends gemeinsam mit Thomas Hampson. Das alles nahezu beiläufig und wie selbstverständlich, ohne Kontaktscheu, aber auch ohne Zwangsverbrüderung.

Dazwischen erlebt man dieselben Künstler bei den zwei täglichen Konzerten: eins zu Mittag und eins am frühen Abend…Und wo gibt es denn sonst auf der Welt s o eine Mischung (selbst beim Mutterfestival in Verbier ist alles doch viel weitläufiger, viel zerstreuter…)? Nirgends !

Obwohl das Festival heuer C-Wort-bedingt auf Sparflamme lief (weniger Veranstaltungen, weniger Fassungsvermögen), stellten die Organisatoren doch wieder ein absolut beeindruckendes „line-up“

auf die Beine. Zu Gast im musikalischen Sommercamp waren u.a. Pinchas Zuckerman, András Schiff, Christoph Eschenbach, Yefim Bronfman, Thomas Quasthoff, Lisa Batiashvili, Gianandrea Noseda und und und…

Die drei Konzerte, die uns am meisten beeindruckt haben, waren: Mischa Maiskys Bachs Solo-Cello- Sonaten (er scheint in diesem seinem Stammrepertoire immer noch konzentrierter, vergeistigter, traumwandlerischer zu werden), Tschaikowskys seltenst gespieltes Piano Trio op.50 in der Interpretation von Maisky, Sergei Redkin und Vadim Repin (ein ungeheuerliches, völlig ungewöhnlich mit einem leisen Trauermarsch ausklingendes Werk) sowie der Liederabend von Thomas Hampson (am Klavier: Elena Bashkirova).

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Elena Bashkirova, Thomas Hampson. Copyright: Tisandali-Festival

Hampson ist ein absolutes Phänomen. Anstatt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen und in der georgischen Kulturwüste einfach, ohne sich besonders anzustrengen, ein Medley seiner „Greatest Hits“ zum Besten zu geben, hat er für Tsinandali ein völlig neues Programm zusammengestellt mit Liedern von Antonin Dvorak und Franz Liszt, die nicht einmal die anwesenden Klassikkoryphäen je gehört hatten…Verdienstvoll und mutig ! Außerdem hat Hampson, der ja nicht mehr der Allerjüngste ist, noch immer die absolute Kontrolle über seine samtige Stimme. Er ist auf dem besten Weg, der Alfredo Kraus unter den Baritonen zu werden…Chapeau !

Fürs nächste Jahr wünscht sich David Sakvarelidze, dass seine Herzenskreatur, das Pankaukasische Orchester, in dem Jungtalente aus den mehrfach miteinander verfeindeten Nachbarstaaten Armenien, Aserbeidschan, Nordossetien, Türkei, Ukraine, Russland und Kasachstan friedlich und fröhlich miteinander musizieren, wieder beim Festival auftreten kann. Wir halten ihm und allen mit ihm verbündeten tsinandalischen Visionären dafür ganz fest die Daumen…

Robert Quitta, Tsinandali

 

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