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Theresa Prammer: LOCKVOGEL

01.04.2021 | buch, CD/DVD/BUCH/Apps

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Theresa Prammer
LOCKVOGEL
Kriminalroman
376 Seiten, Haymon Verlag, 2021

Mit einer Party beginnt’s, und natürlich geht gleich etwas schief – eine Leiche, die nicht natürlich zu Tode gekommen ist. Veranstaltet hat das Fest ein berühmter Fernsehregisseur. Man ist im „Milieu“ der Theater- und Filmmenschen, und Autorin Theresia Prammer ist schließlich auch Schauspielerin, sie kennt sich da aus.

Sehr geschickt knüpft sie daraufhin eine Schicksalsgemeinschaft, die hochgradig krimi-tauglich ist: Hier die junge Schauspielschülerin Toni Lorenz, der ihr Freund Felix samt dem Geld und dem Schmuck ihrer Großmutter abhanden gekommen ist. Dort Edgar Brehm, homosexueller Ex-Polizist, jetzt Privatdetektiv und ein körperliches und seelisches Wrack (was sich im Lauf der Ereignisse glücklicherweise bessert). Toni kann ihn für die Suche nach Felix nicht bezahlen, aber sie bietet sich als Recherche-Assistentin an, als er von der Gattin des Regisseurs beauftragt wird, Belästigungs-Anschuldigungen gegen diesen zu untersuchen. #metoo ist das Thema der Stunde, und dass in einem Roman von heute die Sozialen Medien voll mitspielen, ist auch klar. Und ebenso, dass die Geschichte dann mit dem Mord auf der Party zusammen trifft…

Es ist nicht alles glaubhaft, was Toni und Edgar (das ihn bedrückende „Geheimnis“ um seinen Expartner löst die Autorin erst ganz am Ende auf) so alles erleben, aber man liest es unglaublich gern. Man lernt die Figuren, psychologisch überzeugend gepinselt, ganz nahe kennen, und rund um den beschuldigten und dabei so charmanten Regisseur, die eifersüchtige Gattin, die halbwüchsige Tochter, der unentbehrliche Assistent, die schöne Hauptdarstellerin und viele andere strickt sich ein so dichtes Beziehungsnetz, dass Toni gar nicht dazu kommt, ihre Unterrichtsstunden in der Schauspielschule zu besuchen, was ihr ebenso Probleme bereitet wie die Tatsache, dass sie das Seniorenheim der ungemein sympathischen, unsentimentalen Oma am Ende nicht mehr bezahlen kann. Glücklicherweise hält man sie für zu vernünftig, dem betrügerischen Exfreund noch einmal reinzufallen, als er scheinbar reuig wieder auftaucht – oder?

Am Ende balanciert Theresa Prammer die Geschichte so souverän, dass man – wie es sein sollte – nach und nach alle Beteiligten an dem Mordfall als Täter verdächtigt, bis sich eine doch eher unerwartete Lösung ergibt. Wie viel im Milieu der Schauspieler getrickst, manipuliert und gelitten wird, erfährt man auch, ohne dass es einen wunderte. Und sexuelle Verfügbarkeit bzw. Ausbeutung scheinen einfach dazu zu gehören.

Wenn am Ende Edgar Brehm die Toni Lorenz fragt, ob sie ihm in den Sommerferien nicht bei weiteren Fällen helfen will, kann man der Autorin versichern, dass sie mit dem ersten Auftreten der beiden ein Publikum gefunden hat, das diesen Figuren treu bleiben wird. Tatsächlich hat sie mit den beiden ein Paar geschaffen, wie es J.K. Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith mit der unwiderstehlichen Kombination von Cormoran-Strike und Robin Ellacott geglückt ist. Und sie wird ja nicht den Fehler der „Harry Potter“-Autorin begehen, einmal einen über tausend Seiten langen (zu viel auch für eingefleischte Fans!) Roman zu schreiben und mit irgendeiner Kleinigkeit sofort in die „Cancel-Culture“ der Sozialen Medien zu geraten…

Renate Wagner

 

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