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TOULON / Opéra: Leonard Bernstein WONDERFUL TOWN Erstaufführung in Frankreich

04.02.2018 | KRITIKEN, Operette/Musical
Dinner for five: Fünf halbe Portionen auf einem Bügelbrett (von li.: Bertrand, Salvie, Lohen de Toledo, Roy) Foto: Olivier Pastor

Dinner for five: Fünf halbe Portionen auf einem Bügelbrett (von li.: Bertrand, Salvia, Cohen, de Toledo, Roy) Foto: Olivier Pastor

TOULON : Opéra de Toulon
„WONDERFUL TOWN“ von Leonard Bernstein
26. Jänner 2018

 

Auftakt des Bernstein-Jubiläums mit einem in Frankreich noch nie gespielten Musical

Musicals haben einen schweren Stand in Frankreich. Das hat wahrscheinlich erst einmal mit der ausgeprägten Operettenkultur zu tun und mit der Tatsache, dass die meisten Franzosen kein Englisch sprechen. Doch ein Jubiläum bietet neue Möglichkeiten und der Direktor der Opéra de Toulon Claude-Henri Bonnet zeigt eine feine Nase für selten gespielte Werke. Einerseits ist er Koproduzent der Wiederentdeckung der Vaudeville-opérette „Mam’zelle Nitouche“ von Hervé, andererseits introduziert er schon seit Jahren Musicals, die noch nie in Frankreich gespielt wurden – wie 2010 „Street Scene“ von Kurt Weill und 2013 „Follies“ von Stephen Sondheim. Nun also „Wonderful Town“ (1953) von Leonard Bernstein (1918-1990). Denn nebst dem bekannten „West Side Story“ (1957) – allgemein als sein Meisterwerk angesehen – komponierte Bernstein noch drei Symphonien, drei Ballette und sieben Musicals, darunter „On the Town“ (1944) und „Wonderful Town“ (1953). Während „On the Town“ schon 2008 im Châtelet in Paris gezeigt wurde (das zur Zeit wegen großer Renovierungsarbeiten geschlossen ist), wird „Wonderful Town“ nun zum ersten Mal in Frankreich gespielt. Die deutschsprachige Uraufführung fand 1956 an der Volksoper in Wien statt, die das Werk bald wieder ansetzen will – in Koproduktion mit dem neuen Operettentheater in Dresden, wo es letztes Jahr zu sehen war.

Die „wunderbare Stadt“ ist natürlich New York, in der zwei Schwestern aus Ohio, die braunhaarige Ruth und die blonde Eileen, ihr Glück versuchen (das Libretto von Jerome Chodorov und Joseph Fields fußt auf der autobiografischen Novelle aus 1940 „My Sister Eileen“ von Ruth McKenny). Die beiden „Gänse vom Land“ werden mit dem bunten Treiben auf Christopher Street konfrontiert, wo die meist schrillen Figuren wörtlich „vorübertanzen“ (zehn Tanzeinlagen: gute 40 min. reiner Tanz!). Kaum angekommen, sehnen sie sich schon zurück nach dem überschaubaren Ohio (der berühmte Song „Why Ohio“) und wagen dann doch „das große Abenteuer“. Regisseur Oliver Bénézech, der in Toulon schon die französischen Erstaufführungen von „Follies“ und „Street Scene“ inszeniert hat, sorgt mit sicherer Hand dafür, dass der Abend nie langweilig wird. Frédéric Olivier entwarf 250 fantasievolle und farbenfrohe Kostüme in den weniger überraschenden Bühnenbildern von Luc Londiveau mit den (inzwischen schon fast obligaten) Videos von Gilles Papain.

Als Ruth Sherwood tritt Jasmine Roy auf, ursprünglich Kanadierin, die vor zehn Jahren eine der ersten „Variété“-Klassen an einem französischen Musikkonservatorium eröffnet hat. Mit viel Bühnenerfahrung kann sie die Hauptrolle vortrefflich spielen und sich in den verrückten Conga-Tänzen durch die Tänzer in die Luft werfen lassen ohne dabei mit der Wimper zu zucken. Ihr großer Song „One hundred easy ways to loose a man“ ist perfekt gespielt, doch für Merker-Ohren bleibt ihre Stimme recht „schmal“ (wenn man die Einspielung von Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern im Ohr hat). Rafaëlle Cohen hatte dagegen in „A little bit in love“ ihren hellen Sopran vollkommen im Griff und war (für uns) die beste Sängerin des Abends. Sie zeigte großes Vergnügen in ihrer Rolle als Ruths blonde Schwester Eileen, der alle Herzen zuflogen – auf der Bühne und im Saal. In der wichtigen Rolle des Verlegers Bob Baker (der erste Mann, der sich – endlich – in Ruth verliebt) erschien der bildschöne Maxime de Toledo, der auch noch eine angenehme, angeborene Vornehmheit mitbrachte. Doch als Schauspieler und vor allem als Sänger gab es noch reichlich viel „Luft nach oben“ – da war er vor einigen Jahren in Paris um einiges überzeugender als Basil in „The Picture of Dorian Gray“. Nicht alle guten Schauspieler sind auch gute Sänger…

In den Nebenrollen, die keine längeren Songs zu bewältigen hatten, war das kein Problem. Thomas Boutilier sang & spielte einen überaus sympathischen Wreck und bewies bei „Pass the football“ dass Rugbyspieler auch makellos Hemden bügeln können. Kein Wunder, dass Helen (Dalila Constantin) sich in ihn verliebt und ihre Mutter (die urkomische Alyssa Landry) ihn schließlich als Schwiegersohn haben will. Damit es so weit kommen kann, muss erst eines der scheußlichen Gemälde aus der „grün-blauen Periode“ des Malers Appopolous ins Pfandhaus gebracht werden (Jacques Verzier mit einem Schnurrbart, auf den Salvador Dali eifersüchtig wäre), um die rosa Cocktails des Frank Lippencott bezahlen zu können (hervorragend Sinan Bertrand), damit die beiden Schwestern die „neue Nummer“ in der Village Vortex-Bar des Speedy Valenti (Scott Emerson mit riesiger Zigarre) werden können. Dort wurde zum Finale wirklich fantastisch getanzt. Riesiges Lob für die zwölf Tänzer und den französischen Musical-erfahrenen Choreographen Johan Nus – das hatte wirklich Broadway-Niveau! Vom Broadway kam der Star des Abends, Larry Blank, der dem Orchestre et Choeur de l’Opéra de Toulon einen „Swing“ entlockte, den wir nie in Toulon vermutet hätten. Leonard Bernstein hätte sich sicher gefreut.

Schlussbild: Die beiden Schwestern aus Ohio werden Stars in New York: Die blonde Eileen (Rafaella Cohen) und die brünette Ruth (Jasmine Roy) Foto: Olivier Pastor

Schlussbild: Die beiden Schwestern aus Ohio werden Stars in New York: Die blonde Eileen (Rafaella Cohen) und die brünette Ruth (Jasmine Roy) Foto: Olivier Pastor

Leider gibt es nur drei Aufführungen (aber dafür wohl eine Fernsehaufzeichnung und später ein DVD) und leider ist dies auch – zumindest beim heutigen Stand der Informationen – die einzige szenische Aufführung eines Bersteinmusicals 2018 in Frankreich. Hier haben Musicals (noch) einen schlechten Stand – zum Glück werden sie andernorts mehr gespielt!

Waldemar Kamer
OnlineMERKER-Paris