6.3. 2026 in Triest/Teatro Verdi: IL TROVATORE
Ein Festival der lauten Stimmen
Für jeden nördlich der Dolomiten beheimateten Opernliebhaber eine rare Freude: Man bucht Troubadour, man bekommt Troubadour: Der Regisseur Louis Désiré stellt mit Hilfe seines Bühnen- und Kostümbildners Diego Méndez Casariego eine dunkel-düstere Szenerie auf die Bühne, im Hintergrund fallweise geschnittenes Dickicht, einzig Azucena ist die Farbe rot – wohl symbolisierend Rache und Feuer – zugeordnet. Einfach und eingängig. Angenehm und erfreulich. Eindrückliche Bilder. Wenige Symbole genügen. Auch die Idee, Luna immer mit seinem aus einigen adrett aussehenden jungen Männern bestehenden Gefolge zu umgeben, geht auf. Kein doppelter Boden, keine Pseudo-Psychologisierung, kein „Hinein-geheimnissen“, ob die Geschichte vielleicht doch noch eine zweite Ebene hat und ob und inwieweit die beiden Brüder durch das Agieren ihrer Altvorderen vielleicht traumatisiert wurden, sondern schlicht das Erzählen einer völlig verworrenen, geradezu absurden Geschichte, die von Verdi mit Melodien für die Ewigkeit beschenkt wurde. So lag der Fokus völlig auf den Stimmen und musikalischen Interpretationen. So und nicht anders geht das.
Jordi Bernàcer, Spanier mit vielen internationalen Engagements, fehlt es bei seinem Dirigat an dem für den mittleren Verdi notwendigen Impetus, das große Ganze ist kein Ziel, der Abend zerfällt ist Stückwerk, die Tempi sind zudem immer eine Spur zu langsam, das auf der Bühne so klar zur Darstellung gebrachte Feuer fehlt. Chor und Orchester agieren hingegen tadellos.
Als Manrico gibt Yusif Eyvazov sein Hausdebut. Über seine nicht eben honiggleiche Stimmfärbung und seine nicht vorhandene Fähigkeit, Piani zu singen, ist schon viel geschrieben worden. Allerdings konnte er sein in früheren Zeiten allzu vibratoreiches Organ insofern zügeln, als sein Gesang zwar nach wie vor kein einschmeichelnder Wohlklang ist, allerdings den Anforderungen, die Verdi seiner Titelfigur in die Kehle gelegt hat, durchaus genügt. Nach wie vor ist Subtilität seine Sache nicht, auch differenzierte musikalische Gestaltung ist ihm fremd, es ist allerdings ohnehin die Stretta, auf die das wunschkonzertgestählte Publikum wartet, und dieses wird dabei nicht enttäuscht: Mit einer Verve, die fast an Franco Bonisolli gemahnt, wirft er sich in den Schlachtruf und hält das finale „All’armi“ zur Zufriedenheit der Zuschauerschaft lang und länger, nicht ohne sich dabei mit einem mannshohen Holzstock bewaffnet in die von allen erwartete Kampfespose zu begeben. Der guten Ordnung halber muss an dieser Stelle auch gesagt werden, dass er ebenso eine durchaus beeindruckende Schlussszene gestaltet, in der er (fast) mit Innigkeit punkten kann. Ein großer Erfolg für ihn, der sich jetzt ohne seine Superstarexgattin in der Szene weiter zu etablieren hat.
An seiner Seite Anna Pirozzi, eine der wenigen wirklich dramatischen Sopranistinnen unserer Tage, eine hervorragende Lady Macbeth, eine ausgezeichnete Abigaille, der Leonora schon etwas entwachsen. Dort, wo Attacke gefragt ist, kommt sie, dort, wo subtilere Töne angesagt wären, wie in der Szene vor dem Kloster, wartet man auf diese vergeblich, die große Szene und Arie samt Cabaletta im vierten Akt, die einer Sopranistin an Ausdrucksamplitude alles abverlangt, gestaltet sie eindrücklich, nur hin und wieder entgleitet der oder andere scharfe Ton ihrer ansonsten mit einer äußerst wohlklingenden Stimme gesegneten Kehle. Auch sie gestaltet mit viel mezza voce eine herzzerreißende Schlussszene.
Der junge koreanische Bariton Youngjun Park, Operalia-Preisträger 2022, ist mehr als ein Versprechen. Seine kernige, feste Stimmfärbung, sein wohl klingendes, eher dramatisches Timbre prädestiniert ihn für die großen Verdi-Baritonrollen wie Amonasro oder Rigoletto. Eindrücklich in Ausdruck und Auftreten zieht er bei all seinen Szenen mit mächtigem Bariton die Gunst des Publikums, nicht allerdings die seiner Angebeteten auf sich. Auch er ist kein Ritter der subtilen Töne, an einer differenzierten musikalischen Ausgestaltung wäre noch zu arbeiten.
Aus ganz einem anderen musikalischen Holz ist Rollendebutantin Daniela Barcellona, Triestinerin, geschnitzt: In den letzten Jahrzehnten war sie eine der führenden Belcantointerpretinnen, zuletzt überzeugte sie mit einer großartigen Isabella in Pesaro und wagte sich Anfang des Jahres an die Brangäne – ein wahrlich breites Spektrum! Ihre Azucena fällt im Vergleich zu ihren Mitstreitern auf der Bühne vergleichsweise lyrisch aus, obwohl sie es – wohl aufgrund ihrer blendenden Technik – versteht, ihre Stimme insbesondere in der tiefen Lage zu verbreitern. Die Spitzentöne gelingen unfallfrei, die darstellerische Gestaltung der wohl interessantesten Rolle des angelegten dramaturgischen Desasters ist mehr als überzeugend, auch sie findet in der Schlussszene ihre besten Momente.
Ebenso aus dem Belcantogesang stammt Carlo Lepore: Ihm gelingt der Spagat zu Verdi als Ferrando nicht so überzeugend wie Barcellona, die ihm zugemessenen Kantilenen klingen häufig hart und forciert.
Großer enthusiastischer Schlussapplaus, die Darsteller wurden zu Recht für ihr Engagement und Temperament gefeiert: Italienische Oper in einem italienischen Opernhaus auf (fast) allerhöchstem Niveau!
Sabine Längle

