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Thrakien Sunday Morning Sessions

08.12.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

Thrakien

Thrakien Sunday Morning Sessions
Jean-Guihen Queyras

harmonia mundi CD

Treffpunkt der Zeiten – Freundschaft, Brücken und Passagen

Sonntag: Man trifft sich mit Freunden zu Entdeckungsfahrten, bei Musikern zum Improvisieren und Schöpfen aus der Geschichte für ganz und gar im Augenblick geronnene Musik. Ganz besonders spannend ist das Ergebnis, wenn sich ein in Montreal geborener südfranzösischer Cellist, Jean-Guihen Queyras, und zwei iranstämmige in Marseille lebende Musiker wie Bijan (Tombak oder Zarb=Kelchtrommel als wichtigstes Schlaginstrument der iranischen Kunstmusik) und Keyvan Chemirani (Daf=Rahmentrommel), die ihre Kindheit gemeinsam in Forcalquier in der Haute Provence verbracht haben, zu so einer Session treffen. Bei dieser musikalischen Zeitreise durch Thrakien (einer Gegend, die sich über Teile der heutigen Türkei, Bulgariens und des heutigen Griechenlands erstreckte) ins aktuelle – auch klassische – Musikleben darf auch der Grieche Sokratis Sinopoulos mit seiner Lyra nicht fehlen.

Queyras, der beim Ensmeble InterContemporain spielte und enge Bande zu Pierre Boulez unterhielt, ließ sich von der unendlichen Vielseitigkeit der Quellen, aus der die zeitgenössische Musik schöpft, und besonders den nicht temperierten Skalen und unregelmäßigen Rhythmen der orientalischen Musik inspirieren. Die Kultur der Thraker, die im 3. und 2. Jahrhundert vor Christus zur Blüte kam, sieht Queyras als diejenige eines Volkes der Entdecker, Forscher, offen für gegenseitige Befruchtungen mit vielen anderen Kulturen.

Das abwechslungsreiche anspruchsvolle Programm der vier Instrumentalisten erstreckt sich von anonymen Stücken aus der Zeit Thrakiens bis hin zu der Sacher Variation von Witold Lutoslawski oder der Ètude digitale von Jörg Widmann. Aber auch rhythmisch komplexe Stücke des auf Kreta lebenden irischen Musikers Ross Daly oder des Franzosen Frank Leriche sind leuchtenden Stationen in Erinnerung an den Weg vom  Hellenismus in den Orient und wieder zurück. Fünf-, zehn- oder sechzehntaktige Vorgaben  laden zu Improvisationen im Geiste der Levante und freiem Kadenzieren. Wunderschöne traditionelle sinnliche arabische Melodien wie die „Visite nocturne“ vom Cello und Tombak gespielt, folgen Instrumentalbearbeitungen eines Hochzeitslieds aus Griechenland und eine große Improvisation im Siebteltakt mit dem Titel „Die imperiale Hand“ durch Bijan und Keyvan Chemirani. 

Die Étude digitale, die Jörg Widmann zu Ehren des 90. Geburtstages von Boulez komponiert hat, wurde im Rahmen der Rencontres Musicales de Haute-Provence im Juli 2015 uraufgeführt, eine Erkundung der Pizzicato-Techniken auf dem Cello. Tänze wie der Hasapiko, Karsilama bzw. ein beliebter Volkstanz aus Thrakien in 7/8 asymmetrischen Rhythmen beschließen ein Album voller Zauber und kultureller Konnotationen, die ganz spielerisch und lustvoll musiziert erstehen. „Hier kreuzen sich zeitgenössische Explorationen, Improvisationen und Mittelmeer Tradition in einem einzigen gewaltigen Atemzug. Unwiderstehlich!“ Besser kann man die Hörerfahrung nicht auf den Punkt bringen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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