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THOMAS EBENSTEIN: Wenn man mit dem Komponisten telefonieren kann…

04.12.2018 | INTERVIEWS, Sänger

 
Foto Website / Julia Wesely

THOMAS EBENSTEIN

Wenn man mit dem Komponisten telefonieren kann…

Thomas Ebenstein war an der Wiener Staatsoper der großartige Caliban in „Der Sturm“ von Thomas Adès, der faszinierende Robespierre in „Dantons Tod“ von Gottfried von Einem, er kreiert derzeit die Rolle des Edgar in „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud, und er wird in dieser Spielzeit noch der Menelaos im „Orest“ des Manfred Trojahn sein. Ein Charaktertenor als Spezialist für die Moderne – und ein Künstler, der mit Hinblick auf sein Vorbild Heinz Zednik an Mime und Loge denkt…

Das Gespräch führte Renate Wagner

Herr Ebenstein, in „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud gibt es im Libretto von Durs Grünbein zwei Paare, Lea und Peter sowie Edgar und Kitty. Sie sind Edgar – welche Funktion hat diese Figur?

Die Konstellation mit zwei Paaren erinnert ein wenig an die „Zauberflöte“, wo es auch ein „hohes Paar“ und ein „niederes Paar“ gibt. Die Rollen, die Andrea Carroll und ich verkörpern, bilden das niedere Paar. Sie sind fast gleichwertige Hauptrollen, fehlen nur in Prolog und Epilog, machen aber sonst die ganze Reise „am Fluß“ mit und sind für das Geschehen sehr wichtig. Edgar, der Selfmademan, ist wahrscheinlich ein Internet-Millionär, und kehrt für die Hochzeit mit seiner Braut Kitty in das Dorf zurück, aus dem er und sein Schulfreund Peter stammen und wo der Komponist Krachmeyer vermutlich ihr Musiklehrer war. Kitty ist eine Fremde, vielleicht eine Osteuropäerin. Die Beziehung funktioniert in punkto Sex hervorragend, sonst haben sie sich wenig zu sagen. Wenn es später zu einem „Dreier“ mit Peter kommt, scheint es, als ob Edgar seit seiner Jugend in den Freund verliebt war…

Sie haben viele „neue“ Opern gesungen, aber eine Uraufführung, wo man eine Figur „vorbildlos“ neu schafft, ist doch etwas ganz anderes?

Vor allem, weil es eine ungewöhnliche Erfahrung ist, wenn man beim Rollenstudium mit dem Komponisten telefonieren kann und ihm sagen, wo man sich als Sänger schwertut. Seltsamerweise lieben es zeitgenössische Komponisten, die Stimmen in höchste Höhen zu treiben – ich habe nicht nur mehrere hohe „C“s zu singen, es sind auch zwei „Es“ gefordert, andere Rollen gehen bis zum „G“.  Johannes Maria Staud hat einige Stellen auf meinen Wunsch hin angepasst – allerdings hat er mich bei anderen  Stellen davon überzeugt, sie im Original zu singen. Jedenfalls kann man sich ein wenig als „Mitgestalter“ der Rolle fühlen – anders als beim Caliban im „Sturm“, der ja bei der Premierenserie in Wien schon in London und New York gespielt worden war. Im Ganzen ist Edgar jedenfalls ein unglaublich interessanter Charakter, sehr heutig in seiner großkotzigen Art zu glauben, alles – auch Menschen – kaufen zu können, aber überfordert, wenn er mit echten Problemen konfrontiert ist. Im Angesicht des Todes wird er dann schon mal kleinlaut und ängstlich…

Hat man das Gefühl, dass einen eine solche Herausforderung weiter bringt?

Unbedingt. Es ist schön, dass man bei einem solchen kreativen Prozess dabei sein kann und darf. Man entwickelt sich ja, nicht nur stimmlich sondern auch persönlich. Es gibt nichts Spannenderes als dort zu wandern, wo der Pfad noch nicht ausgetreten ist.

Der Alltag in der Staatsoper ist ja nicht so spektakulär und spannend, wenn er sich, grob gesprochen, zwischen Valzacchi und Monostatos bewegt?

Der Monostatos war meine erste Premiere hier in Wien. Diese Uraufführung ist nun die achte Premiere. Da wird einem nicht langweilig. Nach meiner Anfängerzeit an der Komischen Oper Berlin war es eine ganz bewusste Entscheidung, 2012 an die Staatsoper zu kommen. Ich hatte ja das ungeheure Glück, gleich nach meinem Studium an die Komische Oper engagiert zu werden. Ich kann sagen, Berlin war meine „Provinz“, und die beste, die ich mir nur wünschen konnte. Ich habe an diesem Haus alles gelernt, was ein junger Sänger wissen muss. Nicht nur, dass es dort luxuriöse Probenbedingungen gab – drei Wochen für jede Wiederaufnahme und für Premieren mindestens eine Woche länger als allgemein üblich. Es war auch noch die Welt des Harry Kupfer, aus der das Haus kam. In diesem Umfeld konnten sich die Regieassistenten auch noch einmal ausgiebig Zeit für uns junge Sänger nehmen, um ihnen etwas über die Spielpraxis beizubringen. Ich konnte auch noch in einigen der großen Kupfer-Inszenierungen singen, bevor sie ausgetauscht wurden. Dort habe ich ein Repertoire gesungen, das vom auch lyrischen Mozart wie Ottavio bis zum David in den „Meistersingern“ reichte.

Warum dann Wien, wenn man hier im Repertoire meist für „Nebenrollen“ eingesetzt wird?

Also bekanntlich zeigt sich das Niveau eines Hauses ja auch daran, wie gut die kleineren Rollen besetzt sind, und ich singe sehr gerne den Valzacchi inmitten einer hochkarätig besetzten „Rosenkavalier“-Aufführung…  Tatsächlich kam der „Ruf“ aus Wien, was für einen Österreicher – ich bin gebürtiger Kärntner – eine besondere Ehre und Auszeichnung bedeutet. Man lud mich zum Vorsingen ein, als mein Fach frei wurde, und jetzt bin ich seit sechs Jahren hier am Haus, mit vielen mittleren Partien, einigen größeren und, wie jetzt, den Herausforderungen dieser Uraufführung. Man muss sich als Künstler überlegen, was und wo man hin will. Ich möchte die Möglichkeit haben, meine Stärken auszuspielen und auszuloten, was meine Stimme und Ausdruckskraft vermögen.

Es fällt auf, dass Sie auch öfter an anderen Häusern zu hören sind – etwa als Pedrillo, Jacquino und Rheingold/Mime in Hamburg, dass Sie in München gastiert haben… also über Wien hinausblicken.

Ja, ich bin darüber sehr dankbar. Es gibt nun etwas mehr Freiheit zu gastieren, und nächste Saison darf ich an der Metropolitan Opera in New York singen, das bedeutet mir viel, und Hamburg ist für mich besonders wichtig. Es ist derzeit vieles in Planung, auch in Wien soll es für mich nächstes Jahr wieder eine Premiere geben.

Denken Sie an eine Erweiterung des Fachs in Richtung Wagner?

Ja, natürlich. Ich habe auch schon ein paar Wagner-Partien gesungen. Für den nächsten Wiener „Ring“ bin ich als Cover sowohl für den Loge wie den Mime eingesetzt. Mein großes Vorbild ist diesbezüglich Heinz Zednik, den ich sehr bewundere, mit dem ich befreundet bin und den ich immer wieder fragen kann: „Wie hast Du das gemacht?“ Im Grunde möchte ich es halten wie er – an guten Häusern zu gastieren und immer einen Fuß in der Wiener Staatsoper zu behalten.

Dazu wünschen wir Ihnen sehr viel Glück, vielen Dank für das Gespräch.

 

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